„Cariño, Princesa – und einmal 100g Serrano, bitte“: Eine deutsche Odyssee durch das spanische Kosenamen-Karussell
Als ich das erste Mal in Spanien in einer Bäckerei stand, wollte ich eigentlich nur ein Croissant. Was ich bekam, war ein Croissant – und einen neuen Titel. Die Verkäuferin lächelte mich an, als hätte ich ihr gerade einen Heiratsantrag gemacht, und hauchte: „¿Algo más, cariño?“
Ich war verwirrt. Cariño? Schatz? Wir kennen uns seit exakt 3,5 Sekunden. Ich dachte kurz, ich hätte versehentlich ein Speed-Dating betreten.
Ein paar Wochen später beim Metzger dann:
„¿Qué quieres, princesa?“
Ich wollte eigentlich nur 100g Serrano. Jetzt hatte ich ein bisschen das Gefühl, wir führen eine Fernbeziehung. Ich überlegte, ob ich mich bedanken oder einfach „Ich dich auch“ sagen sollte.
In Spanien sind Kosenamen keine Frage der Intimität, sondern offenbar der Grammatik. Wo wir Deutschen ein „Bitte“ oder „Danke“ mühsam zwischen die Zähne pressen, werfen Spanier fröhlich mit mi amor, guapa, cariño oder corazón um sich, als wäre es Konfetti auf einer Fiesta.
Und ich gebe zu: Es hat mich anfangs komplett verwirrt. Besonders als ich eine E-Mail von meinem Chef bekam, in der er die Worte „Un abrazo“ ans Ende setzte.
Ich dachte ernsthaft, das sei ein Autokorrekturfehler.
„Una Brazo“? Ich googelte.
„Eine Umarmung“.
Ich war fassungslos.
Eine Umarmung? Vom Chef?
Ich dachte: „Ist das ein Kündigungsvorwand? Habe ich etwas sehr Emotionales geleistet? Sind wir jetzt… nah?“
In Deutschland endet eine Chef-Mail nüchtern mit „Mit freundlichen Grüßen“. Wenn überhaupt. Meist nur „MfG“. Und jetzt das hier. Mit Umarmung!
Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt – oder besser gesagt, ich fange es an zu lieben. Es ist ganz normal, beim Supermarkt an der Kasse mit „mi vida“ (mein Leben) abkassiert zu werden. Und wenn mir der DHL-Bote „tesoro“ (Schatz) zuruft, denke ich nur noch: Ach, wie schön, ich bin offenbar mit halb Madrid zusammen, ohne es zu wissen.
Aber seien wir ehrlich: Manchmal wissen wir wirklich nicht mehr, ob wir mit dem Bäcker, dem Fleischer oder dem Taxifahrer liiert sind. Es könnte sein. Es fühlt sich so an. Wir führen eine Art kollektive Beziehung mit dem spanischen Einzelhandel – ohne Verpflichtung, aber mit viel Herz.
Und dann gibt es diesen Moment, wenn man ein Restaurant verlässt – selbst wenn man nur zum Mittagessen da war – und das Personal ruft einem fröhlich hinterher:
„¡Adiós, familia!“
Adiós… Familie.
Und jedes Mal trifft mich das mitten ins Herz. Ich lächle, drehe mich vielleicht noch einmal kurz um und denke: Oh, ich bin schon Familie.
Es bedeutet ein bisschen, dass man dazugehört.
Dass man Teil von etwas ist. Und das ist, wenn man aus einem anderen Land kommt, vielleicht das schönste Gefühl überhaupt: Dieses Gefühl, ein großes Stück Spanien geworden zu sein. Nicht als Gast, sondern als Teil vom Ganzen.
Diese Selbstverständlichkeit, mit der man hier aufgenommen wird, diese einzigartige Wärme, sie ist einfach… wunderschön.
Und ja – inzwischen bin ich so sehr spanifiziert, dass ich selbst zum Kosenamen-Orakel geworden bin. Ich verwende sie ganz selbstverständlich. Nicht aus Höflichkeit oder Gewohnheit, sondern weil ich sie liebe.
Für jeden Menschen denke ich mir einen neuen Spitznamen aus – mal „mi cielo“, mal „corazón bonito“, mal einfach „guapísima“. Es ist fast ein Kosenamen-Karussell, das sich ständig dreht.
Und jedes Mal, wenn ich es sage und das Funkeln in den Augen meines Gegenübers sehe, denke ich: Genau das ist es.
Diese kleinen Worte, sie öffnen Herzen. Sie machen das Leben ein bisschen weicher, wärmer, verbindlicher.
Und dann sitze ich manchmal irgendwo, trinke einen Café con leche, und denke:
Ich liebe das.
Ich liebe, dass ich einmal „Te quiero. Tú eres precioso“ zu meinem Zahnarzt gesagt habe, weil er traurig war – und es niemand seltsam fand.
Ja, mein Zahnarzt.
Nicht mein Bruder. Nicht mein bester Freund. Nicht mein romantisches Interesse.
Mein Zahnarzt.
Er saß neben mir im Auto. Wir sind im selben Freundeskreis, und an diesem Abend war er einfach am Boden. Gerade frisch getrennt, völlig niedergeschlagen. Der Mann, der mir sonst in klinisch-steriler Atmosphäre „weit aufmachen, bitte“ sagt, saß jetzt schweigend neben mir im Dunkeln. Und ich saß daneben, mit all dieser spanischen Herzlichkeit im Herzen, voller Wärme, voller Worte, die im Deutschen gar keinen Platz hätten.
Und da kam es ganz natürlich über meine Lippen:
„Te quiero. Tú eres precioso.“
Ich liebe dich. Du bist wundervoll.
Nicht romantisch. Sondern menschlich.
Ein Satz, der in Spanien Alltag sein kann. Ein Ausdruck von Nähe, Mitgefühl, ehrlicher Anteilnahme. Kein großes Drama, kein Missverständnis. Sondern ein seelischer Schal, den man jemandem umlegt, wenn es draußen gerade sehr kalt ist.
Und er? Mein Zahnarzt?
Er hat mich nicht mit hochgezogener Augenbraue angesehen.
Er hat nicht gelacht, nicht gestockt, nicht gefragt: „Wie meinst du das jetzt genau?“
Er hat einfach nur sanft gelächelt und gesagt:
„Gracias, guapa.“
Aber jetzt stell dir vor – die gleiche Szene in Deutschland.
In Hamburg.
Zahnarzt, Beifahrersitz, dunkle Straße. Ich drehe mich um und sage:
„Ich liebe dich. Du bist einfach toll.“
Kurzschluss.
Systemüberlastung.
Praxisnotiz.
Am nächsten Tag gäbe es einen Vermerk im internen Kommunikationssystem der Zahnarztpraxis:
„Patientin XY – auffällige emotionale Nähe. Beobachten. Verdacht auf Paragraph 47c: Labiler Gefühlsausbruch in unkontrollierter Zahnarztumgebung.“
Und spätestens bei der nächsten Kontrolle würde man mir nicht nur die Weisheitszähne, sondern vorsichtshalber auch das Vertrauen entziehen.
Aber hier, in Spanien, war es einfach… richtig.
Ein Satz, der kam, weil er gebraucht wurde. Und weil die Sprache hier Platz lässt für Gefühle, ohne dass man sich dafür rechtfertigen muss.
Ich liebe, dass mir der Taxifahrer sagt, ich sei una reina.
Ich liebe, dass ich mit einem „mi amor“ meine Brötchen kaufe.
Und ich liebe, dass ich nicht mehr weiß, ob ich mit dem Bäcker zusammen bin – aber irgendwie sind wir alle miteinander liiert, zumindest sprachlich.
Und jetzt entschuldigt mich bitte – mi cielo! Der Gemüsehändler wartet schon auf mich. Ich glaube, wir führen bald eine tief emotionale Beziehung über Auberginen. Ach was ich noch vergessen habe: Und einmal 100g Serrano, bitte!

Herrlich😂🤗🤗
Danke fuer Deine Worte!
ich liebe es… wundervoll geschrieben!!!
Danke, ich freue mich sehr… dass es Dir gefällt!