13. Juli 2026
Lesezeit 4 Minuten

Krankmeldungen explodieren: Warum Spanien plötzlich Europas Spitzenreiter ist

Credit Paola Chaaya Unsplash

4,5 Prozent der Beschäftigten waren 2024 krankgeschrieben – psychische Erkrankungen gewinnen vor allem bei jüngeren Arbeitnehmern zunehmend an Bedeutung

Redaktion Spanien Press

Spanien steht mittlerweile an der Spitze der Europäischen Union, wenn es um krankheitsbedingte Fehlzeiten am Arbeitsplatz geht. Im Jahr 2024 fehlten 4,5 Prozent der Beschäftigten zwischen 20 und 64 Jahren während der für die Statistik untersuchten Referenzwoche aufgrund einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit.

Damit ist die Krankenstandsquote seit 2018 um 1,9 Prozentpunkte gestiegen. Damals lag sie noch bei rund 2,6 Prozent. Innerhalb von nur sechs Jahren entspricht dies einem Anstieg von etwa 73 Prozent.

Zwar haben krankheitsbedingte Ausfälle seit der Corona-Pandemie auch in vielen anderen europäischen Ländern deutlich zugenommen. In keinem anderen EU-Mitgliedstaat verlief die Entwicklung jedoch so stark wie in Spanien.

Das geht aus einer Untersuchung des Valencianischen Instituts für Wirtschaftsforschung IVIE und der Versicherungsgesellschaft Umivale hervor. Die Studie basiert auf den Mikrodaten der europäischen Arbeitskräfteerhebung für das Jahr 2024.

Spanien ist demnach innerhalb weniger Jahre um fünf Plätze nach oben gerückt und weist inzwischen den höchsten Anteil krankgeschriebener Beschäftigter in der gesamten Europäischen Union auf.

Spanien liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt

Mit einer Quote von 4,5 Prozent liegt Spanien vor Slowenien, wo 4,3 Prozent der Beschäftigten krankgeschrieben waren. Es folgen Belgien mit 4,1 Prozent, Frankreich mit 3,9 Prozent und Portugal mit 3,6 Prozent.

Deutschland kommt auf 3,2 Prozent, Tschechien auf 2,8 Prozent und Österreich auf 2,7 Prozent.

Der Durchschnitt der Europäischen Union liegt lediglich bei 2,5 Prozent. Die spanische Quote übersteigt den EU-Mittelwert damit um zwei volle Prozentpunkte.

Noch deutlicher wird die Entwicklung beim Blick auf die Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, der OECD.

Im Jahr 2015 belegte Spanien innerhalb der OECD noch den neunten Platz bei den krankheitsbedingten Arbeitsausfällen. Damals kamen auf jeden Vollzeitbeschäftigten durchschnittlich 2,4 Krankheitswochen pro Jahr.

Zehn Jahre später sind es bereits fünf Wochen pro Arbeitnehmer und Jahr. Spanien hat seine krankheitsbedingten Fehlzeiten damit innerhalb eines Jahrzehnts mehr als verdoppelt und belegt inzwischen den dritten Platz innerhalb der OECD.

Lediglich Norwegen und Slowenien weisen noch höhere Werte auf.

Nur Norwegen und Slowenien liegen vor Spanien

Norwegen kommt auf durchschnittlich 5,7 Krankheitswochen pro Beschäftigten und Jahr. Das skandinavische Land nimmt allerdings traditionell einen der vorderen Plätze ein.

Ein möglicher Grund ist das besonders umfassende soziale Sicherungssystem. Es bietet einen weitreichenden Schutz im Krankheitsfall, ermöglicht teilweise Krankschreibungen und besteht gleichzeitig in einem Arbeitsmarkt mit vergleichsweise niedriger Arbeitslosigkeit.

Slowenien liegt mit rund 5,1 Wochen auf dem zweiten Platz. Direkt dahinter folgt Spanien mit fünf Wochen.

Finnland verzeichnet durchschnittlich 4,8 Wochen, Frankreich 4,1 Wochen, Portugal vier Wochen und Belgien 3,9 Wochen.

Deutschland liegt bei etwa 3,5 Wochen, Österreich bei 3,3 und Schweden bei 3,2 Wochen pro Arbeitnehmer und Jahr.

Am anderen Ende der Statistik befinden sich Griechenland und Italien.

In Griechenland werden lediglich rund 0,2 Krankheitswochen pro Beschäftigten registriert. Die Dauer der bezahlten Krankschreibung hängt dort unter anderem von der bisherigen Beschäftigungsdauer ab und ist auf maximal sechs Monate begrenzt.

Italien kommt auf etwa 0,6 Wochen. Dort gilt grundsätzlich eine Höchstdauer von 180 bezahlten Krankheitstagen pro Arbeitnehmer und Jahr.

Warum steigen die Krankmeldungen in Spanien so stark?

Der deutliche Anstieg der Arbeitsunfähigkeit in Spanien lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen.

Die spanische unabhängige Finanzbehörde Airef hat das Phänomen ausführlich untersucht und nennt mehrere mögliche Gründe.

Einer davon ist die komplizierte Aufteilung der Zuständigkeiten. Die Ärzte des öffentlichen Gesundheitssystems, das von den autonomen Regionen verwaltet wird, stellen die Krankschreibungen aus. Die finanzielle Leistung wird jedoch vom nationalen Sozialversicherungsinstitut INSS getragen.

Diese Trennung kann die Kontrolle, Koordination und Nachverfolgung der einzelnen Krankheitsfälle erschweren.

Hinzu kommen gesetzliche und tarifliche Veränderungen der vergangenen Jahre. In manchen Tarifverträgen wird das Krankengeld inzwischen bis auf 100 Prozent des regulären Gehalts aufgestockt.

Auch bestimmte finanzielle Kürzungen, die früher für krankgeschriebene Beschäftigte im öffentlichen Dienst galten, wurden wieder abgeschafft. Nach Einschätzung der Airef könnten diese Maßnahmen ebenfalls zur Entwicklung beigetragen haben.

Darüber hinaus spielt die gute Beschäftigungslage eine Rolle. Wenn mehr Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, steigt naturgemäß auch die Zahl derjenigen, die im Krankheitsfall Anspruch auf entsprechende Leistungen haben.

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Überlastung des spanischen Gesundheitssystems.

Lange Wartezeiten auf Facharzttermine, Untersuchungen, Behandlungen oder Operationen können dazu führen, dass sich Krankheitsfälle länger hinziehen als medizinisch notwendig. Verzögert sich die Diagnose oder Therapie, verschiebt sich häufig auch die Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Psychische Erkrankungen nehmen bei jungen Beschäftigten zu

Psychische Belastungen haben sich zu einer der wichtigsten Ursachen für längere Arbeitsausfälle entwickelt. Besonders stark betroffen sind jüngere Arbeitnehmer.

Angststörungen, Depressionen, Stress und andere psychische Erkrankungen spielen in den Statistiken eine immer größere Rolle. Solche Krankheitsbilder führen nicht nur häufiger zu einer Krankschreibung, sondern teilweise auch zu besonders langen und komplexen Ausfallzeiten.

Die steigenden Zahlen haben in Spanien eine kontroverse Debatte ausgelöst.

Arbeitgeberverbände sprechen häufig von einem wachsenden Problem des sogenannten Absentismus und fordern strengere Kontrollen sowie eine bessere Überwachung der Krankheitsfälle.

Die Gewerkschaften widersprechen dieser Darstellung. Sie betonen, dass Krankschreibungen in erster Linie als gesundheitliches und arbeitsmedizinisches Problem betrachtet werden müssten.

Aus ihrer Sicht dürften Beschäftigte, die aufgrund einer Erkrankung nicht arbeiten können, nicht grundsätzlich unter Verdacht gestellt werden. Stattdessen müsse stärker über Arbeitsbedingungen, psychische Belastungen, Prävention und den Zustand des öffentlichen Gesundheitssystems gesprochen werden.

Millionen Beschäftigte gehen trotz Krankheit zur Arbeit

Der Rekordwert bei den Krankschreibungen zeigt allerdings nur eine Seite der spanischen und europäischen Arbeitswelt.

Gleichzeitig gehen Millionen Menschen zur Arbeit, obwohl sie krank sind.

Laut einer Untersuchung von Eurofound, der europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen, gaben 31 Prozent der Beschäftigten in Europa an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate oder seit Beginn ihres aktuellen Arbeitsverhältnisses trotz Krankheit gearbeitet zu haben.

Dieses sogenannte Präsentismus-Phänomen kann unterschiedliche Ursachen haben. Dazu gehören die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, wirtschaftliche Unsicherheit, Druck durch Vorgesetzte oder Kollegen sowie die Sorge, durch eine Krankschreibung einen Teil des Einkommens zu verlieren.

Besonders schwierig ist die Situation für Selbstständige.

Für viele von ihnen bedeutet eine krankheitsbedingte Unterbrechung der Arbeit einen unmittelbaren Einkommensverlust. Rund 1,5 Millionen spanische Selbstständige erklären, sie könnten es sich finanziell schlicht nicht leisten, krank zu werden.

Wenn Selbstständige schließlich doch eine Krankschreibung beantragen, dauern ihre Ausfälle häufig länger als die von abhängig Beschäftigten.

Auch die allgemeine Belastung am Arbeitsplatz bleibt hoch. In Spanien gibt etwa jeder vierte Arbeitnehmer an, sich durch seine berufliche Tätigkeit körperlich erschöpft zu fühlen.

Weitere 14 Prozent berichten von einer starken emotionalen Erschöpfung.

Die aktuellen Zahlen zeigen damit zwei scheinbar widersprüchliche Entwicklungen: Einerseits erreicht Spanien bei den Krankmeldungen historische Höchststände. Andererseits arbeiten weiterhin Millionen Menschen trotz gesundheitlicher Beschwerden.

Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht allein darin, Krankschreibungen stärker zu kontrollieren. Notwendig sind vor allem bessere Prävention, schnellere medizinische Versorgung, kürzere Wartelisten und Arbeitsbedingungen, die körperliche und psychische Erkrankungen möglichst verhindern.

Eine Antwort hinterlassen

Your email address will not be published.

Vorherige Geschichte

Mut bis an die Grenzen: Drei Guardia-Civil-Beamte wagen sich ins Feuerinferno und retten zwei Leben

Nächste Geschichte

Spaniens schönste Dörfer belohnen ihre Besucher ab diesem Sommer

Neues von Blog

Fehler: Der Inhalt ist geschützt !!
Gehe zuTop