Am 31. Oktober ziehen immer mehr Kinder und Jugendliche in Kostümen durch die Straßen, während am 1. November viele Familien der Verstorbenen gedenken. Doch Spanien feiert den Herbst nicht überall gleich: Von gerösteten Kastanien in Katalonien über die Chaquetía in Extremadura bis zu den satirisch geschmückten Marktständen in Cádiz pflegt jede Region ihre eigenen Traditionen.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Wenn Ende Oktober die Tage kürzer werden, Kürbisse vor Hauseingängen stehen und sich Schaufenster in Geisterlandschaften verwandeln, bereitet sich auch Spanien auf Halloween vor. Doch neben der zunehmend beliebten Gruselnacht hat der 1. November als Día de Todos los Santos, der spanische Allerheiligentag, einen festen Platz im Jahreskalender. Für viele Familien ist das Datum vor allem mit dem Gedenken an verstorbene Angehörige verbunden.
Beide Feierlichkeiten liegen zeitlich nah beieinander, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte. Während Halloween vor allem mit Verkleidungen, Süßigkeiten und Unterhaltung verbunden wird, stehen an Allerheiligen traditionell Friedhofsbesuche, Blumen und familiäres Gedenken im Mittelpunkt. Gleichzeitig zeigt ein Blick auf die spanischen Regionen, dass sich alte Bräuche und moderne Einflüsse längst miteinander vermischen.
Halloween wird bei jungen Spaniern immer beliebter
Halloween am 31. Oktober ist in Spanien längst mehr als ein aus den USA übernommenes Fest. In vielen Städten organisieren Schulen, Freizeitparks, Bars und Diskotheken Veranstaltungen, bei denen sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene als Hexen, Skelette, Vampire oder Figuren aus Horrorfilmen verkleiden. Geschäfte und private Häuser werden mit Kürbissen, Spinnennetzen und künstlichen Grabsteinen dekoriert.
Besonders bei Kindern gehört das Sammeln von Süßigkeiten inzwischen vielerorts zum festen Programm. Sie ziehen in Gruppen durch Wohnviertel und bitten an Haustüren um Süßigkeiten – nach dem bekannten Motto „Trick or Treat“, auf Spanisch häufig als „truco o trato“ bezeichnet. Allerdings ist diese Praxis nicht überall gleich verbreitet und hängt stark von der jeweiligen Gemeinde und den örtlichen Angeboten ab.
Für Jugendliche und junge Erwachsene steht häufig das gemeinsame Feiern im Vordergrund. Kostümpartys, Treffen mit Freunden und Veranstaltungen in Clubs bieten die Gelegenheit, Halloween als geselliges Ereignis zu erleben. Auch soziale Netzwerke tragen dazu bei, dass aufwendige Verkleidungen und dekorierte Partys zunehmend Teil der Feierkultur sind.
Die wachsende Beliebtheit von Halloween bedeutet jedoch nicht, dass traditionelle Bräuche vollständig verschwinden. Vielmehr finden beide Formen des Feierns häufig nebeneinander statt. In manchen Familien verkleiden sich die Kinder am Abend des 31. Oktober, während am folgenden Tag gemeinsam der Friedhof besucht wird.
Allerheiligen: Blumen, Friedhofsbesuche und Erinnerungen
Der Día de Todos los Santos am 1. November ist in ganz Spanien ein gesetzlicher Feiertag. Für viele Menschen ist er einer der wichtigsten Termine des Jahres, um verstorbenen Familienmitgliedern und Freunden zu gedenken.
Traditionell besuchen Angehörige an diesem Tag die Friedhöfe, reinigen die Gräber, erneuern die Dekoration und bringen frische Blumen mit. Besonders häufig sind Nelken und Chrysanthemen zu sehen. Auf den Friedhöfen herrscht deshalb rund um Allerheiligen oft reger Betrieb. In größeren Städten werden teilweise zusätzliche Verkehrsangebote organisiert, um den Besucherstrom zu bewältigen.
Der Friedhofsbesuch ist häufig eine Familienangelegenheit. Mehrere Generationen kommen zusammen, um gemeinsam die Gräber zu pflegen und sich an die Verstorbenen zu erinnern. In katholisch geprägten Familien kann auch der Besuch eines Gottesdienstes dazugehören. Andere Menschen begehen den Tag unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung als persönlichen Gedenktag.
Nach dem Friedhofsbesuch treffen sich viele Familien zum gemeinsamen Essen. Dabei geht es weniger um ein landesweit einheitliches Festmenü als um regionale Spezialitäten und vertraute Gerichte. Für zahlreiche Spanier gehören außerdem traditionelle Süßigkeiten aus den Konditoreien zur Jahreszeit.
Huesos de santo und Buñuelos: Diese Süßigkeiten gehören zu Allerheiligen
In den Tagen vor dem 1. November füllen sich die Schaufenster spanischer Konditoreien mit Süßigkeiten, die speziell mit Allerheiligen verbunden sind. Zwei Klassiker sind die Huesos de santo und die Buñuelos de viento.
Die Huesos de santo, wörtlich „Heiligenknochen“, sind längliche, knochenähnliche Süßigkeiten aus Marzipan. Traditionell werden sie mit einer süßen Eigelbmasse gefüllt. Heute gibt es auch Varianten mit anderen Füllungen, etwa Schokolade oder Creme. Ihr Name und ihre Form machen sie zu einem der bekanntesten Gebäcke rund um den Día de Todos los Santos.
Die Buñuelos de viento sind kleine, in Öl ausgebackene Teigkugeln. Sie werden pur, mit Zucker bestreut oder mit Füllungen wie Sahne, Vanillecreme und Schokolade angeboten. Auch andere regionale Varianten sind verbreitet. Mit den Buñuelos ist zudem eine volkstümliche Vorstellung verbunden: Dem Volksglauben zufolge wird eine Seele aus dem Fegefeuer befreit, wenn ein Buñuelo gegessen wird.
In Katalonien spielen dagegen die Panellets eine besonders wichtige Rolle. Die kleinen Süßigkeiten bestehen hauptsächlich aus Mandeln, Zucker und Ei. Besonders beliebt sind Varianten mit Pinienkernen, daneben gibt es beispielsweise Sorten mit Kokos oder Schokolade.

Nicht überall stehen jedoch Süßigkeiten im Mittelpunkt. In vielen Regionen gehören geröstete Kastanien, Süßkartoffeln, Nüsse und andere saisonale Produkte zum Herbst. Das Essen verbindet dabei den Abschied vom Sommer mit dem Gedenken an die Verstorbenen und dem Zusammensein mit Familie und Freunden.
Von der Castanyada in Katalonien bis zur Chaquetía in Extremadura: Spaniens regionale Traditionen
Obwohl Halloween und Allerheiligen im ganzen Land bekannt sind, unterscheiden sich die Bräuche von Region zu Region teilweise erheblich. Vielerorts sind Traditionen erhalten geblieben, die mit der Erntezeit, dem Herbst und dem Gedenken an die Toten verbunden sind.
In Katalonien gehört die Castanyada zu den bekanntesten Herbstfesten. Sie wird vor allem am 31. Oktober gefeiert und ist eng mit dem gemeinsamen Essen verbunden. Familien kaufen geröstete Kastanien und Süßkartoffeln, während die Panellets als typische Süßigkeit auf den Tisch kommen.
Auch die Figur der Castanyera, einer traditionellen Kastanienverkäuferin, ist Teil des Brauchtums. In Schulen lernen Kinder die Figur kennen und beschäftigen sich mit den regionalen Traditionen. Die Castanyada ist damit nicht nur ein kulinarisches Fest, sondern auch eine Möglichkeit, kulturelle Bräuche an die nächste Generation weiterzugeben.

Galicien: Samaín und die Verbindung zu alten Herbstbräuchen
In Galicien wird zunehmend auch Samaín gefeiert. Der Name wird mit alten keltischen Herbsttraditionen in Verbindung gebracht. Zu den bekanntesten Elementen gehören ausgehöhlte Kürbisse, die mit Kerzen beleuchtet werden, sowie Erzählungen über Geister und die Welt der Toten.
In einigen Orten werden Veranstaltungen mit Kostümen, Umzügen und Aktivitäten für Kinder organisiert. Auch geröstete Kastanien spielen bei herbstlichen Zusammenkünften eine wichtige Rolle. Die Traditionen unterscheiden sich je nach Ort; Samaín ist deshalb nicht als einheitliches Fest zu verstehen, das überall in Galicien gleich begangen wird.
Extremadura: Die Chaquetía als gemeinsames Herbstpicknick
In Extremadura ist die Chaquetía ein traditioneller Brauch rund um Allerheiligen. Familien und Freundesgruppen treffen sich dabei häufig im Freien, um gemeinsam saisonale Lebensmittel zu essen.
Auf den Tisch kommen unter anderem Kastanien, Walnüsse, Granatäpfel, getrocknete Feigen und Quittengelee. In manchen Orten ziehen Kinder außerdem von Haus zu Haus und sammeln Früchte oder Süßigkeiten. Die Chaquetía verbindet damit die herbstliche Erntezeit mit dem familiären und gemeinschaftlichen Zusammenkommen.

Cádiz: Tosantos mit Humor und satirischen Marktständen
Eine besonders ungewöhnliche Tradition findet sich in Cádiz. Dort wird rund um den 31. Oktober das Fest Tosantos gefeiert. Die Händler der städtischen Märkte schmücken ihre Stände mit Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch und gestalten daraus häufig humorvolle oder satirische Szenen.
Dabei greifen sie aktuelle gesellschaftliche und politische Themen auf. Die Dekorationen sind nicht nur ein Blickfang, sondern spiegeln auch den für Cádiz bekannten Sinn für Humor wider. Die Tradition reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück und zeigt, dass die Zeit rund um Allerheiligen nicht überall ausschließlich von Trauer und Besinnlichkeit geprägt ist.
Die Kanarischen Inseln: Los Finaos als Erinnerung an die Verstorbenen
Auf den Kanarischen Inseln ist die Tradition der Los Finaos bekannt. Der Name bezieht sich auf die Verstorbenen. Traditionell kamen Familien und Nachbarn zusammen, erzählten Geschichten über verstorbene Angehörige und teilten saisonale Lebensmittel wie Kastanien und andere Nüsse.
In einigen Gemeinden werden diese Zusammenkünfte heute durch öffentliche Veranstaltungen ergänzt, bei denen Musik, regionale Speisen und Erzählungen eine Rolle spielen. Je nach Insel und Ort können sich die Bräuche unterscheiden. Die Erinnerung an die Verstorbenen bleibt jedoch ein zentrales Element.
Weitere regionale Varianten
Auch andere Landesteile bewahren eigene Formen des Herbst- und Totengedenkens. Im Baskenland und in Navarra gibt es beispielsweise die Gaztañerre-Tradition, bei der geröstete Kastanien und weitere regionale Speisen im Mittelpunkt stehen. In Teilen Andalusiens ist das Tostón mit dem gemeinsamen Rösten und Essen von Kastanien verbunden. In Asturien gehören herbstliche Kastanienfeste, die als Amagüestu bezeichnet werden, zur regionalen Kultur.
In der valencianischen Gemeinde Cocentaina wiederum findet die traditionsreiche Fira de Tots Sants statt. Die Messe geht auf das Jahr 1346 zurück und verbindet Handel, Handwerk und regionale Produkte. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich der Feiertag in einzelnen Orten zu einem größeren gesellschaftlichen Ereignis entwickelt hat.
Jüngere und ältere Generationen: Zwischen Halloween und Tradition
Auch beim Vergleich der Generationen zeigt sich, dass die Feierlichkeiten in Spanien einem Wandel unterliegen. Während ältere Menschen Allerheiligen häufig mit dem Besuch des Friedhofs, dem Blumenschmuck für die Gräber und familiären Erinnerungsritualen verbinden, ist Halloween für viele jüngere Menschen eine zusätzliche Gelegenheit, sich mit Freunden zu treffen und gemeinsam zu feiern. Kostümpartys, aufwendig dekorierte Häuser und Gruselattraktionen gehören für viele inzwischen zu den Feierlichkeiten Ende Oktober. Dadurch verändert sich die Art, wie die Tage rund um den 1. November in Spanien begangen werden.
Allerdings lässt sich daraus nicht ableiten, dass alle jungen Spanier die traditionellen Bräuche ablehnen oder sämtliche älteren Menschen Halloween kritisch gegenüberstehen. In vielen Familien werden beide Anlässe miteinander verbunden. Kinder nehmen an Halloween-Aktivitäten teil, während sie zugleich mit ihren Eltern oder Großeltern den Friedhof besuchen oder regionale Süßigkeiten kennenlernen.
Der Wandel hängt auch damit zusammen, dass Halloween in Filmen, sozialen Netzwerken, Werbung und im Einzelhandel stark präsent ist. Die aufwendigen Kostüme und Dekorationen machen das Fest für viele junge Menschen attraktiv. Traditionelle Bräuche wiederum werden häufig innerhalb der Familie, in Schulen und bei lokalen Veranstaltungen weitergegeben.
Zwei Feste, die in Spanien nebeneinander bestehen
Halloween und Allerheiligen stehen in Spanien nicht zwangsläufig in Konkurrenz zueinander. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen und werden vielerorts parallel gefeiert. Während Halloween vor allem Unterhaltung, Verkleidung und gemeinschaftliche Aktivitäten bietet, bleibt der 1. November für viele Familien ein wichtiger Tag der Erinnerung.
Zugleich zeigt die regionale Vielfalt, dass Spanien weit mehr zu bieten hat als die aus internationalen Medien bekannten Halloween-Bräuche. Ob Kastanien und Panellets in Katalonien, Samaín in Galicien, die Chaquetía in Extremadura oder die Tosantos-Märkte in Cádiz – die Tage rund um den 1. November spiegeln die kulinarischen und kulturellen Unterschiede des Landes wider.
Für viele Spanier gehört deshalb beides zusammen: ein geselliger Abend Ende Oktober und ein Tag, an dem die Familie zusammenkommt, um sich an Menschen zu erinnern, die nicht mehr da sind.
