Nini mein Leben zwischen Johannisfeuer, Sardinen und ein Deutscher namens Johannes – Oder: Warum man Spanien so viele Feste feiert?
Es gibt in Spanien zwei Arten von Menschen.
Die erste Gruppe weiß nicht genau, wie man die Johannisnacht feiert.
Die zweite Gruppe behauptet, es genau zu wissen.
Und das Erstaunliche ist: Beide haben recht.
Denn wenn man lange genug in Spanien lebt, lernt man irgendwann eine der wichtigsten Regeln des Landes.
Es gibt nicht die eine Wahrheit.
Es gibt tausend Wahrheiten.
Und jede Familie, jedes Dorf, jede Großmutter und jeder Onkel ist fest davon überzeugt, die richtige zu kennen.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis Spaniens.
Und vielleicht ist genau deshalb die Noche de San Juan die spanischste aller Nächte.
Johannes verstand das zunächst nicht.
Johannes kam aus Deutschland.
Er hatte sich vorbereitet.
Natürlich hatte er sich vorbereitet.
Er hatte Artikel gelesen, Videos angeschaut, Traditionen recherchiert und sogar eine Liste erstellt.
Wie viele Wünsche schreibt man auf?
Wie oft springt man ins Wasser?
Welche Uhrzeit ist die richtige?
Wie viele Wellen muss man überspringen?
Drei?
Sieben?
Neun?
Johannes wollte alles richtig machen.
Spanien hatte andere Pläne.
Denn während Johannes noch versuchte herauszufinden, welche Version des Rituals die korrekte sei, saß neben ihm bereits eine andalusische Großfamilie am Strand von Cádiz.
Die Großmutter war überzeugt, man müsse sieben Wellen überspringen.
Die Tante bestand auf neun.
Der Großvater erklärte, dass das alles Unsinn sei und man stattdessen drei Sardinen essen müsse.
Die Cousine schrieb ihre Wünsche auf Servietten.
Der kleine Neffe warf lieber Sand ins Feuer.
Und alle zusammen waren sich einig:
Es würde schon irgendwie funktionieren.
Spanischer kann ein Satz kaum sein.
Es wird schon irgendwie funktionieren.
Während in Deutschland häufig diskutiert wird, wie etwas gemacht werden sollte, machen die Spanier es einfach.
Vielleicht ein bisschen chaotisch.
Vielleicht ein bisschen laut.
Vielleicht mit zu viel Wein.
Aber immer mit ganzem Herzen.
Und genau deshalb liebt man dieses Land.
Denn San Juan ist viel mehr als ein Fest.
Es ist eine Erinnerung daran, wie schön das Leben sein kann, wenn man für einen Abend aufhört, alles kontrollieren zu wollen.
Schon Stunden vor Sonnenuntergang beginnt die Küste zu leben.
Familien schleppen Kühltaschen an den Strand.
Kinder rennen kreischend durch den Sand.
Jemand trägt einen Klapptisch.
Jemand anders bringt fünf Kilo Eis mit.
Irgendwo läuft bereits Musik.
Der Duft von Sonnencreme vermischt sich mit dem Rauch der ersten Grills.
Und langsam verwandelt sich die Küste in ein riesiges Wohnzimmer unter freiem Himmel.
Die Spanier haben eine wunderbare Gabe.
Sie brauchen keinen perfekten Anlass zum Feiern.
Sie brauchen lediglich einen Anlass.
Den Rest erledigen sie selbst.
Ein Geburtstag.
Ein Fußballspiel.
Ein Feiertag.
Eine Prozession.
Ein Dorffest.
Ein Sonntag.
Oder eben die Johannisnacht.
Wer einmal erlebt hat, wie Spanier feiern, versteht schnell, dass es dabei nie um Perfektion geht.
Es geht um Gemeinschaft.
Um Dankbarkeit.
Um das Leben.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Menschen hier selbst in schwierigen Zeiten immer noch einen Grund finden, gemeinsam zu essen, zu lachen und ein Glas zu erheben.
Nicht weil alles perfekt ist.
Sondern weil das Leben gefeiert werden möchte.
An diesem Abend sitzen die Menschen stundenlang zusammen.
Sie teilen Tortilla.
Sie teilen Wein.
Sie teilen Geschichten.
Und irgendwann teilen sie auch ihre Wünsche.
Für die Liebe.
Für die Familie.
Für die Gesundheit.
Für einen besseren Sommer.
Für einen neuen Anfang.
Manchmal sitzen drei Generationen nebeneinander im Sand.
Die Großmutter erzählt Geschichten von früher.
Die Mutter verteilt Empanadas.
Der Enkel versucht heimlich, Glut mit einem Stock anzustupsen.
Und irgendwo dazwischen sitzt Johannes.
Mit seiner Liste.
Mit seinen Fragen.
Mit seiner deutschen Gründlichkeit.
Bis irgendwann die Großmutter beschließt, dass jetzt Schluss ist.
Sie drückt ihm einen Teller mit Sardinen in die Hand.
„Iss erst mal.“
Der beste Rat Spaniens.
Überhaupt.
Iss erst mal.
Und plötzlich passiert etwas.
Johannes hört auf nachzudenken.
Er hört auf zu planen.
Er hört auf zu recherchieren.
Er sitzt einfach da.
Mit den Füßen im Sand.
Mit einer Sardine in der Hand.
Mit Rotwein im Plastikbecher.
Und mit Menschen, die er vor zwei Stunden noch nicht kannte.
Die Nacht wird wärmer.
Die Luft wird schwer.
Diese wunderbaren spanischen Sommernächte beginnen.
Jene Nächte, die ein wenig kleben.
Man weiß nie genau, ob es das Salz auf der Haut ist.
Der Rauch der Sardinen.
Die Feuchtigkeit des Meeres.
Oder der Rotwein, der beim Anstoßen verschüttet wurde.
Vielleicht ist es von allem ein bisschen.
Und genau deshalb sind sie so unvergesslich.
Die Sterne funkeln über dem Meer.
Kinder schlafen irgendwann auf Strandtüchern ein.
Irgendwo singt jemand.
Irgendwo lacht jemand.
Irgendwo verliebt sich vielleicht gerade jemand.
Und plötzlich merkt Johannes, dass ihm etwas völlig entgangen wäre, wenn er weiter versucht hätte, alles richtig zu machen.
Denn diese Momente stehen in keinem Reiseführer.
Sie stehen in keinem Blog.
In keinem Ranking.
In keiner Top-Ten-Liste.
Sie entstehen einfach.
Zwischen zwei Sardinen.
Zwischen einem Glas Wein und einer Umarmung.
Zwischen Feuer und Meer.
Zwischen Fremden, die für einen Abend zu Freunden werden.
Das ist das Spanien, das man nicht buchen kann.
Das Spanien, das man erleben muss.
Das Spanien, das sich erst zeigt, wenn man aufhört, Tourist zu sein.
Und anfängt, mitzumachen.
Wenn Mitternacht näher rückt, stehen schließlich alle auf.
Die Gespräche werden leiser.
Die Feuer größer.
Das Meer dunkler.
Und dann laufen sie gemeinsam Richtung Wasser.
Die Großmutter.
Der Großvater.
Die Kinder.
Die Tante.
Die Cousine.
Und Johannes.
Niemand weiß mehr genau, ob es nun drei, sieben oder neun Wellen sein sollen.
Und plötzlich spielt das auch gar keine Rolle mehr.
Denn in diesem Augenblick versteht Johannes etwas, das man in Spanien nicht lernen kann.
Man muss es fühlen.
Es geht nicht darum, alles richtig zu machen.
Es geht darum, überhaupt dabei zu sein.
Anzukommen.
Durchzuatmen.
Loszulassen.
Dem Leben für einen Moment zu vertrauen.
Vielleicht ist genau das die wahre Magie von San Juan.
Nicht die Feuer.
Nicht die Wünsche.
Nicht die Rituale.
Sondern diese wunderbare spanische Fähigkeit, dem Leben mit offenen Armen zu begegnen.
Mit all seinem Chaos.
Mit all seinen Widersprüchen.
Mit all seiner Schönheit.
Und vielleicht habe ich genau das von den Spaniern gelernt.
Dass es nicht die eine Wahrheit gibt.
Sondern tausende.
Und dass jeder Mensch das Recht hat, an seine kleine Wahrheit zu glauben.
Solange sie ihn glücklich macht.
Vielleicht ist das der Grund, warum die Spanier so oft lächeln.
Warum sie so oft feiern.
Warum sie immer wieder einen Anlass finden, dankbar zu sein.
Und warum eine Nacht am Strand manchmal mehr über das Leben erzählt als hundert kluge Bücher.
Denn am Ende bleiben nicht die perfekten Pläne in Erinnerung.
Sondern die Sardinen.
Das Lachen.
Der Rotwein.
Die Umarmungen.
Das Feuer.
Das Meer.
Und dieses wunderbare Gefühl, unter einem Sternenhimmel zu stehen und für einen kurzen Augenblick ganz genau zu wissen:
Dafür bin ich hier.
Dafür lebe ich.
Mein ganz persönlicher San-Juan-Wunsch
Und in diesem Sinne wünsche ich euch allen eine wunderschöne Noche de San Juan.
Für mich ist sie eines der schönsten Feste Spaniens.
Eines der herzlichsten.
Eines der liebevollsten.
Und ganz sicher eines jener Feste, die für mich nach Sommer klingen.
Nach Meeresrauschen.
Nach warmem Sand unter den Füßen.
Nach Sardinen auf dem Grill.
Nach Rotwein im Plastikbecher.
Nach Freunden, die plötzlich Familie werden.
Nach diesen Nächten, die viel zu spät enden und trotzdem viel zu früh vorbei sind.
Vielleicht liebe ich San Juan auch deshalb so sehr, weil diese Nacht so wunderbar unperfekt ist.
Niemand weiß genau, welches Ritual nun wirklich das richtige ist.
Ob man drei Wünsche aufschreiben soll oder zehn.
Ob sieben Wellen Glück bringen oder neun.
Ob man etwas verbrennen, ins Meer werfen oder unter das Kopfkissen legen soll.
Und wisst ihr was?
Es spielt überhaupt keine Rolle.
Denn vielleicht geht es in dieser Nacht gar nicht darum, alles richtig zu machen.
Vielleicht geht es darum, das Leben zu feiern.
Dankbar zu sein.
Für die Menschen an unserer Seite.
Für die Gesundheit.
Für die kleinen Glücksmomente.
Für einen Sommer, der gerade erst beginnt.
Für alles, was war.
Und für alles, was noch kommen darf.
Deshalb genießt San Juan auf eure Weise.
Macht das, was sich für euch richtig anfühlt.
Und wenn ihr ein Ritual nicht ganz versteht, dann interpretiert es einfach neu.
Die Spanier machen das schließlich auch seit Jahrhunderten.
Und vielleicht ist genau das ihre größte Kunst.
Nicht immer alles zu analysieren.
Nicht immer alles perfekt machen zu wollen.
Sondern das Leben einfach anzunehmen.
Mit seinen Umwegen.
Mit seinem Chaos.
Mit seinen Überraschungen.
Also macht es heute wie die Spanier.
Lebt.
Lacht.
Esst.
Stoßt an.
Umarmt eure Lieblingsmenschen.
Springt ins Meer, wenn euch danach ist.
Schreibt einen Wunsch auf.
Oder lasst es bleiben.
Aber hört für einen Abend auf, darüber nachzudenken, ob ihr alles richtig macht.
Denn manchmal entstehen die schönsten Erinnerungen genau dann, wenn man aufhört, perfekt sein zu wollen.
Und genau das ist für mich die wahre Magie von San Juan.
Feliz San Juan.
Und einen Sommer voller kleiner großer Wunder.
