Von Dana Nowak
25 Jahre Chefredakteur, Fußballreporter bei großen Turnieren, Buchautor, Magazinmacher und ehemaliger Präsident des deutschsprachigen Lionsclub Marbella: Wolfgang Stephan hat sein Leben dem Journalismus und den Geschichten von Menschen gewidmet. Heute ist die Costa del Sol für ihn weit mehr als ein Ort zum Überwintern. Hier findet er Ruhe, internationale Freundschaften – und eine neue Form von Heimat. Sein Lebensmotto: „Optimismus ist auch eine Entscheidung.“
Wer Wolfgang Stephan gegenübersitzt, merkt schnell: Die journalistische Neugier ist geblieben. Er interessiert sich für Menschen, für ihre Geschichten und für das, was hinter den offensichtlichen Dingen steckt.
Er hat über Fußball berichtet, Politiker und Unternehmer porträtiert und die deutsche Nationalmannschaft zu großen Turnieren begleitet. Bis Ende 2021 war er Chefredakteur einer deutschen Tageszeitung im Norden Deutschlands. Heute arbeitet er als freier Journalist, Sport- und Luftfahrtreporter, schreibt Bücher und produziert mit „Deichlust“ sein eigenes Freizeitmagazin.
„Schreiben ist mein Leben“, sagt der mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnete Autor.
Vom Weindorf in die Redaktion
Stephans Geschichte beginnt weit entfernt von Andalusien, in einem kleinen Weindorf in der Pfalz. Mit 23 Jahren zog es ihn nach Hamburg. Dort studierte er an der Hochschule für Wirtschaft und Politik – allerdings sollte es anders kommen als geplant.
„Mein Traum war immer, als Journalist zu arbeiten.“
Schon während des Studiums schrieb Stephan für das Stader Tageblatt. Als dort eine Volontariatsstelle frei wurde, stellte man ihn vor eine ziemlich klare Wahl: „Die haben gesagt: entweder jetzt oder nie.“
Stephan entschied sich für den Journalismus und brach sein Studium nach fünf Semestern ab.
Aus dem Volontär wurde ein langjähriger Zeitungsjournalist und schließlich Chefredakteur. Parallel entwickelte sich der Sportjournalismus zu einem wichtigen Teil seines Berufslebens. Seit 18 Jahren berichtet er intensiv über Fußball, insbesondere über den Hamburger SV. Seit 2006 begleitet er die deutsche Nationalmannschaft bei den großen Turnieren.
Und dann kamen die Bücher.
Geschichten, die bleiben
Sein erstes Buch trug den Titel „Optimismus ist auch eine Entscheidung“. Ein Satz, der weit mehr ist als nur ein Buchtitel.
„Das könnte man auch als mein Lebensmotto bezeichnen“, sagt Stephan. Er sei ein durchweg optimistischer Mensch. Das Glas halb leer zu sehen, liegt ihm nicht besonders.
Seine Bücher führen in sehr unterschiedliche Lebenswelten. Stephan schrieb Biografien über einen Hamburger Industriellen, einen Politiker und einen Hafenmanager. Er erzählte außerdem die Geschichte eines Network-Marketing-Managers, der mit 30 Jahren völlig pleite war und zwei Jahrzehnte später mehrfacher Millionär wurde.
Besonders erfolgreich wurde seine Biografie über den ehemaligen deutschen Fußball-Nationalspieler Hans-Peter Briegel, eine Legende des 1. FC Kaiserslautern. Mehr als 7.000 Exemplare wurden verkauft. Im vergangenen Jahr gingen Stephan und Briegel gemeinsam auf Leserreise durch die Pfalz: 25 Stationen, zahlreiche Begegnungen und jede Menge Geschichten.
„Das hat ziemlich viel Spaß gemacht“, sagt Stephan und lacht.
Sein jüngstes Buch führt in eine vollkommen andere Welt. Gemeinsam mit Ricardo Grandi, seinem Nachfolger und heutigen Präsidenten des deutschsprachigen Lionsclub Marbella, beschäftigt er sich mit dem Nahen Osten.
Grandi wurde dort geboren. Seine Erinnerungen an die Kindheit und die Erlebnisse mit seinem Vater in den 1970er- und 1980er-Jahren bilden die persönliche Ebene des Buches. Ihnen gegenüber stehen die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart.
Für Stephan war gerade die intensive Beschäftigung mit der Geschichte besonders spannend. Optimistisch fällt das Fazit dieses Mal allerdings nicht aus: Die Autoren beurteilen die Aussichten auf einen dauerhaften Frieden in der Region eher pessimistisch.
Ein Magazin ohne Kompromisse
Neben seinen Büchern hat Stephan sich noch einen anderen journalistischen Traum erfüllt: „Deichlust“, ein Freizeitmagazin aus Hamburg, das zweimal im Jahr erscheint.
Für jemanden, der jahrzehntelang Tageszeitung gemacht hat, bedeutet das vor allem eines: Freiheit.
„Tageszeitung heißt immer Kompromisse machen“, sagt Stephan. Mal sei nicht das beste Foto verfügbar, mal fehle der Platz, mal müsse eine Reportage gekürzt werden, obwohl sie eigentlich mehr Raum verdient hätte.
Mit „Deichlust“ wollte er genau das vermeiden.
„Mein Ziel war, ein Magazin zu machen mit den besten Journalisten, die ich kennengelernt habe, mit den besten Fotografen und den besten Grafikern.“
Für ihn ist es ein „richtiges Spaß-Projekt“. Und eines, das funktioniert.
Und dann kam Andalusien
Dass die Costa del Sol einmal zu einem wichtigen Teil seines Lebens werden würde, war dagegen überhaupt nicht geplant.
„Das war tatsächlich ein völliger Zufall.“
Ein Freund meldete ihn zu einer Motorradtour durch Andalusien an. Das Motorradfahren hatte Stephan erst relativ spät entdeckt. Ähnlich war es mit dem Laufen.
Bis zu seinem 40. Lebensjahr habe er vor allem eines getan: gearbeitet.
„Ich habe immer gesagt: In meinem nächsten Leben möchte ich Motorrad fahren und Marathon laufen.“
Irgendwann beschloss er offenbar, nicht auf das nächste Leben zu warten.
Er begann zu laufen und absolvierte schließlich elf Marathons. Gleichzeitig machte er den Motorradführerschein.
Die Motorradtour führte ihn und seine Freunde schließlich an die Costa del Sol.
„Und da habe ich mich einfach in diese Gegend hier verliebt.“
Nur drei oder vier Monate später fand die Familie ein Penthouse in ruhiger Lage im Umfeld von Benahavís. Aus gelegentlichen Aufenthalten wurden längere Aufenthalte – und irgendwann ein zweiter Lebensmittelpunkt.
Bereut hat Stephan die Entscheidung nie.
„Ich fühle mich hier ausgesprochen wohl.“
Was bedeutet Heimat?
Auf die Frage, ob er an der Costa del Sol eine neue Heimat gefunden habe, muss Wolfgang Stephan kurz überlegen.
„Heimat ist ein Begriff, mit dem ich sehr vorsichtig umgehe. Heimat ist für mich kein Ort, sondern ein Zustand.“
Es gebe mehrere Orte in Europa, an denen er sich wohlfühle und mit denen er sich identifizieren könne. Die Pfalz gehört dazu. Das Alte Land bei Hamburg an der Elbe ebenfalls.
Und seit mehr als zehn Jahren auch Andalusien.
Sein Credo ist deshalb einfach:
„Ich bin in Europa zu Hause.“
Eigentlich wollte er gar keine Deutschen kennenlernen
Dass Wolfgang Stephan einmal Präsident eines deutschsprachigen Clubs an der Costa del Sol werden würde, hätte er selbst wohl am wenigsten erwartet.
Als er hier nach einer Immobilie suchte, schwärmte eine Maklerin während einer Besichtigung von all den deutschsprachigen Angeboten in der Umgebung: einem deutschen Kartenclub, einem Literaturclub, einem deutschen Café.
Stephans Reaktion?
„Bitte einsteigen und umdrehen. Ich suche einen Ort, wo keine Deutschen sind. Ich gehe nicht nach Spanien, um Deutsche kennenzulernen.“
Das Leben hatte offenbar andere Pläne.
Am 3. Oktober joggte Stephan an der Strandpromenade von Marbella entlang und stieß zufällig auf eine Veranstaltung des deutschsprachigen Lionsclub.
Deutsche Musik lief. Andrea Berg und Helene Fischer wechselten sich offenbar bereits seit einiger Zeit ab.
Stephan merkte gegenüber der damaligen Präsidentin an, dass dies vielleicht nicht unbedingt die gesamte deutsche Kultur repräsentiere.
Ihre Antwort:
„Kommen Sie zu uns und machen Sie es besser.“
Das tat er.
Aus der zufälligen Begegnung wurde ein ehrenamtliches Engagement – und später die Präsidentschaft des Clubs.
Während seiner dreijährigen Amtszeit stieg die Mitgliederzahl von 46 auf 68. Auch das jährliche Spendenaufkommen erhöhte sich deutlich: von zuvor etwa 25.000 bis 28.000 Euro auf rund 40.000 Euro.
Für Stephan geht es dabei vor allem um Verantwortung.
„Wer hier in Spanien einen Zweitwohnsitz hat, der ist vom Leben schon gesegnet.“
Daraus entstehe für ihn auch eine Verpflichtung, sich zu engagieren und Menschen zu unterstützen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.
„We serve – so heißt das Motto des Clubs, und helfen kann auch Spaß machen.“
Eine der Veranstaltungen, die ihm besonders wichtig wurden, ist der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Stephan ersetzte die Musik vom Band durch Live-Musik. Im vergangenen Jahr kamen rund 600 Menschen zum „DAY FOR EUROPE“.
Golf, Freundschaften und die internationale Costa del Sol
Der Lionsclub brachte ihm nicht nur eine neue Aufgabe, sondern auch neue Freundschaften – und sogar ein neues Hobby.
Viele Mitglieder spielten Golf. Irgendwann nahm ihn jemand mit.
Heute gehört Golf zu seinem Leben an der Costa del Sol.
Auf dem Golfplatz lernte er Spanier, Briten und Menschen aus zahlreichen anderen Ländern kennen. Genau diese Internationalität ist für Stephan ein entscheidender Teil der Lebensqualität hier.
Denn obwohl er ursprünglich nicht nach Spanien kam, um Deutsche kennenzulernen, sucht er durchaus die Begegnung mit anderen Menschen.
Nur eben möglichst international.
Die Freiheit, auch einmal unbekannt zu sein
Vielleicht ist es nicht allein das Klima, das Stephan an der Costa del Sol so schätzt.
Nach 25 Jahren als Chefredakteur in einer Stadt mit rund 50.000 Einwohnern war er daran gewöhnt, erkannt zu werden.
Hier ist das anders.
Er kann nach Estepona fahren, durch die Straßen laufen, einen Kaffee trinken – und ziemlich sicher sein, dass ihn niemand anspricht.
Diese Anonymität genießt er.
Dazu gehört ein kleines Sonntagsritual: die Frankfurter Allgemeine Zeitung kaufen, zum Strand fahren und einen Cappuccino trinken.
„Weit weg vom Handy, ich muss nicht quatschen, sondern kann einfach nur lesen. Und das genieße ich hier schon sehr.“
Spanien empfindet Stephan als lebensfroher und toleranter. Gespräche in Deutschland drehten sich seiner Erfahrung nach schnell um Probleme und Krisen. In Spanien nehme er häufiger eine andere Grundhaltung wahr.
„Das Leben hier ist schön und es ist angenehm.“
Dabei weiß er sehr wohl, dass auch an der Costa del Sol Menschen leben, denen es nicht gut geht. Gerade deshalb betrachtet er die eigene Situation als Privileg.
Geerbt habe er nichts, betont er. Was er und seine Familie besitzen, hätten sie sich über viele Jahre selbst erarbeitet.
Seine beiden Kinder leben weiterhin in Hamburg. Seine Tochter ist ebenfalls Journalistin, sein Sohn arbeitet im Logistikbereich. Dazu kommen vier Enkelkinder.
Die Familie ist im Norden geblieben.
Ein Teil seines Lebens aber ist längst im Süden angekommen.
Zwei Welten – und vielleicht gerade deshalb Heimat
Hamburg und Andalusien könnten unterschiedlicher kaum sein.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz.
Hamburg steht für Familie, berufliche Geschichte und vertraute Menschen. Die Costa del Sol bedeutet Ruhe, Sonne, neue Begegnungen – und die Freiheit, nicht immer und überall „der Journalist“ sein zu müssen.
Beides gehört zu Wolfgang Stephan.
Seine Neugier ist geblieben. Ebenso seine Lust, Menschen kennenzulernen, Geschichten zu erzählen und immer wieder etwas Neues auszuprobieren.
Vielleicht braucht Wolfgang Stephan deshalb gar keinen einzelnen Ort, den er Heimat nennen muss.
Er braucht Menschen. Geschichten. Bewegung. Und die Freiheit, immer wieder etwas Neues zu beginnen.
Und natürlich seinen Optimismus.
Denn ein Satz begleitet ihn bis heute:
„Optimismus ist auch eine Entscheidung.“
