Immer mehr Frauen in Spanien entscheiden sich gegen Kinder. Doch ist das tatsächlich ein Wertewandel – oder macht Spanien das Gründen einer Familie schlicht immer schwieriger?
Redaktion Spanien Press
Immer mehr Frauen in Spanien entscheiden sich bewusst gegen Kinder. Nach der neuen Fruchtbarkeitserhebung des spanischen Statistikamtes INE geben inzwischen 15 Prozent der Frauen unter 56 Jahren an, keinen Kinderwunsch zu haben. Bei der vorherigen Erhebung im Jahr 2018 waren es 12,3 Prozent.
Besonders stark ist die Veränderung bei den 35- bis 39-Jährigen. In dieser Altersgruppe ist der Anteil der Frauen, die keine Kinder möchten, gegenüber 2018 um 127 Prozent gestiegen. Bei Frauen unter 25 Jahren entwickelte sich der Wert dagegen in die entgegengesetzte Richtung und sank um 10,1 Prozent.
Trotz dieser Entwicklung bleibt der Kinderwunsch in Spanien mehrheitlich bestehen. Rund 85 Prozent der Frauen möchten grundsätzlich Kinder.
Auch die klassische Vorstellung von zwei Kindern ist weiterhin weit verbreitet, verliert jedoch an Bedeutung. 2018 gaben noch 73,6 Prozent zwei Kinder als gewünschte Familiengröße an, 2025 waren es 69 Prozent.
Unter den 18- bis 34-Jährigen möchte etwa die Hälfte insgesamt zwei Kinder, weitere 20,2 Prozent wünschen sich drei oder mehr.
Viele Frauen bekommen weniger Kinder als gewünscht
Ein entscheidender Punkt der Untersuchung ist die Lücke zwischen Kinderwunsch und Realität.
34,8 Prozent der Frauen zwischen 18 und 55 Jahren, die bereits Kinder haben, erklären, weniger Kinder bekommen zu haben, als sie ursprünglich wollten.
Bei spanischen Frauen liegt der Anteil mit 37,1 Prozent deutlich höher als bei ausländischen Frauen mit 26,7 Prozent.
Die Gründe verändern sich mit dem Alter. Jüngere Frauen gehen häufig davon aus, später noch Kinder zu bekommen. Ab etwa 35 Jahren wird dagegen die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie zunehmend als Grund dafür genannt, dass der ursprüngliche Kinderwunsch nicht verwirklicht wurde.
Bei ausländischen Frauen spielen wirtschaftliche Gründe eine größere Rolle, während Spanierinnen häufiger Probleme bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nennen.
Ab dem Alter von 45 Jahren kommt ein weiterer Faktor hinzu: Mehr als zehn Prozent der Frauen geben an, keine Kinder bekommen zu haben, weil sie keinen geeigneten Partner gefunden haben.
Nicht jede Frau möchte Mutter werden
Bei Frauen ohne Kinder oder ohne Kinderwunsch ist allerdings nicht immer die wirtschaftliche Situation ausschlaggebend.
Der häufigste genannte Grund lautet schlicht: Sie möchten keine Mutter sein.
42,4 Prozent der spanischen Frauen in dieser Gruppe geben dies als Grund an. Bei ausländischen Frauen sind es 37,4 Prozent.
Unter den Spanierinnen unter 25 Jahren ist die Situation anders. Hier wird besonders häufig angegeben, dass man sich für Kinder noch zu jung fühle.
Auch bei der gewünschten Familiengröße zeigen sich Unterschiede nach Nationalität. Ausländische Frauen wünschen sich häufiger drei oder mehr Kinder als Spanierinnen. Gleichzeitig ist der Anteil der Frauen ohne Kinderwunsch unter den Spanierinnen höher.
Arbeit, Geld und fehlende Vereinbarkeit
Die INE-Erhebung zeigt deutlich, dass die niedrige Geburtenrate nicht allein mit einem sinkenden Kinderwunsch erklärt werden kann.
Berufliche Gründe, fehlende Möglichkeiten zur Vereinbarkeit und wirtschaftliche Schwierigkeiten gehören zu den wichtigsten Ursachen dafür, dass Frauen weniger Kinder bekommen als geplant.
Der Demograf Pau Miret vom Centre d’Estudis Demogràfics sieht vor allem die schwierige Verbindung zwischen Familien- und Berufsleben als zentrales Problem.
Auch der Demograf Héctor Cebolla vom spanischen Forschungsrat CSIC verweist auf die hohe Zahl von Frauen ab 35 Jahren, die ihre gewünschte Kinderzahl wegen Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit nicht erreicht.
Damit rückt neben direkten finanziellen Hilfen zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, ob Eltern genügend Zeit und Möglichkeiten haben, Familie und Beruf tatsächlich miteinander zu verbinden.
Welche Unterstützung wünschen sich Frauen?
Auch hierzu liefert die Erhebung konkrete Antworten.
Wie bereits 2018 gehört eine Verlängerung der Mutter- und Vaterschaftszeiten zu den am häufigsten gewünschten Maßnahmen.
An zweiter Stelle stehen finanzielle Leistungen für Familien mit Kindern unter 18 Jahren.
Deutlich gestiegen ist außerdem die Unterstützung für mehr bezahlbare und qualitativ hochwertige Betreuung für Kinder zwischen null und drei Jahren. Die Zustimmung zu dieser Maßnahme nahm gegenüber 2018 um 65,8 Prozent zu.
Gleichzeitig sind nicht alle Frauen davon überzeugt, dass der Staat die Geburtenrate überhaupt fördern sollte. 19,4 Prozent sprechen sich gegen entsprechende Anreize aus, 4,2 Prozentpunkte mehr als 2018.
Bei den 35- bis 39-Jährigen stieg die Ablehnung solcher Maßnahmen besonders stark.
Mehr Frauen nutzen künstliche Befruchtung
Parallel zum sinkenden Kinderwunsch eines Teils der Bevölkerung steigt die Nutzung medizinischer Unterstützung bei Frauen, die Kinder bekommen möchten.
Sechs Prozent der Frauen zwischen 18 und 55 Jahren haben sich nach Angaben des INE bereits mindestens einmal einer Behandlung der assistierten Reproduktion unterzogen. Gegenüber 2018 entspricht das einem Anstieg von 11,9 Prozent.
Am höchsten ist der Anteil bei Frauen zwischen 40 und 44 Jahren: Hier sind es 9,6 Prozent.
Spanische Frauen nehmen entsprechende Behandlungen häufiger in Anspruch als ausländische Frauen.
Bei Männern liegt der Anteil bei 4,7 Prozent und damit leicht unter dem Wert von 2018.
Auch Männer bekommen weniger Kinder als gewünscht
Grundsätzlich unterscheiden sich die Vorstellungen von Männern und Frauen über die gewünschte Kinderzahl nur wenig.
Bei beiden Geschlechtern sind zwei Kinder die häufigste Wunschvorstellung. Männer wünschen sich allerdings etwas seltener drei oder mehr Kinder: 21,9 Prozent gegenüber 24,3 Prozent bei Frauen.
Auch Männer, die weniger Kinder bekommen haben als ursprünglich geplant, nennen vor allem wirtschaftliche, berufliche und familiäre Gründe.
Bei Männern unter 30 Jahren haben diese Faktoren erheblich an Bedeutung gewonnen.
Eine Gesellschaft zwischen Kinderwunsch und neuer Lebensplanung
Die neuen INE-Daten zeigen damit kein einheitliches Bild.
Ein wachsender Teil der Frauen entscheidet sich bewusst gegen Mutterschaft. Gleichzeitig gibt es viele Frauen, die durchaus Kinder möchten, aber weniger bekommen als geplant.
Hohe Wohnkosten und wirtschaftliche Unsicherheit können die Familiengründung zusätzlich erschweren. Gleichzeitig haben sich die Lebensentwürfe verändert: Ausbildung, berufliche Möglichkeiten, Reisen, Freizeit und persönliche Unabhängigkeit nehmen heute einen anderen Stellenwert ein als noch vor einigen Jahrzehnten.
Kinder bedeuten Zeit, Verantwortung und häufig erhebliche Veränderungen im beruflichen und privaten Alltag. Für manche Frauen gehört genau das zum gewünschten Lebensentwurf. Andere entscheiden sich bewusst dagegen.
Die niedrige Geburtenrate Spaniens lässt sich deshalb nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Weniger Kinderwunsch, schwierige Vereinbarkeit, wirtschaftliche Bedingungen und veränderte Vorstellungen vom eigenen Leben treffen gleichzeitig aufeinander.
Die vollständigen Ergebnisse der INE-Fruchtbarkeitserhebung sollen im Dezember veröffentlicht werden.
