Spanien nähert sich der Marke von 20.000 Hundertjährigen und gehört zu den europäischen Ländern, in denen die Wahrscheinlichkeit, 100 Jahre alt zu werden, besonders hoch ist. Was zunächst wie eine demografische Kuriosität klingt, könnte sich als eine der großen gesellschaftlichen Veränderungen der kommenden Jahrzehnte erweisen. Denn wenn immer mehr Menschen 90, 100 oder sogar noch älter werden, müssen sich nicht nur Medizin und Pflege verändern, sondern auch unsere Städte, Wohnungen, Familien, Arbeitsmodelle, Rentensysteme und letztlich unsere Vorstellung davon, wann ein Mensch eigentlich „alt“ ist.
Redaktion Spanien Press
Es gibt Zahlen, die auf den ersten Blick wie eine statistische Randnotiz wirken und erst dann ihre eigentliche Dimension entfalten, wenn man sich vor Augen führt, was sie für die Zukunft einer Gesellschaft bedeuten. Eine dieser Zahlen betrifft die Menschen, die in Spanien inzwischen ein Alter erreichen, das noch vor wenigen Generationen als beinahe unglaublich galt.
Spanien nähert sich der Marke von 20.000 Hundertjährigen.
Nach der jüngsten verfügbaren Schätzung auf Grundlage der laufenden Bevölkerungsstatistik des spanischen Statistikamtes INE lebten im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 18.751 Menschen im Alter von mindestens 100 Jahren in Spanien. Besonders auffällig ist dabei der enorme Unterschied zwischen den Geschlechtern: 15.234 dieser Hundertjährigen waren Frauen und lediglich 3.517 Männer.
Allerdings ist bei der häufig genannten Zahl von 20.000 eine Präzisierung notwendig. In medizinischen Fachkreisen ist inzwischen bereits von mehr als 20.000 Hundertjährigen die Rede. Die spanische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin SEMG verwendet diese Größenordnung beispielsweise im Zusammenhang mit ihrem Forschungsprojekt zur extremen Langlebigkeit. Hält man sich jedoch streng an die jüngste verfügbare statistische Reihe des INE, hat Spanien diese symbolträchtige Schwelle noch nicht offiziell überschritten.
Angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre dürfte dies allerdings nur noch eine Frage der Zeit sein.
Fast 75 Prozent mehr Hundertjährige innerhalb eines Jahrzehnts
Das wirklich Bemerkenswerte ist nämlich weniger die absolute Zahl als die Geschwindigkeit, mit der sie wächst. Im zweiten Halbjahr 2016 lebten in Spanien 10.847 Menschen, die mindestens 100 Jahre alt waren. Im zweiten Halbjahr 2025 waren es bereits rund 19.041.
Innerhalb von weniger als zehn Jahren ist die Zahl der Hundertjährigen damit um ungefähr 75 Prozent gestiegen.
Natürlich bleibt der 100. Geburtstag auch heute ein außergewöhnliches Ereignis. Doch er ist längst nicht mehr so selten wie noch zu Zeiten unserer Eltern oder Großeltern. Und wenn sich die demografische Entwicklung fortsetzt, wird sich unsere Wahrnehmung eines extrem hohen Lebensalters in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern.
Die absolute Zahl allein sagt wenig aus
Wer Länder miteinander vergleichen möchte, darf allerdings nicht einfach zählen, wie viele Hundertjährige dort leben. Ein Land mit mehreren hundert Millionen Einwohnern wird naturgemäß mehr Hundertjährige haben als ein wesentlich kleineres Land.
Die Vereinigten Staaten beispielsweise haben mehr als 340 Millionen Einwohner, während Spanien nicht einmal 50 Millionen zählt. Deshalb ist eine andere Kennzahl wesentlich aussagekräftiger: Wie viele Hundertjährige gibt es je 100.000 Einwohner?
Und genau bei dieser Betrachtung wird Spanien besonders interessant.
Die spanischen Zahlen für das erste Halbjahr 2026 entsprechen ungefähr 38 Hundertjährigen je 100.000 Einwohner. Anders ausgedrückt: Rund 0,038 Prozent der gesamten spanischen Bevölkerung haben bereits ihren 100. Geburtstag erlebt.
Das klingt zunächst nach einem winzigen Anteil, ist im internationalen Vergleich jedoch bemerkenswert. Bei der US-Volkszählung 2020 wurden 80.139 Hundertjährige erfasst. Aufgrund der wesentlich größeren Gesamtbevölkerung entsprach dies ungefähr 20 Hundertjährigen je 100.000 Einwohner. Spanien kommt proportional damit auf fast doppelt so viele.
Italien, ebenfalls eines der europäischen Länder mit besonders hoher Lebenserwartung, zählte Anfang 2025 rund 23.500 Hundertjährige und damit ungefähr 40 je 100.000 Einwohner. Frankreich kam bereits 2023 auf rund 30.000 Hundertjährige beziehungsweise ungefähr 44 je 100.000 Einwohner.
Spanien steht also nicht allein da. Gemeinsam mit Ländern wie Frankreich und Italien gehört es jedoch zu jener Gruppe europäischer Gesellschaften, in denen extreme Langlebigkeit besonders häufig geworden ist.
Japan bleibt der internationale Ausnahmefall
Noch beeindruckender ist die Entwicklung in Japan. Im September 2026 wurden dort 107.677 Menschen im Alter von mindestens 100 Jahren registriert. Das entspricht etwa 87,5 Hundertjährigen je 100.000 Einwohner und damit mehr als dem Doppelten des spanischen Wertes.
Japan bleibt somit eines der außergewöhnlichsten Langlebigkeits-Labore der Welt. Doch gerade der Vergleich zeigt, warum auch die spanische Entwicklung bemerkenswert ist: Mit weniger als 50 Millionen Einwohnern nähert sich Spanien der Marke von 20.000 Hundertjährigen und gehört damit eindeutig zu den Ländern, in denen ein extremes Lebensalter vergleichsweise häufig erreicht wird.
Bei einem entscheidenden europäischen Vergleich liegt Spanien sogar auf Platz zwei
Noch aussagekräftiger als der bloße Anteil Hundertjähriger an der heutigen Bevölkerung ist möglicherweise die Frage, wie viele Menschen einer bestimmten Generation tatsächlich den Sprung von 60 auf 100 schaffen.
Das französische Statistikamt INSEE hat genau dies untersucht und berechnet, wie viele Menschen, die 1980 bereits 60 Jahre alt waren, vier Jahrzehnte später ihren 100. Geburtstag erreichten. Diese Methode hat einen großen Vorteil: Die sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgrößen der einzelnen Länder spielen eine deutlich geringere Rolle.
Das Ergebnis ist bemerkenswert. Frankreich liegt bei diesem konkreten Indikator in Europa an erster Stelle, Spanien folgt direkt dahinter auf Platz zwei.
Von jeweils 1.000 Menschen, die 1980 bereits 60 Jahre alt waren, erreichten in Frankreich 21 das Alter von 100 Jahren. In Spanien waren es 16, in Italien 14, in der Schweiz und Portugal jeweils 12, in Schweden und Norwegen 10 und im Vereinigten Königreich 9.
Spanien ist damit nicht einfach ein Land mit vielen älteren Menschen. Es gehört zu den europäischen Hochburgen der extremen Langlebigkeit.
Warum ausgerechnet Spanien?
Damit stellt sich zwangsläufig die vielleicht interessanteste Frage des gesamten Phänomens: Warum erreichen in Spanien vergleichsweise viele Menschen ein solch hohes Alter?
Eine einfache Antwort gibt es nicht, und ebenso wenig existiert ein spanisches Geheimrezept für den 100. Geburtstag. Wissenschaftler gehen vielmehr davon aus, dass extreme Langlebigkeit durch ein komplexes Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Ernährung, Bewegung, medizinischer Versorgung, Umweltbedingungen und sozialen Faktoren entsteht.
Spanien bringt erstaunlich viele dieser Voraussetzungen zusammen. Generationen von Spaniern sind mit einer Ernährung aufgewachsen, die stark von frischen Lebensmitteln, Hülsenfrüchten, Gemüse, Fisch, Obst und Olivenöl geprägt war. Hinzu kommt eine Form der alltäglichen körperlichen Aktivität, die heute häufig unterschätzt wird.
Viele der Menschen, die inzwischen ihren 100. Geburtstag feiern, waren über Jahrzehnte ganz selbstverständlich körperlich aktiv: Sie gingen viel zu Fuß, verrichteten körperliche Arbeit und integrierten Bewegung in ihren Alltag, lange bevor Fitnessstudios, Schrittzähler oder Gesundheits-Apps überhaupt eine Rolle spielten.
Darüber hinaus verfügt Spanien traditionell über relativ starke familiäre und soziale Strukturen. Der regelmäßige Kontakt zu Familie, Freunden und Nachbarn, die Einbindung in das gesellschaftliche Leben und ein vergleichsweise geringes Maß an sozialer Isolation könnten ebenfalls eine Rolle spielen. Gleichzeitig hat sich die medizinische Versorgung enorm verbessert und ermöglicht es heute, Krankheiten zu überleben oder langfristig zu behandeln, die noch vor wenigen Generationen tödlich gewesen wären.
Die moderne Langlebigkeitsforschung sucht deshalb nicht nach einem einzigen „Wundermittel“. Vielmehr untersucht sie das Zusammenspiel von Ernährung, Bewegung, Prävention, medizinischer Versorgung, sozialen Kontakten und psychischem Wohlbefinden. Auch die Frage, ob Menschen im hohen Alter weiterhin Aufgaben, soziale Rollen und einen persönlichen Lebenssinn haben, rückt zunehmend in den Mittelpunkt.
Galicien entwickelt sich zum spanischen Labor der Langlebigkeit
Besonders interessant ist die Entwicklung in Galicien. Dort leben bereits mehr als 2.000 Hundertjährige, wobei insbesondere die Provinzen Lugo und Ourense eine bemerkenswert hohe Konzentration extrem alter Menschen aufweisen.
Spanische Mediziner untersuchen inzwischen systematisch, was jene Menschen gemeinsam haben, die nicht nur ein sehr hohes Alter erreichen, sondern dabei möglichst lange selbstständig und vergleichsweise gesund bleiben. Gerade Ourense hat sich dabei zu einem wichtigen Forschungsgebiet entwickelt.
Unter gesunden Hundertjährigen finden sich immer wieder ähnliche Faktoren: eine ausgewogene traditionelle Ernährung, viel Bewegung im Alltag, ein geringer Konsum von Tabak und Alkohol, enge familiäre und soziale Bindungen sowie eine vergleichsweise geringe Belastung durch bestimmte chronische Erkrankungen.
Damit verändert sich auch die wissenschaftliche Fragestellung. Es geht längst nicht mehr ausschließlich darum zu verstehen, warum Menschen 100 Jahre alt werden, sondern vor allem darum, warum manche Menschen dieses Alter erreichen und dabei erstaunlich lange gesund und selbstständig bleiben.
Nicht nur länger leben – sondern länger gesund leben
Genau hier liegt vermutlich die wichtigste Herausforderung einer alternden Gesellschaft. Der Erfolg der modernen Medizin kann nicht allein daran gemessen werden, wie viele Geburtstage ein Mensch erlebt. Es reicht nicht, das Leben medizinisch um immer weitere Jahre zu verlängern, wenn diese zusätzlichen Jahre überwiegend von schwerer Krankheit und vollständiger Abhängigkeit geprägt sind.
Das eigentliche Ziel muss deshalb sein, die sogenannte gesunde Lebenserwartung möglichst stark zu erhöhen. Menschen sollen nicht nur 90 oder 100 Jahre alt werden, sondern möglichst lange gehen, denken, kommunizieren, soziale Beziehungen pflegen und eigenständig leben können.
Die Revolution der Langlebigkeit besteht deshalb nicht einfach darin, dem Leben mehr Jahre hinzuzufügen. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, diesen zusätzlichen Jahren möglichst viel Leben zu geben.
Und genau das könnte unsere Gesellschaft wesentlich stärker verändern, als wir heute vielleicht ahnen.
Wann beginnt in Zukunft eigentlich das Alter?
Schon unsere Vorstellung davon, wann ein Mensch „alt“ ist, könnte sich grundlegend verschieben. Vielleicht wird es uns in einigen Jahrzehnten merkwürdig erscheinen, jemanden allein deshalb als alt zu betrachten, weil er 65 Jahre geworden ist.
Denn was bedeutet es, 70 Jahre alt zu sein, wenn man möglicherweise noch weitere 20 oder 25 Jahre vor sich hat? Und was bedeutet eine Pensionierung mit 65, wenn ein Mensch anschließend bis 95 lebt?
In diesem Fall sprechen wir von potenziell 30 Lebensjahren nach dem Eintritt in den Ruhestand. Das ist nicht einfach nur ein kurzer letzter Lebensabschnitt, sondern beinahe ein weiteres vollständiges Erwachsenenleben.
Ein Mensch mit 70 kann reisen, studieren, teilweise weiterarbeiten, ein Unternehmen gründen, Sport treiben, sich um seine Enkel kümmern, sich neu verlieben oder ein völlig neues Projekt beginnen. Unsere Gesellschaft wird deshalb wesentlich stärker zwischen dem Alter im Personalausweis und dem tatsächlichen körperlichen und geistigen Zustand eines Menschen unterscheiden müssen.
Unsere Städte sind auf diese Gesellschaft noch nicht vorbereitet
Eine der sichtbarsten Veränderungen wird unsere Städte betreffen. Wie muss eine Stadt aussehen, in der ein immer größerer Teil der Bevölkerung 70, 80, 90 oder sogar 100 Jahre alt ist und möglichst lange selbstständig leben möchte?
Barrierefreie und ausreichend breite Gehwege werden wichtiger, ebenso Sitzmöglichkeiten, Ruhezonen, leicht zugängliche öffentliche Verkehrsmittel, Aufzüge, ausreichend lange Ampelphasen, wohnortnahe Gesundheitszentren, Geschäfte im eigenen Viertel, Grünflächen und eine gute Beleuchtung.
Vor allem aber werden wir Stadtviertel brauchen, in denen ältere Menschen ihren Alltag möglichst lange bewältigen können, ohne für jede Kleinigkeit auf ein Auto oder die Hilfe anderer angewiesen zu sein.
Die fußgängerfreundliche Stadt wird damit nicht mehr nur eine städtebauliche oder ökologische Frage sein. Sie wird zunehmend zu einem wichtigen Bestandteil der Gesundheits- und Sozialpolitik.
Auch unsere Wohnungen werden sich verändern müssen
Ähnliches gilt für den Wohnungsmarkt. Die meisten Menschen wünschen sich, möglichst lange in der eigenen Wohnung oder zumindest in einer vertrauten Umgebung leben zu können. Eine alternde Gesellschaft wird deshalb einen erheblichen Teil ihres bestehenden Wohnungsbestands anpassen müssen.
Ebenerdige Duschen, breitere Türen, Aufzüge, rutschfeste Böden, Smart-Home-Technologie, automatische Beleuchtung, Sensoren zur Erkennung von Stürzen, moderne Hausnotrufsysteme und vernetzte medizinische Geräte könnten in Zukunft zur normalen Ausstattung vieler Wohnungen gehören.
Gleichzeitig dürften neue Wohnformen an Bedeutung gewinnen: Wohnanlagen für selbstständige ältere Menschen, generationsübergreifende Projekte oder Gebäude, in denen Bewohner ihre eigene private Wohnung behalten, aber bestimmte Dienstleistungen und Gemeinschaftsbereiche miteinander teilen.
Die Langlebigkeit wird deshalb nicht nur Medizin und Pflege verändern. Sie wird auch zu einem wichtigen Faktor auf dem Immobilienmarkt.
Wer wird eine immer ältere Bevölkerung betreuen?
Die Revolution der Langlebigkeit hat allerdings auch eine wesentlich schwierigere Seite. Nicht jeder Mensch wird seinen 90. oder 100. Geburtstag bei guter Gesundheit erleben. Mit einer älteren Bevölkerung wird auch die Zahl der Menschen mit chronischen Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit, Gebrechlichkeit oder Demenz steigen.
Spanien wird deshalb erheblich mehr Fachkräfte in der Geriatrie, Kranken- und Altenpflege, Physiotherapie, Rehabilitation und häuslichen Betreuung benötigen.
Gleichzeitig verändert sich die traditionelle Familie. Spanier bekommen weniger Kinder, Familien werden kleiner und erwachsene Kinder leben häufiger in anderen Städten oder sogar im Ausland. Frauen, die historisch einen großen Teil der unbezahlten Pflege innerhalb der Familie übernommen haben, sind heute selbstverständlich berufstätig.
Das traditionelle Modell, nach dem Familien einen Großteil der Pflege alter Menschen praktisch allein übernehmen, dürfte deshalb langfristig kaum ausreichen.
Die Frage „Wer kümmert sich um uns, wenn wir 90 oder 100 sind?“ könnte zu einer der großen gesellschaftlichen Fragen der kommenden Jahrzehnte werden.
Ein 100-jähriges Leben verändert auch Arbeit und Rente
Auch unser Verhältnis zur Arbeit wird sich verändern müssen. Eine Gesellschaft, in der Millionen Menschen 90 Jahre oder älter werden können, lässt sich langfristig kaum nach denselben Regeln organisieren wie eine Gesellschaft, in der die durchschnittliche Lebenserwartung wesentlich niedriger lag.
Vielleicht wird die Zukunft deshalb nicht darin bestehen, bis zu einem bestimmten Geburtstag vollständig zu arbeiten und am nächsten Tag vollständig aus dem Berufsleben auszuscheiden. Wahrscheinlicher sind fließendere Übergänge mit Teilzeitarbeit, Beratungstätigkeiten, einer Kombination aus Rente und Beschäftigung oder sogar neuen beruflichen Projekten nach dem 60. Lebensjahr.
Damit verbunden ist zwangsläufig die Frage nach der langfristigen Finanzierung der Renten. Menschen ab 65 Jahren machen heute bereits rund 21 Prozent der spanischen Bevölkerung aus. Nach den langfristigen Szenarien des INE könnte ihr Anteil in den kommenden Jahrzehnten auf ungefähr 31 Prozent steigen.
Das wäre keine kleine demografische Verschiebung, sondern eine grundlegende Veränderung der Struktur der spanischen Gesellschaft.
Selbst Erbschaften werden später kommen
Eine weitere Konsequenz der Langlebigkeit wird bislang erstaunlich wenig diskutiert. Wenn Eltern 95 oder sogar 100 Jahre alt werden, werden viele ihrer Kinder erst erben, wenn sie selbst bereits 65 oder 70 Jahre alt sind.
Damit verliert auch das traditionelle Modell an Bedeutung, nach dem eine Erbschaft beispielsweise beim Kauf der ersten Immobilie, bei der Familiengründung oder beim Aufbau eines Unternehmens helfen konnte. Vermögen wird künftig möglicherweise wesentlich später von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Gleichzeitig werden Familien mit vier gleichzeitig lebenden Generationen immer häufiger werden. Selbst fünf Generationen innerhalb einer Familie könnten langfristig weniger außergewöhnlich sein, als wir es heute gewohnt sind.
Die Hundertjährigen sind möglicherweise erst der Anfang
Vor zehn Jahren lebten in Spanien rund 10.800 Hundertjährige. Heute sind es nach der jüngsten statistischen Schätzung fast 19.000, während medizinische Fachgesellschaften bereits von mehr als 20.000 sprechen. Für die kommenden Jahrzehnte gehen Prognosen von einem weiteren starken Anstieg aus; bis 2050 könnten es mehr als 100.000 sein.
Deshalb sind die Frauen und Männer, die heute in Spanien ihren 100. Geburtstag feiern, nicht nur außergewöhnliche Zeitzeugen einer anderen Epoche. Sie könnten gleichzeitig einen ersten Blick auf die Gesellschaft ermöglichen, in der wir selbst eines Tages leben werden.
Spanien gehört schon heute zu den europäischen Ländern, in denen das Erreichen des 100. Lebensjahres vergleichsweise häufig ist. Nachdem es Medizin, Wohlstand und gesellschaftliche Entwicklung ermöglicht haben, das menschliche Leben immer weiter zu verlängern, beginnt nun die vielleicht schwierigere Aufgabe: Spanien muss seine Städte und Wohnungen, sein Gesundheits- und Pflegesystem, seine Arbeitswelt und langfristig auch sein Rentensystem an eine Gesellschaft anpassen, in der ein sehr hohes Lebensalter immer weniger die Ausnahme sein wird.
Dabei wird sich vermutlich auch unsere Einstellung zum Alter verändern müssen. Die entscheidende Frage der kommenden Jahrzehnte lautet deshalb nicht mehr ausschließlich, wie alt wir werden können.
Sie lautet vielmehr:
Wie wollen wir all diese zusätzlichen Jahre leben?
Und vielleicht können uns gerade jene fast 20.000 Menschen in Spanien, die diesen Weg bereits bis zum 100. Geburtstag gegangen sind, einiges über die Antwort darauf beibringen.
