2. November 2026
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Es gibt Monate, die sich auf einen einzigen Tag zuspitzen. Für Spanien ist es in diesem Jahr der 29. November. An jenem Sonntag wählt das Land ein neues Parlament – früher als geplant, weil Pedro Sánchez die Cortes am 5. Oktober auflöste, nachdem eine ungewöhnliche Allianz aus PP, Vox, Junts und UPN seine Wohnungsbaudekrete hatte scheitern lassen. Am Freitag, dem 13., beginnt offiziell der Wahlkampf.

Redaktion Spanien Press

Die Kulisse könnte kaum angespannter sein. Die Inflation verharrt bei 4,9 Prozent, so hoch wie seit Februar 2023 nicht mehr. Ein Zugunglück in der Mancha hat das Land erschüttert, die Beziehungen zu Marokko sind gereizt. Und über allem liegt ein Herbst, den die Meteorologen nach dem heißesten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen erneut zu warm erwarten.

Wer hier lebt, ohne Spanier zu sein, bleibt am Wahltag Zuschauer. Über das Parlament entscheiden ausschließlich spanische Staatsbürger, gleich wie lange man schon im Land wohnt. EU-Bürger dürfen immerhin bei Kommunal- und Europawahlen mitstimmen, Angehörige einiger Staaten mit entsprechendem Abkommen nur bei Kommunalwahlen.

Unmittelbarer betrifft viele der Verkehr. Seit dem Unglück von Urda ist die Schnellfahrstrecke zwischen Madrid und Andalusien gesperrt; Renfe verkauft bis zum 13. Dezember keine Fahrkarten auf dieser Verbindung. Wer nach Sevilla, Córdoba oder Málaga reisen will, sollte seine Buchung prüfen – Umbuchung und Stornierung sind kostenlos, ein Ersatzverkehr ist eingerichtet.

An den Flughäfen ist Geduld gefragt. Seit dem 10. April erfasst das europäische Einreise-/Ausreisesystem EES bei Nicht-EU-Bürgern Fingerabdrücke und Gesichtsbild, was mancherorts zu langen Schlangen führt. Die Reisegenehmigung ETIAS dagegen lässt weiter auf sich warten; inzwischen ist von 2027 die Rede. Erleichterung immerhin im Verhältnis zu Italien: Beide Länder haben im Oktober die nach der Ceuta-Krise eingeführten Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr wieder aufgehoben.

Für viele Zugewanderte zählt das Ausländerrecht. Die Antragsfrist der außerordentlichen Regularisierung endete am 30. Juni, doch noch immer werden Bescheide zugestellt; wer einen positiven erhält, muss binnen eines Monats die Ausländerkarte TIE beantragen. Einwanderung, Asyl und Staatsbürgerschaft gehören zu den Themen dieses Wahlkampfs – ein Regierungswechsel könnte die Regeln schon 2027 verändern.

Politik: Ein Plebiszit über Sánchez

Die Konservativen gehen als Favoriten ins Rennen, doch zur absoluten Mehrheit wird es aus eigener Kraft kaum reichen. Der Wahlkampf dauert vom 13. bis zum 27. November; der Samstag davor ist in Spanien traditionell der „Tag der Besinnung“, an dem jede Werbung ruht.

Sánchez hat die Wahl bewusst als Richtungsentscheidung angelegt: hier seine progressive Koalition, dort eine Regierung der PP, die auf die Stimmen von Vox angewiesen wäre. Ob diese Zuspitzung trägt, ist die eigentliche Frage dieses Herbstes.

Die Parteien kurz erklärt

Wer das spanische Kürzelalphabet nicht täglich buchstabiert, findet hier die wichtigsten Akteure:

  • PP (Partido Popular) – die konservative Volkspartei der rechten Mitte und größte Kraft der Opposition. Ihr Spitzenkandidat Alberto Núñez Feijóo, einst Regionalpräsident Galiciens, führt in den Umfragen.
  • PSOE (Partido Socialista Obrero Español) – die traditionsreichen Sozialdemokraten, seit 2018 an der Regierung, angeführt von Ministerpräsident Pedro Sánchez.
  • Vox – eine rechtsnationale Partei, häufig als rechtsextrem eingestuft, mit harter Linie in der Migrationspolitik und Skepsis gegenüber den Autonomien. Santiago Abascal hat sie zur dritten Kraft gemacht; sie gilt als möglicher Partner der PP.
  • Frente Amplio – das neue Linksbündnis jenseits der PSOE aus Movimiento Sumar, Izquierda Unida, Más Madrid und den katalanischen Comuns. Sein Vorgänger Sumar ist Juniorpartner der Regierung; an der Spitze steht Barcelonas frühere Bürgermeisterin Ada Colau. Viele Umfragen führen das Bündnis noch unter dem alten Namen.
  • Podemos – die Linkspartei, die sich vom Sumar-Lager losgesagt hat und eigene Wege geht.
  • ERC (Esquerra Republicana de Catalunya) – linke katalanische Separatisten, erneut mit dem wortgewaltigen Gabriel Rufián, diesmal im Bund mit Podemos.
  • Junts (Junts per Catalunya) – die bürgerlichen katalanischen Separatisten des Carles Puigdemont, in Madrid vertreten durch Míriam Nogueras.
  • EH Bildu – die baskische Linke mit Unabhängigkeitsanspruch, erstmals angeführt von Oskar Matute.
  • UPN (Unión del Pueblo Navarro) – Navarras konservative Regionalpartei, die dort gemeinsam mit der PP antritt.

Die Umfragen

Im Mittel von 15 Erhebungen kommt die PP auf 31,0 Prozent, die PSOE auf 27,3, Vox auf 18,9, das Sumar-Lager auf 6,3 und Podemos auf 2,9 Prozent. Sigma Dos rechnet das in Sitze um: 136 für die PP, 101 bis 106 für die PSOE, 65 für Vox. Zusammen kämen PP und Vox auf 201 Abgeordnete – deutlich über der Mehrheit von 176.

Ganz entschieden ist das Rennen dennoch nicht. Die jüngste Umfrage des Instituts Sondaxe sieht den Abstand schrumpfen: PP 29,2, PSOE 26,9, Vox 19,2 Prozent. Erhoben wurde sie allerdings, bevor die politischen Folgen von Urda absehbar waren.

Der Kampf um den Senat

Auch die zweite Kammer ist umkämpft. PP und Vox haben ihre Kandidaturen in 23 Wahlkreisen aufeinander abgestimmt; in Las Palmas, Santa Cruz de Tenerife, Cádiz, Valencia, Castellón und auf den Balearen verzichtet Vox ganz auf eigene Listen und stellt stattdessen Unabhängige auf den Listen der PP. Die Linke antwortet mit einer gemeinsamen Front aus PSOE, Frente Amplio und regionalen Partnern.

Was den Wahlkampf überschattet

  • Die Tragödie von Urda. Am 28. Oktober fuhr nahe dem Ort in der Provinz Toledo ein AVE der Staatsbahn Renfe auf einen stehenden Zug des privaten Betreibers Iryo auf. Mehr als 68 Menschen starben. Die Parteien setzten ihre Auftritte aus; neun Monate nach dem Unglück von Adamuz steht die Sicherheit der spanischen Bahn erneut zur Debatte.
  • Die Marokko-Frage. Erst am 12. Oktober räumte Sánchez ein, dass marokkanische Kriegsschiffe Ende Juli, während des Massenansturms von Migranten auf Ceuta, in spanische Gewässer eingedrungen waren. Der Nationale Gerichtshof ermittelt.
  • Die Fernsehduelle. Fest steht bislang nur das Duell Sánchez gegen Feijóo am Montag, dem 16., bei Mediaset. laSexta verschob ihre erste Debatte aus Rücksicht auf die Opfer auf den 10. November; RTVE plant für den 23. eine Runde der Fraktionssprecher, und für den 26. ist eine Viererrunde angedacht – über den Sender wird noch gestritten.

Briefwahl

Wer wahlberechtigt ist, kann die Briefwahl bis zum 19. November bei der Post beantragen, am Schalter oder online, und den Umschlag bis zum 25. November abgeben. Ein Gang ins Wahllokal ist danach nicht mehr möglich.

Wirtschaft: Teures Leben, knapper Wohnraum

Die Teuerung ist der stille Begleiter dieses Wahlkampfs. Nach der Schnellschätzung des Statistikamts INE stiegen die Verbraucherpreise im Oktober um 4,9 Prozent, genau wie im September; die Kerninflation liegt bei 3,1 Prozent. Vor allem Gas, Heizöl und Pauschalreisen treiben die Preise.

Mitte November folgt die endgültige Zahl, und sie hat Folgen an der Zapfsäule: Von ihr hängt ab, ob die Steuerermäßigung von 20 Cent je Liter auf Benzin und Diesel auch im Dezember gilt. Im November bleibt sie in Kraft. Mitte Oktober kostete der Liter Super im Schnitt 1,79 Euro, Diesel 1,89 Euro.

Zu Monatsbeginn legt das Arbeitsministerium die Arbeitsmarktdaten für Oktober vor – traditionell kein guter Monat, weil mit dem Ende der Saison die Jobs im Tourismus wegfallen. Das drängendste Thema aber bleibt das Wohnen. Die Mieten erreichten im Juni mit 15,3 Euro je Quadratmeter einen Rekord, und ausgerechnet am Streit über Wohnungspolitik zerbrach die Legislatur.

Zum Monatsende lockt der Handel mit Rabatten: Black Friday fällt auf den 27., Cyber Monday auf den 30. November, die „Black Week“ beginnt am 23. Die Schnäppchenjagd fällt damit mitten in die Schlussphase des Wahlkampfs.

Streiks: Ein Mittwoch des Stillstands

Am Mittwoch, dem 11. November, soll Spanien für 24 Stunden stillstehen. Zum Generalstreik rufen die großen Gewerkschaften CCOO und UGT auf, unterstützt von CGT, CNT, weiteren Verbänden und der Mieterbewegung. Ihre Forderungen: bezahlbarer Wohnraum, höhere Löhne, Schutz vor der Teuerung. Es ist der erste gemeinsame Generalstreik der beiden Gewerkschaftsbünde seit 2012 – und er fällt nicht zufällig auf die Tage unmittelbar vor dem Wahlkampfauftakt.

Für den Alltag heißt das: Bahn, Metro und Busse fahren nur nach Notfahrplan, der wenige Tage vorher veröffentlicht wird; auch Schulen und Behörden dürften eingeschränkt arbeiten. Wer kann, verschiebt Reisen. Die Woche wird für Bahnfahrer ohnehin zur Geduldsprobe, denn die Lokführergewerkschaft Semaf hat bei Renfe zusätzlich am 10. und 12. November zum Streik aufgerufen – aus Protest gegen die Sicherheitsmängel, die das Unglück von Urda offenbart hat.

Wetter: Ein Herbst, der nicht enden will

Der Sommer 2026 war der heißeste seit mindestens 1869 und einer der drei trockensten überhaupt. Eine echte Abkühlung ist nicht in Sicht: Der Wetterdienst AEMET hält es zu 70 Prozent für wahrscheinlich, dass Oktober, November und Dezember im größten Teil des Landes wärmer ausfallen als üblich.

Beim Regen sind die Prognosen vorsichtiger. Für den Norden, das Zentrum und den Westen der Halbinsel – besonders den Süden Galiciens und die Extremadura – liegt die Wahrscheinlichkeit eines feuchteren Quartals bei 50 Prozent. Wie das Wetter am Wahlsonntag wird, verrät freilich erst die Vorhersage jener Woche.

Gesellschaft, Kultur und Sport

Für Cineasten ist Sevilla in diesem Monat die erste Adresse. Vom 6. bis 14. November zeigt das Europäische Filmfestival (SEFF) im Cine Cervantes, im Teatro Alameda und in den Cines Odeón Plaza de Armas das europäische Autorenkino des Jahres – zu Eintrittspreisen um 3,50 Euro, die man andernorts für unmöglich hielte. In Madrid folgt vom 10. bis 26. November LesGaiCineMad, das internationale queere Filmfestival der Hauptstadt.

Am 5. November geht mit La Séptima ein neuer landesweiter Fernsehsender auf Sendung, geleitet vom Journalisten Javier Ruiz – ein Start mitten in der heißen Phase der Politik.

Sportlich richtet sich der Blick nach Bologna. Dort spielt Spaniens Tennisauswahl unter Kapitän David Ferrer vom 24. bis 29. November die Finalrunde des Davis Cup; erster Gegner ist am Donnerstag, dem 26., Österreich. Sollte es Spanien ins Endspiel schaffen, fiele es ausgerechnet auf den Wahlsonntag.

Wer Musik sucht, findet sie unter anderem bei Duran Duran, die am 6. November in Madrid auftreten, und beim Lion Rock Festival in León am Tag darauf.

Und dann, gegen Ende des Monats, gehen die Lichter an. Den Auftakt macht traditionell Vigo, dessen Bürgermeister Abel Caballero das Datum wie ein Staatsgeheimnis hütet; erwartet wird es um die Monatsmitte, im vergangenen Jahr war es der 15. November. Madrid plant die Illumination für den 28. November, Málaga mit seiner berühmten Lichtshow in der Calle Larios für den 29. – den Wahlabend. Barcelona, in diesem Jahr Europäische Weihnachtshauptstadt, hat sich noch nicht festgelegt; 2025 erstrahlte der Passeig de Gràcia am 22. November, Sevilla folgte am 29.

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