80 deutsche Kreuzfahrtpassagiere vor einer traditionellen Schinkenbar in A Coruña: Was zunächst wie eine gewöhnliche Urlaubsszene aussieht, steht beispielhaft für eine Entwicklung, die immer mehr spanische Städte beschäftigt. Der Kreuzfahrttourismus bringt zusätzliche Einnahmen, verändert aber auch den Alltag in den Stadtzentren. Die Frage, wie viel Tourismus eine Stadt verträgt, stellt sich längst nicht mehr nur in Barcelona, Málaga oder auf Mallorca.
Redaktion Spanien Press
Am Freitag bot sich in der Calle de la Torre im galicischen A Coruña ein ungewöhnliches Bild. Rund 80 deutsche Touristen hatten sich vor der traditionsreichen Jamonería Montefurado versammelt, um spanischen Schinken und andere regionale Spezialitäten zu probieren.
Die Besucher waren in zwei Gruppen von jeweils 40 Personen unterwegs. Während die erste Gruppe das Lokal bereits vollständig belegte, musste die zweite draußen auf der Straße warten.
Wie die Regionalzeitung La Voz de Galicia berichtet, handelte es sich um Passagiere des deutschen Kreuzfahrtschiffes Mein Schiff 7, das an diesem Tag im rund 50 Kilometer entfernten Ferrol angelegt hatte.
Die Szene zeigt, wie weit der Einfluss des Kreuzfahrttourismus inzwischen über die eigentlichen Anlaufhäfen hinausreicht.
Wenn aus einem traditionellen Geschäft eine Station für Kreuzfahrttouristen wird
Die Jamonería Montefurado gehört seit fast 80 Jahren zum Geschäftsleben von A Coruña. Heute ist das Familienunternehmen auch fester Bestandteil organisierter Ausflüge für Kreuzfahrtpassagiere.
Óscar López, der das Geschäft in dritter Generation führt, erklärte gegenüber La Voz de Galicia, dass jährlich rund 4.000 Kreuzfahrttouristen sein Lokal besuchen.
Die Reiseveranstalter haben mit dem Geschäft ein festes gastronomisches Angebot vereinbart. Serviert werden unter anderem galicische Thunfisch-Empanada, Chorizo aus Celanova, regionale Käsesorten und spanischer Schinken.
Für den Betrieb sind die organisierten Besuche eine zusätzliche Einnahmequelle. Gleichzeitig verdeutlicht die Szene, wie sich ein traditionelles Geschäft auf die Bedürfnisse großer Reisegruppen einstellt.
Was früher vor allem ein Ort des alltäglichen Einkaufs und der lokalen Gastronomie war, wird damit zeitweise zur fest eingeplanten Station internationaler Reiseveranstalter.
Der Tourismus verteilt sich längst über mehrere Städte
Besonders bemerkenswert ist, dass die deutschen Besucher nicht einmal mit einem Kreuzfahrtschiff nach A Coruña gekommen waren.
Die Mein Schiff 7 lag im Hafen von Ferrol, wo am selben Freitag gemeinsam mit einem zweiten Kreuzfahrtschiff mehr als 3.000 Passagiere ankamen.
Ein Teil der Reisenden wurde anschließend zu Ausflügen in die Umgebung gebracht.
Damit beschränkt sich der touristische Besucherverkehr nicht mehr auf die unmittelbare Umgebung der Kreuzfahrthäfen. Auch benachbarte Städte, historische Viertel und traditionelle Geschäftsstraßen werden zunehmend in die Ausflugsprogramme einbezogen.
Für die betroffenen Kommunen bedeutet das zusätzliche Besucherströme, die sich innerhalb weniger Stunden auf bestimmte Straßen, Sehenswürdigkeiten und gastronomische Betriebe konzentrieren können.
Für die Einheimischen wird selbst der Alltag zur Geduldsprobe
Für Geschäftsinhaber kann die Ankunft größerer Reisegruppen wirtschaftlich attraktiv sein. Restaurants, Cafés und Einzelhändler profitieren von zusätzlichen Kunden, insbesondere außerhalb der klassischen Urlaubssaison.
Für die Einwohner stellt sich allerdings eine andere Frage: Was bedeutet es, wenn die eigene Stadt zunehmend zum Ausflugsziel organisierter Touristengruppen wird?
Für den gewöhnlichen Bürger kann der zunehmende Tourismus vor allem eines bedeuten: Der Alltag wird komplizierter.
Wer in seinem gewohnten Geschäft einkaufen möchte, steht möglicherweise vor einer Reisegruppe, die das gesamte Lokal belegt. Ein kurzer Einkauf wird zur Geduldsprobe oder muss auf später verschoben werden.
Auf dem Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder zu einem Arzttermin müssen sich Anwohner durch Menschenansammlungen schlängeln, auf Gehwegen immer wieder ausweichen und zusätzliche Verzögerungen im Straßenverkehr einkalkulieren.
Was für Urlauber ein entspannter Ausflug ist, kann für die Bewohner zur täglichen Belastung werden.
Einkäufe dauern länger, Straßen sind voller und selbst einfache Erledigungen erfordern zunehmend Zeit und Nerven. Manchmal bleibt nur, einen Umweg zu nehmen, auf einen anderen Zeitpunkt auszuweichen oder schlicht sehr viel Geduld aufzubringen.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Wenn sich Geschäfte zunehmend auf große Touristengruppen einstellen, kann sich auch das Angebot verändern. Traditionelle Läden, die ursprünglich vor allem die lokale Bevölkerung versorgten, orientieren sich möglicherweise stärker an den Bedürfnissen internationaler Besucher.
Dass der konkrete Besuch in der Calle de la Torre zu Beschwerden von Anwohnern geführt hätte, ist bislang nicht belegt. Die Situation veranschaulicht jedoch einen grundsätzlichen Interessenkonflikt zwischen touristischer Nutzung und dem alltäglichen Leben in einer Stadt.
Der wirtschaftliche Nutzen des Tourismus ist unbestritten. Doch die möglichen Belastungen tragen vor allem diejenigen, die das ganze Jahr über dort leben.
Wie viel Geld bleibt tatsächlich in der Stadt?
Ein weiterer Streitpunkt ist der tatsächliche wirtschaftliche Nutzen des Kreuzfahrttourismus.
Die Schiffe bringen innerhalb kürzester Zeit Tausende Menschen in eine Region. Doch viele Passagiere reisen mit Vollverpflegung und verbringen nur wenige Stunden an Land.
In A Coruña wird deshalb bereits darüber diskutiert, welcher Anteil der touristischen Ausgaben tatsächlich bei lokalen Unternehmen ankommt.
Die örtliche Reiseleiterin Iria Prendes stellte diese Frage im Sommer in einem Beitrag des Radiosenders Cadena SER. Sie verwies darauf, dass der wirtschaftliche Nutzen großer Kreuzfahrtschiffe differenziert betrachtet werden müsse.
Zwar profitieren einzelne Geschäfte und gastronomische Betriebe von den Besuchern. Gleichzeitig bleibt ein erheblicher Teil der Reiseausgaben bei den Kreuzfahrtgesellschaften.
Auch lokale Gastronomen haben darauf hingewiesen, dass viele Kreuzfahrtpassagiere lediglich kleinere Beträge für Getränke oder Snacks ausgeben, während Restaurants mit umfangreicherem Angebot nicht unbedingt im gleichen Maße profitieren.
Die Zahl der Besucher allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie groß der wirtschaftliche Nutzen für die gesamte Stadt tatsächlich ist.
A Coruña erhebt bereits eine Tourismusabgabe
Die galicische Stadt hat inzwischen auch finanzpolitisch auf den wachsenden Tourismus reagiert.
Seit der Einführung einer kommunalen Tourismusabgabe erzielt A Coruña zusätzliche Einnahmen aus Übernachtungen und Kreuzfahrtbesuchen.
Nach Angaben der Stadtverwaltung wurden im ersten Halbjahr 2026 insgesamt rund 1,04 Millionen Euro eingenommen. Davon entfielen etwa 215.000 Euro auf den Kreuzfahrttourismus.
Die Einnahmen sollen unter anderem für Reinigung, Sicherheit, Beleuchtung und die Pflege öffentlicher Anlagen eingesetzt werden.
Die Stadtverwaltung wertet die Abgabe als Erfolg und verweist darauf, dass die Besucherzahlen weiterhin wachsen.
Allerdings beantwortet auch eine Tourismussteuer nicht sämtliche Fragen nach den Auswirkungen des zunehmenden Besucherverkehrs auf das tägliche Leben.
Denn selbst wenn Touristen einen finanziellen Beitrag leisten, bleiben überfüllte Gehwege, zusätzliche Verkehrsbelastungen und die zeitweise eingeschränkte Nutzung bestimmter Geschäfte ein Problem, das sich nicht allein mit Geld lösen lässt.
Ein Problem, das nicht nur die großen Touristenzentren betrifft
Lange Zeit konzentrierte sich die Debatte über Massentourismus in Spanien vor allem auf Barcelona, die Balearen, die Kanarischen Inseln oder die Costa del Sol.
Doch zunehmend geraten auch Städte in den Blick, die bislang weniger stark mit touristischer Überlastung in Verbindung gebracht wurden.
Galicien profitiert von seiner Gastronomie, seinem kulturellen Erbe und dem wachsenden Interesse internationaler Reisender. Zugleich entstehen neue Herausforderungen für die Stadtplanung und die Nutzung öffentlicher Räume.
Die Szene vor der Jamonería Montefurado ist für sich genommen kein Beweis für eine touristische Überlastung A Coruñas. Sie macht jedoch sichtbar, wie organisierte Besucherströme innerhalb weniger Minuten das Bild einer gewöhnlichen Geschäftsstraße verändern können.
Dabei geht es nicht um die Nationalität der Besucher. Ob deutsche, britische oder amerikanische Kreuzfahrtpassagiere – entscheidend ist die Organisation und Konzentration großer Reisegruppen.
Die eigentliche Herausforderung für Spaniens Städte besteht darin, wirtschaftliche Vorteile des Tourismus zu nutzen, ohne dass sich das öffentliche Leben zunehmend nach den Fahrplänen der Kreuzfahrtschiffe richtet.
Denn eine Stadt ist nicht nur ein Reiseziel. Sie ist vor allem der Lebensraum ihrer Einwohner.
Für Touristen ist es ein Urlaubserlebnis von wenigen Stunden. Für die Einwohner ist es ihr Alltag – und der lässt sich nicht einfach auf einen anderen Tag verschieben.
