Nur wenige Kilometer von Antequera entfernt liegt eine fast vergessene römische Stadt unter der Erde. In Singilia Barba haben Archäologen erstmals Teile eines monumentalen Theaters freigelegt – und sind auf einen außergewöhnlich gut erhaltenen Zuschauerbereich gestoßen. Dabei ist bislang gerade einmal rund fünf Prozent des Bauwerks ausgegraben. Was darunter noch verborgen liegt, könnte Singilia Barba zu einer der spannendsten archäologischen Stätten Andalusiens machen.
Redaktion Spanien Press
Andalusien ist reich an Spuren seiner römischen Vergangenheit. Doch manche ihrer größten Geheimnisse liegen noch immer buchstäblich unter unseren Füßen.
Eines davon befindet sich nahe Antequera in der Provinz Málaga: Singilia Barba, eine antike Stadt, die über Jahrhunderte an Bedeutung verlor und schließlich weitgehend verlassen wurde. Große Teile des einstigen Stadtgebiets verschwanden unter Erde und Vegetation – und genau das könnte sich heute als Glücksfall erweisen.
Nach mehr als drei Jahrzehnten ohne größere archäologische Arbeiten haben Forscher der Universidad Complutense de Madrid (UCM) die Untersuchungen wieder aufgenommen. Im Mittelpunkt steht erstmals das römische Theater von Singilia Barba.
Ein Theater mit 52 Metern Durchmesser
Dass hier ein Theater existiert, ist keineswegs eine neue Erkenntnis. Hinweise darauf gibt es bereits seit Jahrhunderten. Systematisch ausgegraben worden war das Bauwerk bislang jedoch nicht.
Nun haben Archäologen einen Teil des oberen Zuschauerbereichs freigelegt – und der Zustand der gefundenen Strukturen hat selbst die Forscher überrascht.
Das Theater besitzt einen Durchmesser von etwa 52 Metern. Besonders bemerkenswert sind die erhaltenen Steinblöcke der oberen Sitzreihen.
Gerade dieser Teil antiker Theater ist häufig stark beschädigt oder vollständig verschwunden. Über Jahrhunderte wurden Steine antiker Bauwerke andernorts als Baumaterial verwendet, während Erosion, Einstürze und Plünderungen zusätzlich ihre Spuren hinterließen.
In Singilia Barba scheint etwas anderes passiert zu sein: Die gewaltigen Erdschichten, unter denen das Theater verschwand, haben Teile des Bauwerks offenbar geschützt.
95 Prozent liegen noch unter der Erde
Und genau hier beginnt die eigentliche archäologische Spannung.
Bislang wurden nach Angaben des Forschungsteams lediglich etwa fünf Prozent des Theaters freigelegt.
Sollte sich der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand auch in den tiefer liegenden und bislang unangetasteten Bereichen fortsetzen, könnte das Theater von Singilia Barba zu den am besten erhaltenen römischen Theateranlagen der Iberischen Halbinsel gehören.
Die Forscher vergleichen das mögliche Potenzial bereits mit bedeutenden römischen Anlagen wie Medellín und Regina in Extremadura.
Noch ist dafür allerdings viel zu wenig ausgegraben. Erst weitere Grabungskampagnen werden zeigen, was tatsächlich unter der Erde erhalten geblieben ist.
Schon die ersten Funde erzählen vom Leben vor 2.000 Jahren
Dabei liefern selbst die bislang untersuchten Bereiche erstaunliche Hinweise auf das damalige Leben.
Unter den Fundstücken befinden sich beispielsweise Haarnadeln, die Hinweise auf weibliche Besucher des Theaters geben. Andere Materialien zeigen, dass Singilia Barba keineswegs eine unbedeutende Provinzsiedlung gewesen sein dürfte.
Besonders aufschlussreich sind Marmorstücke, deren Herkunft bis nach Griechenland und in die heutige Türkeizurückverfolgt werden kann.
Solche Materialien mussten über weite Strecken transportiert werden und sprechen für Wohlstand sowie weitreichende Handelsbeziehungen.
Singilia Barba war offenbar Teil eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Netzwerkes, das weit über das heutige Andalusien hinausreichte.
Nicht nur ein Theater: Unter der Erde liegt eine ganze Stadt
Das Theater ist zudem nur ein Teil dessen, was Singilia Barba so interessant macht.
Die antike Stadt erreichte insbesondere während der flavischen Epoche des Römischen Reiches eine bedeutende Stellung und erhielt den Rang eines Municipium. Ihr offizieller Name lautete Municipium Flavium Liberum Singiliensis.
Ihre Geschichte reicht allerdings noch weiter zurück. Bereits vor der römischen Herrschaft gab es hier Siedlungsstrukturen mit turdetanischen Wurzeln.
Das Ausmaß der späteren römischen Stadt ist beeindruckend.
Neben dem Theater gab es einen Circus für Wagenrennen und andere Veranstaltungen, Wohnviertel mit großzügigen Häusern, mehrere Nekropolen sowie ein Forum als politisches, religiöses und gesellschaftliches Zentrum.
Teile dieses Forums wurden bereits untersucht. Dabei kamen unter anderem Überreste von Tempelanlagen, kleineren Heiligtümern, einer Basilika und einer großen, mit Sandsteinplatten gepflasterten Fläche zum Vorschein.
Noch spektakulärer könnte jedoch das sein, was bislang nicht ausgegraben wurde.
Ein römischer Circus von rund 350 Metern Länge
Technische Untersuchungen haben in einem tiefer gelegenen Bereich der Stadt die Struktur eines römischen Circus dokumentiert.
Die Anlage soll eine Länge von ungefähr 350 Metern gehabt haben.
Inschriften, die sich auf Zirkusspiele beziehen, stützen die Annahme, dass hier tatsächlich große Veranstaltungen stattgefunden haben.
Auch außerhalb des eigentlichen Stadtgebietes befanden sich mehrere Begräbnisstätten. Besonders bekannt ist die Nekropole von Las Maravillas, die bereits in den 1990er-Jahren untersucht wurde und Keramik, Inschriften und Skulpturen hervorbrachte.
Das Gesamtbild wird damit immer deutlicher: Singilia Barba war keine kleine Ansammlung römischer Häuser, sondern eine Stadt mit öffentlicher Unterhaltung, religiösen Gebäuden, repräsentativen Plätzen, Wohnvierteln und umfangreichen Begräbnisstätten.
Warum wurde hier so lange kaum gegraben?
Umso erstaunlicher ist, dass die archäologische Erforschung über Jahrzehnte praktisch zum Stillstand kam.
Seit 1995 hatte es keine vergleichbare Grabungskampagne mehr gegeben. Einer der Projektleiter, Sergio España, führt das unter anderem auf mangelndes institutionelles Interesse zurück.
Die jüngsten Entdeckungen könnten das nun ändern.
Das Team hinter dem Proyecto Singilia möchte die Arbeiten langfristig fortsetzen und moderne Methoden der Geoarchäologie mit klassischen Ausgrabungen und der Untersuchung des Fundmaterials verbinden.
Eine weitere Kampagne ist für das kommende Jahr vorgesehen. Dafür wird allerdings zusätzliche Finanzierung benötigt.
Eine Zeitkapsel unter andalusischer Erde
Vielleicht liegt genau darin die Besonderheit von Singilia Barba.
Während viele römische Monumente seit Jahrhunderten sichtbar sind, restauriert wurden oder Teile ihrer ursprünglichen Substanz verloren haben, schlummert hier noch ein großer Teil einer antiken Stadt unter der Erde.
Beim Theater sind bislang ungefähr 95 Prozent nicht ausgegraben.
Niemand weiß derzeit genau, was sich darunter befindet und in welchem Zustand es erhalten ist.
Doch wenn die ersten fünf Prozent tatsächlich einen Hinweis auf den Rest geben, könnte wenige Kilometer von Antequera entfernt eines der bemerkenswertesten römischen Monumente Spaniens darauf warten, wieder ans Tageslicht zu kommen.
Und möglicherweise ist das Theater erst der Anfang.
