11. September 2026
Lesezeit 4 Minuten

Spanien Press erklärt: Spanische Pässe für Tausende Sahrauis – warum Spanien diesen historischen Schritt geht

Bis zu 110.000 Sahrauis könnten künftig die spanische Staatsbürgerschaft erhalten. Der spanische Kongress hat einer entsprechenden Gesetzesinitiative zugestimmt. Doch warum ausgerechnet die Sahrauis? Die Antwort liegt rund 50 Jahre zurück – und führt direkt in die koloniale Vergangenheit Spaniens. Gleichzeitig könnte die Entscheidung die ohnehin äußerst sensible Beziehung zu Marokko erneut belasten.

Redaktion Spanien Press

Die Entscheidung des spanischen Kongresses hat international Aufmerksamkeit ausgelöst. Mit 168 Stimmen dafür, 31 dagegen und 145 Enthaltungen wurde eine Regelung verabschiedet, die Sahrauis, die während der spanischen Verwaltung der Westsahara geboren wurden, einen besonderen Zugang zur spanischen Staatsangehörigkeit ermöglichen soll.

Schätzungen zufolge könnten zunächst Zehntausende Menschen betroffen sein. Auch für direkte Nachkommen ist unter bestimmten Voraussetzungen eine Möglichkeit vorgesehen.

Doch hinter der Entscheidung steckt weit mehr als eine neue Regelung zur Staatsangehörigkeit.

Warum haben die Sahrauis überhaupt eine besondere Verbindung zu Spanien?

Spanien kontrollierte die Westsahara seit Ende des 19. Jahrhunderts. 1958 wurde das Gebiet sogar als spanische Überseeprovinz organisiert.

Die dort lebenden Sahrauis standen damit jahrzehntelang unter spanischer Verwaltung. Viele verfügten über von Spanien ausgestellte Dokumente, besuchten spanische Schulen, arbeiteten für die Verwaltung oder dienten in spanischen Einheiten.

Genau darin liegt heute eines der wichtigsten Argumente für die neue Regelung.

Die Sahrauis werden in diesem Zusammenhang nicht einfach als eine Gruppe ausländischer Migranten betrachtet. Die Befürworter des Gesetzes argumentieren vielmehr, dass Spanien eine besondere historische Verantwortung gegenüber einer Bevölkerung trägt, die jahrzehntelang unmittelbar von Madrid verwaltet wurde.

Der spanische Rückzug veränderte alles

Der entscheidende Bruch kam 1975 und 1976.

Spanien zog sich aus der Westsahara zurück. Marokko und Mauretanien übernahmen die Kontrolle über Teile des Gebietes, während die Frente Polisario für einen unabhängigen sahrauischen Staat kämpfte.

Zahlreiche Sahrauis flohen. Bis heute leben viele von ihnen und ihre Nachkommen in Flüchtlingslagern bei Tindouf in Algerien.

Und bis heute ist die Zukunft der Westsahara politisch nicht endgültig geklärt.

Für die Befürworter der neuen Regelung liegt genau hier die historische Verantwortung Spaniens: Das Land zog sich aus einem Gebiet zurück, dessen Bevölkerung zuvor jahrzehntelang unter spanischer Verwaltung gelebt hatte.

Warum gibt Spanien ihnen jetzt die Staatsbürgerschaft?

Ganz so einfach ist es nicht: Die spanische Staatsangehörigkeit wird nicht automatisch an alle Sahrauis vergeben.

Das geplante Gesetz schafft vielmehr einen besonderen Zugang für Sahrauis, die in der Westsahara während der relevanten Zeit der spanischen Verwaltung geboren wurden und ihre Verbindung entsprechend nachweisen können.

Dafür können beispielsweise alte spanische Dokumente, Geburtsurkunden, Familienregister oder Unterlagen der damaligen spanischen Verwaltung relevant sein.

Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Ausländern: Die Betroffenen sollen nicht zunächst jahrelang legal in Spanien leben müssen, bevor sie diesen besonderen Weg zur Staatsangehörigkeit nutzen können.

Auch direkte Nachkommen könnten unter bestimmten Voraussetzungen profitieren.

Eine Art historische Wiedergutmachung

Im Kern geht es deshalb um die Frage, ob Spanien gegenüber den Sahrauis eine besondere historische Verpflichtung besitzt.

Die Befürworter beantworten diese Frage eindeutig mit Ja.

Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Rückzug soll damit zumindest ein Teil der rechtlichen Folgen der gemeinsamen Vergangenheit aufgearbeitet werden.

Für die Betroffenen ist das keineswegs nur symbolisch.

Wer spanischer Staatsbürger wird, erhält einen spanischen Pass und wird gleichzeitig EU-Bürger – mit den entsprechenden Rechten innerhalb der Europäischen Union.

Und genau hier beginnt das Problem mit Marokko

Was in Spanien als historische Wiedergutmachung dargestellt wird, kann in Rabat politisch ganz anders wahrgenommen werden.

Marokko betrachtet die Westsahara als Teil seines Staatsgebietes. Die Frente Polisario fordert dagegen einen unabhängigen sahrauischen Staat.

Damit besitzt praktisch jede politische Entscheidung Spaniens, die den Sahrauis einen besonderen Status einräumt, enorme diplomatische Sensibilität.

Besonders brisant ist die Situation, weil Spanien seine Position erst 2022 deutlich zugunsten des marokkanischen Autonomieplans verändert hatte. Madrid bezeichnete diesen als die „ernsthafteste, realistischste und glaubwürdigste“ Grundlage für eine Lösung des Konflikts.

Dieser Kurswechsel trug wesentlich dazu bei, die zuvor schwer belasteten Beziehungen zwischen Spanien und Marokko wieder zu stabilisieren.

Und nun öffnet Spanien ausgerechnet Zehntausenden Sahrauis einen besonderen Weg zur spanischen Staatsangehörigkeit.

Warum das Marokko noch mehr verärgern könnte

Für Rabat könnte die Entscheidung aus mehreren Gründen problematisch sein.

Denn Spanien behandelt die Sahrauis damit faktisch als eine Bevölkerungsgruppe mit einer eigenen besonderen historischen Beziehung zu Spanien.

Politisch ist das heikel.

Marokko möchte vermeiden, dass internationale Entscheidungen den Eindruck vermitteln, die Westsahara oder ihre Bevölkerung besäßen einen vom marokkanischen Staat unabhängigen politischen oder rechtlichen Status.

Hinzu kommt die Größenordnung: Es geht nicht um einige Hundert Einzelfälle, sondern potenziell um Zehntausende Menschen – und möglicherweise später auch um deren direkte Nachkommen.

Aus spanischer Sicht kann man argumentieren, dass es ausschließlich um die eigene koloniale Vergangenheit und um Staatsangehörigkeitsrecht geht.

Aus marokkanischer Sicht könnte dieselbe Entscheidung jedoch als politisches Signal verstanden werden.

Und genau deshalb könnte das Gesetz Rabat noch stärker verärgern und erneut Spannungen zwischen beiden Ländern auslösen.

Dabei sollte allerdings unterschieden werden zwischen einer möglichen diplomatischen Reaktion und einer bereits feststehenden Krise: Solange Marokko keine entsprechende offizielle Reaktion veröffentlicht, wäre es verfrüht, von einem neuen offenen Konflikt zwischen Madrid und Rabat zu sprechen.

Spanien sitzt zwischen zwei Stühlen

Genau darin liegt das politische Dilemma.

Auf der einen Seite möchte Spanien seine strategisch wichtigen Beziehungen zu Marokko schützen. Beide Länder arbeiten eng bei Migration, Grenzkontrollen, Handel und Sicherheit zusammen.

Auf der anderen Seite steht eine historische Verantwortung gegenüber den Sahrauis, deren Schicksal unmittelbar mit der ehemaligen spanischen Präsenz in der Westsahara verbunden ist.

Fast 50 Jahre nach dem Rückzug Spaniens ist diese Geschichte damit keineswegs abgeschlossen.

Im Gegenteil: Die geplante Staatsangehörigkeitsregelung zeigt, dass Entscheidungen aus den 1970er-Jahren die spanische Außenpolitik bis heute verfolgen.

Noch ist die Regelung nicht endgültig

Wichtig: Die Zustimmung des Kongresses bedeutet noch nicht, dass nun automatisch Zehntausende spanische Pässe ausgegeben werden.

Das Gesetz muss das parlamentarische Verfahren vollständig durchlaufen und anschließend in Kraft treten. Erst danach kann der vorgesehene besondere Weg zur spanischen Staatsangehörigkeit praktisch genutzt werden.

Dennoch ist die politische Botschaft bereits erheblich.

Spanien versucht, eine historische Verbindung zu den Sahrauis rechtlich anzuerkennen – riskiert damit aber gleichzeitig, einen äußerst sensiblen Punkt in den Beziehungen zu seinem wichtigen Nachbarn Marokko zu berühren.

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