Pünktlich unpünktlich – Mein Leben zwischen Tapas, Tardeo und Terminverlust
Die spanische Uhr – oder wie Benjamin und ich kapitulierten
Benjamin war so ein Mensch, wie ihn die Deutsche Bahn sich nur wünschen kann: ein lebender Fahrplan mit Beinen. Er war Ingenieur, strukturiert, effizient – jemand, der Termine nicht einhielt, sondern zelebrierte.
Als er eines Tages seinen lang ersehnten Urlaub in Spanien antrat, hatte er alles minutiös geplant:
Flug um 6:00 Uhr, Mietwagen um 8:00 Uhr, Hotel-Check-in um 9:00 Uhr – ein Urlaub wie aus einer Excel-Tabelle.
Als Benjamin um Punkt 8:00 Uhr am Schalter der Autovermietung stand, war niemand da. Niemand. Nicht mal ein Zettel. Nur eine einsame Topfpflanze, die wohl auch auf den Angestellten wartete.
15 Minuten später kam dann endlich ein entspannter junger Mann in Flip-Flops, mit einem Kaffeebecher in der Hand.
„Buenos días“, sagte er.
Benjamin: „Sie sind zu spät!“
Der Mann lächelte. „Ach, hier ist 8 Uhr eher ein Vorschlag.“
Benjamin war fassungslos. Doch das war erst das Warm-up.
Abends hatte er ein Date mit einer spanischen Bekannten. Sie schrieb ihm, sie sei „gleich da“.
Benjamin, tief verwurzelt in seiner deutschen Zeitkultur, interpretierte das als: maximal fünf Minuten.
Nach 45 Minuten rief er sie an.
„Wo bist du denn? Gleich macht alles zu!“
„Ich bin in einer Minute da!“, sagte sie.
Und dann hörte er es.
Die Dusche.
Er erkannte in diesem Moment: In Spanien ist Pünktlichkeit keine exakte Größe – sie ist ein Gemütszustand.
Eine Idee. Eine Richtung. Ein Wunschtraum.
Und so kam es, dass Benjamin – unser früheres Paradebeispiel deutscher Taktung – bei seiner Rückkehr nach Deutschland zehn Minuten zu spät zur Arbeit erschien.
Sein Chef fragte entsetzt: „Was ist los mit Ihnen?“
Und Benjamin antwortete seelenruhig:
„Ich habe meine innere spanische Uhr gefunden.“
Ich lernte schnell nach meiner Auswanderung, wie flüssig in Spanien die Zeit sein kann.
Manchmal wie ein sanfter Sommerregen, manchmal wie ein lauwarmer Gin Tonic, der erst langsam wirkt – aber ganz sicher immer unplanbar.
Und keiner hat mir das schöner beigebracht als: Victoria.
Pünktlich unpünktlich – wie Spanien meine Uhr verdrehte
Ich gebe es zu: Ich war mal so jemand, der fünf Minuten vor der Zeit kam und sich innerlich aufregte, wenn jemand zwei Minuten zu spät war. Deutsche Pünktlichkeit war für mich keine Tugend – sie war Religion.
Und dann kam Victoria.
Victoria ist Mallorquinerin. Hübsch, herzlich, herrlich verspätet. Wenn Victoria sagt, sie kommt „in fünf Minuten“, bedeutet das im mallorquinischen Zeitverständnis so viel wie: irgendwann zwischen Sonnenuntergang und der Öffnung der nächsten Bar.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen. Und noch länger, um es zu akzeptieren.
Mein erstes echtes „Zeitkulturtrauma“ mit Victoria hatte ich in der Bar Bosch auf Mallorca – der ältesten und bekanntesten Bar der Insel.
Wir hatten eine große Tardeo-Runde geplant.
(Tardeo? Das ist eine dieser großartigen spanischen Ideen, bei denen man schon am Nachmittag anfängt zu trinken und zu tanzen – damit man sich später das Nachtleben sparen kann.)
Also: Ich, aufgeregt, geduscht, gecremt, sonnengebräunt, bereit für alles – saß pünktlich um 17:00 Uhr in der Bar Bosch.
Victoria? Fehlanzeige.
Ich wartete.
Und wartete.
Und wartete.
Immer wieder kamen bekannte Gesichter vorbei, riefen mir zu:
„Wartest du auf Victoria? Ach, komm doch mit. Später sind wir doch eh alle zusammen.“
Sie wussten es. Sie kannten sie.
Sie wussten, dass Victoria nicht einfach zu spät kommt – sie kommt episch zu spät.
Nach 45 Minuten – ich hatte bereits das Bier durch, das Wasser, den Snack, und sogar ein kleines existentialistisches Gespräch mit dem Kellner geführt – rief ich sie an.
„Wo bist du denn? Gleich macht alles zu!“
„Ich bin in einer Minute da!“, flötete sie.
Und dann hörte ich es.
Die Dusche.
DIE. DUSCHE.
Da wusste ich: Diese „eine Minute“ war keine echte Minute.
Es war eine spanische Minute.
Eine… Victoria-Minute.
Seitdem lade ich sie grundsätzlich 1 bis 1,5 Stunden früher ein. Und es funktioniert. Manchmal.
Ich habe mich dieser Unpünktlichkeit inzwischen so sehr angepasst, dass meine Freunde in Sevilla mir einmal sagten:
„Du bist die unpünktlichste Deutsche, die wir je kennengelernt haben.“
Ich war empört. Aber innerlich auch ein bisschen stolz.
Beruflich? Immer noch pünktlich wie ein Uhrwerk.
Aber privat? Ach – was soll’s.
In einer großen Gruppe? Völlig egal.
Denn wer zu spät kommt, hat wenigstens etwas erlebt auf dem Weg.
Und Victoria? Die kommt noch immer zu spät.
Aber mit so viel Charme, dass man ihr nie böse sein kann.
Sie bringt Sonne, Lachen – und meistens auch jemanden mit, der genauso chaotisch ist wie sie.
Und das macht die Wartezeit am Ende irgendwie…
wunderschön.

Mal wieder ein exzellenter Bericht.
Mein zweiter Name ist übrigens Victoria 😂👍🏻👍🏻👍🏻🕖
haha sind wir nicht alle ein bisschen Victoria!!!????