Kosenamenchaos – Nina zwischen Kassen-Yoga, Einkaufswagen-Everest und „Cariño, ¿el precio?“
Es gibt Dinge, die werde ich als Deutsche vermutlich nie ganz verstehen.
Zum Beispiel: Warum ein spanischer Supermarkt an einem ganz normalen Mittwochabend aussieht wie der letzte Tag vor der Apokalypse.
Ich betrete also nichtsahnend den Carrefour. Nur schnell Milch. Vielleicht eine Tarta de Queso. Vielleicht noch ein bisschen Jamón. Man weiß ja nie.
Und dann sehe ich sie.
Schlangen.
Nicht kleine, höfliche Reihen.
Nein – Schlangen, die gefühlt bis nach Panama reichen. Oder zumindest bis zur Tiefgarage. Zwölf, dreizehn Kassen. Alle offen. Und trotzdem steht man da wie auf einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela – nur ohne Wanderschuhe, aber mit Einkaufswagen.
Die Einkaufswagen?
Nicht voll.
Übervoll.
Ich rede von Einkaufswagen, die aussehen wie der schiefe Turm von Pisa.
Gut, Pisa liegt in Italien. Aber wenn es in Spanien einen schiefen Turm gäbe, er stünde vermutlich im Carrefour und bestünde aus Wassermelonen, sechs Packungen Joghurt, vier Liter Olivenöl und drei Tuppern für Abuela.
Denn hier wird nicht nur für sich selbst eingekauft.
Hier wird für Tío, Abuela, die Vecina, den Cousin dritten Grades und das gesamte fin de semana eingekauft.
Spanien betreibt keinen Fußball als Volkssport.
Spanien betreibt Essen.
Und zwar professionell.
Die Gelassenheit in der Schlange
Was jedes Mal aufs Neue sprachlos macht, ist nicht die Länge der Schlange.
Es ist die Ruhe.
Da steht man also.
Der deutsche Puls beginnt bei 90.
Hinter einem eine Mutter mit zwei Kindern, vor einem ein Señor mit einem Einkaufswagen voller Fleisch, als plane er eine Hochzeit für 120 Personen.
Und dann passiert es.
Ein Produkt hat keinen Preis.
Die Kassiererin ruft – ganz entspannt – den Marktleiter.
Der Marktleiter kommt.
Irgendwann.
Zwischenzeitlich unterhält man sich über das Wetter, die Sonderangebote und ob die Tarta heute besonders cremig sei.
Kein Murren. Kein Seufzen. Kein genervtes Augenrollen.
Nur ein kollektives:
„No pasa nada.“
In Deutschland?
Man stelle sich vor, wie der Einkaufswagen plötzlich zum Ferrari umfunktioniert würde. Wie jemand lautstark erklärt, dass „das ja wohl eine Unverschämtheit“ sei. Wie ein Rentner mit strategischer Präzision die Kassenzone verlässt und zur Service-Theke marschiert.
Hier?
Hier steht man da wie in einem Yoga-Retreat.
Einatmen.
Ausatmen.
Tarta visualisieren.
Der Traum von der Tarta de Queso
Während innerlich bereits eine Excel-Tabelle der verlorenen Minuten erstellt wird, stehen die Spanier seelenruhig da und träumen.
Sie träumen von der Tarta de Queso.
Von der Tortilla am Abend.
Vom Wein.
Vom gemeinsamen Essen.
Und plötzlich wird klar:
Diese Schlange ist kein Ärgernis.
Sie ist Vorfreude.
In Deutschland wartet man, um endlich weiterzukommen.
In Spanien wartet man, um das, was kommt, besser zu genießen.
Kosenamenchaos: Mein Leben zwischen Jamón, Megafon und „Cariño, ¿el precio?“
Und dann passierte es neulich im Supermarkt.
Carrefour. Samstag. 18:47 Uhr.
Die Uhrzeit, zu der halb Spanien beschließt, noch „kurz“ einkaufen zu gehen. Kurz ist hier relativ – genauso wie Wartezeiten, Geduld und persönliche Distanzzonen.
Vor mir: ein Wagen voller Wassermelonen.
Hinter mir: eine Familie, die offenbar für drei Generationen einkaufte.
Im Korb? Jamón. Käse. Ein bisschen Oliven. Also quasi die Grundausstattung für seelisches Gleichgewicht.
Problem:
Weder der Jamón noch der Käse waren preislich markiert.
Noch leicht deutsch konditioniert, kam der Versuch der Effizienz:
„Der Jamón war 18,95, glaube ich.“
Die Kassiererin lächelte mild, als hätte gerade jemand behauptet, Gedanken lesen zu können.
„No, no, no… eso no puede ser. Das müssen wir anders rausfinden.“
Und dann geschah es.
Sie griff nicht etwa zum Telefon.
Nein.
Sie griff zum Megafon.
Es war kein normales Mikrofon. Es war ein akustisches Naturereignis.
„CARIÑOOOOOOO, CARIÑOOOOO, EL PRECIO PARA JAMÓN!“
Der ganze Supermarkt vibrierte.
Ein Kind ließ fast sein Eis fallen.
Ein älterer Herr drehte sich nicht einmal um – offenbar Routine.
Man musste sich am Band festhalten vor Lachen.
Sind die verheiratet?, schoss es durch den Kopf.
Wie romantisch, den Preis für Schinken mit „Cariño“ abzufragen.
Sie grinste.
„Ich muss ihn nur cariño nennen, weil man das hier so tut. Vielleicht nennt seine Frau ihn nicht mehr so.“
Und bevor jemand reagieren konnte, folgte die zweite Runde:
„PRINCESA, ¿QUEREMOS EL PRECIO DEL JAMÓN O ESPERAMOS HASTA NAVIDAD? ¡Igual entonces está en oferta!“
Die Schlange wurde länger.
Die Menschen lachten. Laut. Grell. Ungebremst. Und nie genervt – immer nach Leben klingend.
Einkaufen in Spanien ist keine logistische Aufgabe.
Es ist ein gesellschaftliches Ereignis.
Eine Improvisation.
Ein kleines Theaterstück zwischen Kühltheke und Kassenbon.
In Deutschland wäre vermutlich längst jemand unruhig geworden.
Hier wurde es zur Show.
Der Preis kam irgendwann. Irgendwer rief zurück. Wahrscheinlich auch mit einem Kosenamen. Vielleicht hieß er offiziell José – aber in diesem Moment war er einfach nur Cariño del Jamón.
Man steht.
Man wartet.
Man übt Geduld.
Und plötzlich passiert etwas, das man mit keinem Geld der Welt kaufen kann:
Ein Moment.
Ein Lachen.
Ein „Princesa“ im Megafon.
Diese kleinen, chaotischen, lauten, liebevollen Zwischenfälle.
Sie passieren nicht überall.
Sie passieren hier.
Cariño.
Princesa.
Guapa.
Und irgendwann auch: der Precio.
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Eine Liebeserklärung an die Lässigkeit
Vielleicht ist es genau das, was dieses Land so besonders macht.
Diese Fähigkeit, selbst in einer Schlange, die bis nach Panama reicht, nicht auszurasten.
Nicht zu drängeln.
Nicht zu brüllen.
Sondern zu warten.
Mit Würde.
Mit einem Lächeln.
Mit einer Tarta im Einkaufswagen.
Zwischen Olivenöl und Lebensphilosophie wird klar:
Vielleicht ist es gar nicht schlimm, eine Stunde zu warten.
Vielleicht ist es ein Geschenk.
Denn was ist schon Zeit, wenn am Ende ein Tisch voller Essen, Familie und Gelächter steht?
Spanien lehrt vieles.
Flamenco im Herzen.
Sommernächte auf der Haut.
Und Geduld an der Kasse. Und ehrlich gesagt, ich liebe es!
