Kosenamenchaos: Nina mein Leben Zwischen den Jahren … in Spanien – oder: Wer hat die Trauben gekauft, und warum steht hier noch der Baum? Denn das gute ist Weihnachten kommt immer wieder, genau wie das Amen in der Kirche!

Kosenamenchaos: Nina mein Leben Zwischen den Jahren … in Spanien – oder: Wer hat die Trauben gekauft, und warum steht hier noch der Baum? Denn das gute ist Weihnachten kommt immer wieder, genau wie das Amen in der Kirche!

In vielen Ländern ist Weihnachten übersichtlich.

Fast schon sportlich klar geregelt.

Heiligabend.

Erster Weihnachtstag.

Zweiter Weihnachtstag.

Dann wird der Baum entsorgt, der Körper entlastet und das Leben vorsichtig wieder hochgefahren.

In Spanien nicht.

In Spanien ist Weihnachten kein Ereignis.

Es ist ein Zustand.

Ein Zeitraum mit offenem Ende.

Ein kulinarisches Langzeitprojekt.

Offiziell beginnt Weihnachten am 24. Dezember.

Offiziell endet es am 6. Januar.

Inoffiziell…

sagen wir: cuando se acaba – wenn es halt vorbei ist.

Denn hier wird nicht einfach gefeiert.

Hier wird gegessen, besucht, umarmt, gegessen, geschlafen, getanzt, gegessen, gelacht, gegessen – und zwischendurch kurz überlegt, ob man wirklich noch kann.

Man besucht Freunde.

Dann Familie.

Dann mehr Familie.

Dann jemanden, der eigentlich nur kurz vorbeischauen wollte und plötzlich zwei Tage bleibt.

Erst den Onkel.

Dann den Tío.

Dann die Tante.

Dann die Tante vom Tío.

Dann jemand, bei dem niemand mehr weiß, wie genau er dazugehört – aber er isst mit.

Und über allem schwebt sie: die Abuela.

Die Abuela sitzt.

Die Abuela schaut.

Die Abuela bewertet.

Wenn jemand sagt:

„Ich kann nicht mehr.“

Abuela:

„¿Cómo que no?“

„Dann trink einen Tee.“

Ein Tee.

Ein winziger Tee.

Ein symbolischer Tee.

Zehn Minuten später:

„So. Jetzt geht es wieder.“

Und es geht wieder.

Dann kommt Noche Vieja.

Silvester.

Aber bitte nicht modern.

Nicht „wir gehen später noch“.

Nicht „die Eltern bleiben zuhause“.

Nein.

Hier ist alles Familie.

Alle sitzen zusammen.

Alle schauen Fernsehen.

Alle warten.

Und im Fernsehen läuft sie wieder:

die legendäre Silvestergala.

Die Moderatorin trägt ein Kleid, das gegen mehrere Naturgesetze verstößt.

Glitzer.

Ausschnitte.

Stoffe, die man eher vermutet als sieht.

Und dann kommt der Moment.

Der heilige Moment.

Der Moment, der jedes Jahr eskaliert:

Die zwölf Weintrauben.

Zwölf Glockenschläge.

Zwölf Trauben.

Eine pro Schlag.

Und jedes Jahr dieselbe Frage:

„Wer hat die Trauben gekauft?“

„Ich dachte, du.“

„Nein, du hattest gesagt…“

„Ich habe nichts gesagt!“

Stille.

Langsame Blicke.

Erste Nervosität.

Abuela:

„¿Pero cómo que no hay uvas?“

„Ohne Trauben kein Glück.“

Panik.

Jeder gibt jedem die Schuld.

Der Onkel beschuldigt die Tante.

Die Tante den Cousin.

Der Cousin den Supermarkt.

Der Supermarkt ist geschlossen.

Kurz vor Mitternacht werden die Nachbarn aktiviert.

„Habt ihr Trauben?“

„Wie viele?“

„Zwölf pro Person!“

„Madre mía…“

Am Ende gibt es Trauben.

Unterschiedliche Größen.

Unterschiedliche Reifegrade.

Aber egal.

Bei Glocke eins beginnt das Stopfen.

Abuela zählt laut:

„Uno!“

„¡Mastica!“

„Dos!“

„¡Más despacio!“

Irgendjemand lacht.

Irgendjemand verschluckt sich fast.

Abuela schlägt auf den Tisch:

„¡Con calma!“

Nach Glocke zwölf:

Umarmungen.

Küsse.

Cava.

Abuela, zufrieden:

„Siehst du. Hat doch geklappt.“

Und dann…

der Weihnachtsbaum.

Offiziell wird er am 6. Januar abgebaut.

Inoffiziell:

Warum eigentlich?

Und genau an diesem Punkt – irgendwo zwischen Noche Vieja, Verdauungsphase und dem diffusen Gefühl, dass Weihnachten zwar vorbei ist, aber emotional noch längst nicht – musste ich an Mallorca denken.

An Victoria.

Und an einen Weihnachtsbaum, der nicht gehen wollte.

Der Árbol, der nicht gehen wollte – oder: Warum man in Spanien Dinge einfach stehen lässt?

Mallorca.

Ostern.

Sonne.

Blauer Himmel.

Diese besondere Luft, in der man denkt: Jetzt ein schöner Tisch, ein Osteressen, vielleicht Blumen, vielleicht Zitronen.

Ich war bei Victoria eingeladen.

Herrschaftliche Wohnung an den Ramblas.

Großzügig.

Elegant.

Räume, die flüstern: Hier könnte man sehr stilvoll feiern.

Ich sagte also ganz selbstverständlich:

„Lass uns doch den großen Raum nehmen, da ist so viel Platz.“

Victoria schaute mich an.

Kurz.

Ruhig.

Fast entschuldigend.

„Das geht nicht ganz.“

Ich, überrascht:

„Wieso nicht?“

Sie, völlig selbstverständlich:

„Da steht noch der Árbol.“

Ich blinzelte.

„Welcher Árbol?“

Victoria, als wäre es das Normalste der Welt:

„Der Árbol de Navidad.“

Der Weihnachtsbaum.

Ich lachte kurz.

Dachte an ein Missverständnis.

An eine Deko.

An irgendetwas Symbolisches.

Und dann öffnete sie die Tür.

Und ich schwöre:

Es war, als würde Weihnachten wieder hereinkommen.

Da stand er.

Groß.

Geschmückt.

Glitzernd.

Schimmernd.

Mit Kugeln.

Mit Lichtern.

Mit dieser stillen Würde eines Baumes, der sagt:

Ich bin noch nicht fertig.

Es sah aus, als würde heute Abend Noche Buena stattfinden.

Nicht Ostern.

Nicht Frühling.

Nicht Mandelblüte.

Weihnachten.

Ich stand da.

Ich lachte.

Ich verstand nichts.

Man konnte da natürlich kein Osterfest machen.

Nicht mal theoretisch.

Nicht emotional.

Nicht kulturell.

Und ich muss ehrlich sein:

Damals – ich war erst ein paar Monate auf Mallorca – habe ich es überhaupt nicht verstanden.

Mein norddeutsches Hirn rechnete.

Zeitpläne.

Kalender.

„Weihnachten ist vorbei.“

Also sagte ich – mit trockenem Hamburger Humor:

„Ach komm. Lass ihn doch stehen. Ist doch sowieso bald wieder Weihnachten.“

Victoria schaute mich an.

Und lächelte.

Nicht verlegen.

Nicht entschuldigend.

Sondern wirklich erleichtert.

„Weißt du was“, sagte sie,

„ich glaube, das mache ich auch so. Die Wohnung ist ja groß genug.“

Und sie war groß.

Sehr groß.

Also nahmen wir einfach einen anderen Raum.

So macht man das in Spanien.

Man regt sich nicht auf.

Man bewertet nicht.

Man sagt nicht: Das ist komisch.

Man lässt es stehen.

Später – viel später – erzählte mir Victoria, warum der Baum noch da stand.

Er hatte nichts mit Faulheit zu tun.

Und nichts mit Chaos.

Er hatte mit ihrer verstorbenen Mutter zu tun.

Mit der Art, wie sie den Árbol immer geschmückt hatte.

Mit dem letzten gemeinsamen Weihnachten.

Mit Erinnerungen, die man nicht einfach abbaut wie eine Lichterkette.

Und plötzlich war da kein Weihnachtsbaum mehr.

Sondern ein Gefühl.

Und ich ließ ihn stehen.

Gerne.

Mit Respekt.

Mit Dankbarkeit.

Und ich merkte, wie viel ich gerade lernte.

Nicht alles einzuordnen.

Nicht alles besser zu wissen.

Nicht alles sofort verändern zu wollen.

Sondern Dinge stehen zu lassen.

Menschen ihre Bedeutungen zu lassen.

Und vielleicht selbst ein bisschen leichter zu werden.

Denn das befreit ungemein.

Nicht immer zu werten.

Nicht immer recht haben zu müssen.

Nicht immer alles „richtig“ machen zu wollen.

Manchmal reicht es, zu sagen:

Warum eigentlich nicht?

Und ganz ehrlich:

Warum nicht mal einen Tannenbaum zu Ostern?

In Spanien feiert man nicht nach Kalender.

Man feiert nach Gefühl.

Und manchmal bleibt Weihnachten eben einfach noch ein bisschen.

1 Comment Eine Antwort hinterlassen

Eine Antwort hinterlassen

Your email address will not be published.

Vorherige Geschichte

Wann beginnen die Winter-Sales 2026? Die wichtigsten Termine für die Januar-Rabatte in Spanien

Nächste Geschichte

Sturmtief Francis trifft Andalusien hart: Überschwemmungen, Rettungseinsätze und gesperrte Straßen

Neues von Blog

error: Der Inhalt ist geschützt !!
Gehe zuTop

Nicht verpassen

Alleinerziehende Tochter – Die zwölf Uvas und das Glück auf Vorrat

Die Alleinerziehende Tochter– Die zwölf Uvas und das Glück…

Neuer Blog 1 Episode: Die Alleinerziehende Tochter und der Weihnachtsgockel!

Die Alleinerziehende Tochter und der Weihnachtsgockel? Halleluja. O Weihnachten. O…