Ein spektakulärer Einbruch erschüttert die spanische Kulturszene: In der Nacht zum Donnerstag haben Unbekannte einen großen Teil des berühmten Tesoro de Villena aus dem Museo de Villena in der Provinz Alicante gestohlen. Die Täter drangen über ein seitliches Fenster in das Gebäude ein und verschwanden innerhalb weniger Minuten mit zahlreichen historischen Goldobjekten. Die Guardia Civil und die Policía Judicial haben die Ermittlungen aufgenommen.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Einbruch in den frühen Morgenstunden
Der Überfall ereignete sich gegen 5.20 Uhr am Donnerstagmorgen, dem 27. August 2026. Nach den bisherigen Erkenntnissen gelangten mehrere Täter über ein seitliches Fenster in das Museum. Dabei sollen sie mit mehreren Fahrzeugen vorgefahren sein.
Die Ermittler gehen von einem gezielt geplanten und äußerst schnellen Vorgehen aus. Nach Angaben der bisherigen Untersuchungen befanden sich offenbar mehrere vermummte Personen am Tatort. Der eigentliche Zugriff auf die Ausstellungsstücke dauerte nur wenige Minuten.
Besonders auffällig: Kurz vor dem Einbruch im Museum war auch im städtischen Sportzentrum ein Alarm ausgelöst worden. Die Polizei untersucht deshalb, ob dieser Alarm möglicherweise als Ablenkungsmanöver diente. Einen bestätigten Zusammenhang gibt es bislang allerdings nicht.
Ein großer Teil des historischen Schatzes ist verschwunden
Wie groß der Verlust tatsächlich ist, wurde im Laufe des Donnerstags zunehmend deutlich. Bürgermeister Fulgencio Cerdán erklärte, dass die Täter einen großen Teil des Schatzes mitgenommen haben.
Im Museum zurückgeblieben sind nach den bisherigen Angaben unter anderem drei Silbergefäße, ein Goldarmreif, Teile der Verzierungen eines Stabes sowie die berühmte Arracada. Auch von den vier Kronen der Virgen de las Virtudes und des Jesuskindes blieb lediglich eine zurück. Drei Kronen wurden gestohlen. Eine der fehlenden Kronen soll den Tätern bei der Flucht heruntergefallen sein.
Der genaue Umfang des Diebesguts wird derzeit noch von den Ermittlern festgestellt.
Fast zehn Kilogramm wertvoller historischer Metallobjekte
Der Tesoro de Villena gehört zu den bedeutendsten archäologischen Funden der europäischen Bronzezeit. Das Ensemble umfasst Dutzende Objekte aus Gold, Silber, Eisen und Bernstein und wiegt insgesamt nahezu zehn Kilogramm. Zu den bekanntesten Bestandteilen zählen elf Goldschalen, 28 Goldarmreifen und mehrere Gefäße.
Der Schatz wird auf die Zeit um 1000 bis 1250 vor Christus datiert und gilt als einer der bedeutendsten Goldschätze der europäischen Bronzezeit. Seine Bedeutung geht dabei weit über den reinen Materialwert hinaus.
Der reine Wert des verwendeten Goldes wird in aktuellen Berichten mit etwa 1,5 bis 1,7 Millionen Euro angegeben. Der historische und wissenschaftliche Wert der Originalstücke lässt sich dagegen kaum beziffern.
Entdeckt wurde der Schatz 1963
Eine besondere Tragik des Diebstahls liegt darin, dass der Schatz mehr als drei Jahrtausende verborgen gewesen war, bevor er 1963 entdeckt wurde. Der Archäologe José María Soler fand ihn in der Umgebung von Villena. Seitdem bildet der Fund das wichtigste historische Exponat des Museums der Stadt.
Der Tesoro de Villena gilt als einer der bedeutendsten prähistorischen Goldschätze Europas. In seiner Bedeutung wird er unter anderem mit den berühmten Goldfunden aus den königlichen Gräbern von Mykene in Griechenland verglichen.
Polizei vermutet professionell geplanten Coup
Die Ermittler prüfen derzeit, ob hinter dem Einbruch eine auf Kunstdiebstahl und historisches Kulturgut spezialisierte Gruppe steckt. Dafür sprechen mehrere Umstände: die Verwendung mehrerer Fahrzeuge, der Zugang über einen seitlichen Bereich des Museums, die hohe Geschwindigkeit des Einbruchs und die gezielte Auswahl der wertvollen Objekte.
Die Guardia Civil wertet unter anderem Aufnahmen von Überwachungskameras aus und versucht, die Bewegungen der Täter und Fahrzeuge nachzuvollziehen. Noch ist unklar, ob die Täter bereits wussten, welche Stücke sie vorfinden würden, oder ob sie während des Einbruchs gezielt die wertvollsten Objekte auswählten.
Zusammenhang mit weiteren Museumsdiebstählen wird geprüft
Der Fall sorgt auch deshalb für Aufmerksamkeit, weil Spanien in den vergangenen Monaten bereits von mehreren spektakulären Diebstählen aus Museen betroffen war.
In Badajoz wurden im April zahlreiche historische Münzen gestohlen. Im Juli drangen zudem vermummte Täter in das Museum von Albacete ein und entwendeten Goldmünzen. Die außergewöhnliche Geschwindigkeit der damaligen Tat erinnert die Ermittler an den nun erfolgten Einbruch in Villena.
Ob zwischen den Fällen tatsächlich ein Zusammenhang besteht, ist derzeit nicht geklärt. Die Ermittler halten verschiedene Möglichkeiten offen.
Bürgermeister zeigt sich tief betroffen
Der Bürgermeister von Villena, Fulgencio Cerdán, zeigte sich angesichts des Verlustes sichtlich erschüttert. Für die Stadt sei der Schatz weit mehr als eine Sammlung wertvoller Gegenstände. Er gehöre zur Geschichte und Identität von Villena.
Die Stadt Villena und die spanischen Behörden hoffen nun vor allem darauf, die gestohlenen Stücke möglichst schnell wiederzufinden. Denn auf dem internationalen Kunstmarkt dürften die historischen Originale kaum legal veräußerbar sein. Ihre besondere historische Identität macht sie für Museen und Sammler eindeutig erkennbar.
Ermittlungen laufen auf Hochtouren
Das Museum wurde nach dem Einbruch abgesperrt, während Spezialisten der Polizei Spuren sicherten. Im Mittelpunkt stehen derzeit die Auswertung der Überwachungskameras, die Rekonstruktion des Fluchtwegs sowie die Identifizierung der verwendeten Fahrzeuge.
Auch der Alarm im nahe gelegenen Sportzentrum wird untersucht. Sollte sich bestätigen, dass dieser bewusst ausgelöst wurde, könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass der Einbruch von langer Hand vorbereitet worden war.
Noch gibt es keine Festnahmen und keine gesicherten Hinweise auf die Identität der Täter. Fest steht jedoch bereits jetzt: Mit dem Diebstahl verliert Spanien einen erheblichen Teil eines der bedeutendsten archäologischen Ensembles seiner Bronzezeit. Der Fall dürfte deshalb nicht nur für Villena, sondern für die gesamte europäische Kulturlandschaft weitreichende Folgen haben.
