Fast einen Monat nach Beginn der Proteste gegen die spanische Wohnungskrise hat sich das Bild auf der berühmten Puerta del Sol in Madrid dramatisch verändert. Wo anfangs Tausende junge Menschen für bezahlbaren Wohnraum demonstrierten, prägen heute verlassene Zelte, verschlossene Planen, Obdachlose und zunehmende Hygieneprobleme das Bild. Die ursprünglichen Organisatoren haben sich längst aus der Leitung des Camps zurückgezogen. Nun stellt sich die Frage, wie lange die Besetzung noch weitergehen soll.
Redaktion Spanien Press
Madrid erlebt auf seiner berühmtesten Plaza eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Protestbewegung, die am 26. September mit großen Hoffnungen und politischen Forderungen begann, steht knapp vier Wochen später vor einer ungewissen Zukunft. Die Zelte auf der Puerta del Sol sollen am Wochenende sogar die symbolische Marke von 28 Nächten erreichen, die einst die Protestbewegung des 15-M im Jahr 2011 dort verbrachte.
Doch während die damaligen Indignados für politische Erneuerung, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit standen, hat sich die aktuelle Protestbewegung zunehmend in ein schwer überschaubares Zeltlager verwandelt.
Die anfänglich offene und von jungen Menschen geprägte Atmosphäre ist weitgehend verschwunden. Statt Informationsständen, Diskussionen und öffentlich zugänglichen Versammlungsbereichen bestimmen heute große Plastikplanen, provisorische Unterkünfte und abgeschottete Bereiche das Erscheinungsbild.
Gestank, Urin und zunehmende Verwahrlosung
Besonders umstritten sind inzwischen die hygienischen Zustände rund um das Camp. Beschwerden über Müll, Schmutz und unangenehme Gerüche, darunter auch Uringestank, haben die Diskussion über die Besetzung der zentralen Madrider Plaza zusätzlich verschärft.
Die Regionalregierung von Madrid verwies auf technische Untersuchungen, bei denen in Lüftungsanlagen der Metrostation Sol Stoffe festgestellt worden sein sollen, die mit der Zersetzung von Urin vereinbar sind. Die Station wurde zeitweise für Reinigungsmaßnahmen geschlossen. Die Hintergründe und die Verhältnismäßigkeit dieser Maßnahme waren allerdings umstritten.
Der öffentliche Platz, der täglich von Tausenden Touristen, Pendlern und Einheimischen genutzt wird, ist damit zunehmend auch Schauplatz einer Debatte über Hygiene, Sicherheit und die Grenzen politischer Protestaktionen geworden.
Regen, Wind und sinkende Temperaturen haben die Situation zusätzlich erschwert. Große Planen schützen die Zelte vor der Witterung, schirmen das Lager inzwischen aber auch weitgehend von der Außenwelt ab.
Die verbliebenen Organisatoren begründen diese Abschottung mit Sicherheitsmaßnahmen und dem Schutz der Bewohner. Kritiker sehen darin dagegen ein weiteres Zeichen dafür, wie weit sich die Besetzung von ihrem ursprünglichen Charakter entfernt hat.
Die Mietergewerkschaft ist längst abgezogen
Besonders bemerkenswert ist, dass sich ausgerechnet die Organisation, die maßgeblich zum Beginn der Proteste beigetragen hatte, schon früh aus der Leitung des Camps zurückzog.
Die Madrider Mietergewerkschaft Sindicato de Inquilinas hatte die Mobilisierung nach der umstrittenen Zwangsräumung der als Maricarmen bekannt gewordenen älteren Frau entscheidend vorangetrieben.
Am 2. Oktober, nur wenige Tage nach Beginn der Besetzung und nach dem Scheitern der wohnungspolitischen Dekrete im spanischen Parlament, kündigte die Gewerkschaft jedoch ihren Rückzug aus dem Zeltlager an.
Seither konzentriert sie sich nach eigenen Angaben auf die Arbeit in den Stadtvierteln sowie auf die Vorbereitung des für den 11. November angekündigten Generalstreiks.
Zwar verteidigten Vertreterinnen der Gewerkschaft die Protestbewegung auch danach öffentlich, die Verantwortung für die tägliche Organisation des Camps übernahmen sie jedoch nicht erneut.
Damit fehlt der Besetzung inzwischen eine der wichtigsten politischen Kräfte ihrer Anfangsphase.
An ihre Stelle traten unterschiedliche Gruppen und Aktivisten, die das Lager über Versammlungen, Kommissionen und kleinere, weitgehend autonome Bereiche organisieren.
Junge Demonstranten gehen nach Hause – Obdachlose ziehen ein
Noch deutlicher als der organisatorische Wandel ist die Veränderung der Menschen, die sich tatsächlich auf der Puerta del Sol aufhalten.
Während in der ersten Woche nach Angaben der damaligen Organisatoren zeitweise bis zu 4.000 Menschen in rund 1.000 Zelten übernachteten, hat sich die Zahl der dauerhaft Anwesenden inzwischen erheblich reduziert.
Viele der ursprünglich beteiligten jungen Demonstranten sind längst in ihre Wohnungen oder Elternhäuser zurückgekehrt.
In einem Teil des Camps, in dem anfangs bis zu 150 überwiegend junge Menschen übernachteten, sollen inzwischen nur noch etwa 30 Personen geblieben sein, wie die spanische Zeitung 20minutos berichtet.
Die zurückgelassenen Zelte haben jedoch neue Bewohner gefunden.
Immer mehr Obdachlose, Menschen mit Suchterkrankungen und Migranten ohne feste Unterkunft nutzen das Camp inzwischen als Schlafplatz und Anlaufstelle.
Die verbliebenen Organisatoren räumen ein, dass dieser Wandel zunächst zu erheblichen Konflikten führte. Zeitweise sei sogar darüber nachgedacht worden, die Besetzung früher als geplant zu beenden.
Mittlerweile versuche man, die neuen Bewohner in die Organisation einzubinden. Einige übernehmen Aufgaben bei der Reinigung, der Instandhaltung oder der internen Sicherheit.
Die Aktivisten argumentieren, dass sie damit soziale Aufgaben erfüllten, die eigentlich von der Stadtverwaltung übernommen werden müssten. Viele der obdachlosen Menschen hätten bereits vor Beginn der Proteste im Zentrum Madrids gelebt und erhielten im Camp nun regelmäßig Essen.
Das wirft allerdings eine grundsätzliche Frage auf: Ist die Puerta del Sol noch Schauplatz einer politischen Demonstration oder längst zu einer improvisierten Obdachlosenunterkunft geworden?
Madrids Bürgermeister fordert Klarheit
Madrids Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida hat die Entwicklung wiederholt kritisiert und die tatsächliche Zahl der Menschen infrage gestellt, die noch im Camp übernachten.
Nach seiner Einschätzung könnte es inzwischen mehr leere Zelte als tatsächliche Bewohner geben. Deshalb fordert er eine Bestandsaufnahme der Personen, die dauerhaft auf dem Platz leben.
Die Organisatoren lehnen eine solche Erfassung ab und halten sie in der vorgeschlagenen Form für rechtswidrig.
Auch die Polizeigewerkschaft Jupol übt deutliche Kritik. Nach ihrer Darstellung habe die heutige Besetzung kaum noch etwas mit der ursprünglichen Protestbewegung gemeinsam.
Jupol behauptet zudem, dass gewaltbereite Gruppen innerhalb des Camps an Einfluss gewonnen hätten und es Sicherheitsprobleme gebe.
Die Organisatoren weisen diese Vorwürfe entschieden zurück. Sie bestreiten, dass extremistische oder terroristische Gruppierungen das Lager kontrollieren, und verweisen ihrerseits auf Angriffe und Einschüchterungsversuche gegen die Demonstranten.
Unabhängig von diesen gegenseitigen Anschuldigungen steht fest, dass die ursprünglich politisch motivierte Besetzung längst auch zu einem Konflikt über öffentliche Ordnung, Sicherheit und die Nutzung eines der wichtigsten Plätze Spaniens geworden ist.
Vom Protest gegen die Wohnungskrise zum sozialen Problemfall
Die Entwicklung ist auch deshalb bemerkenswert, weil die ursprünglichen Forderungen der Demonstranten durchaus ein reales gesellschaftliches Problem ansprechen.
Spanien steckt weiterhin in einer schweren Wohnungskrise. Besonders in Madrid, Barcelona und den touristisch geprägten Küstenregionen sind die Mietpreise für viele junge Menschen kaum noch bezahlbar.
Die Proteste auf der Puerta del Sol sollten auf diese Situation aufmerksam machen und politischen Druck auf die Regierung ausüben.
Doch mit jedem weiteren Tag droht die ursprüngliche Botschaft stärker hinter den Problemen des Camps zu verschwinden.
Statt über Mietpreise, Wohnungsmangel und politische Lösungen wird inzwischen zunehmend über Müll, Geruchsbelästigung, Obdachlosigkeit, Sicherheit und die Frage diskutiert, wer für die Zustände verantwortlich ist.
Eine Entwicklung, die den ursprünglichen Zielen der Bewegung kaum zuträglich sein dürfte.
Bleiben die Zelte bis Weihnachten oder sogar Silvester?
Nach fast einem Monat ist innerhalb der Acampada eine Diskussion über den richtigen Zeitpunkt für den Rückzug entbrannt.
Einige Teilnehmer möchten bis zum Generalstreik am 11. November bleiben. Andere halten eine Fortsetzung bis zu den für den 29. November angekündigten Parlamentswahlen für sinnvoll. Vereinzelt wird sogar darüber gesprochen, die Zelte bis zum Jahreswechsel stehen zu lassen.
Die verbliebenen Organisatoren räumen inzwischen eine deutliche Erschöpfung ein. Gleichzeitig betonen sie, dass die Bewegung noch genügend Kraft habe, um weitere Aktionen zu organisieren.
Ein geordneter Rückzug wird bereits diskutiert. Dieser soll möglichst mit einer symbolischen öffentlichen Veranstaltung verbunden werden, um die ursprünglichen Forderungen noch einmal in den Mittelpunkt zu rücken.
Die große Ironie dieser Protestbewegung liegt allerdings auf der Hand.
Was als Demonstration junger Menschen begann, die sich keine eigene Wohnung leisten können, ist inzwischen teilweise zu einem Zufluchtsort für Menschen geworden, die überhaupt kein Zuhause mehr haben.
Die Mietergewerkschaft, die den Protest maßgeblich angestoßen hatte, ist aus der Organisation des Camps längst ausgestiegen. Viele junge Demonstranten sind verschwunden. Zurückgeblieben ist ein Lager, dessen soziale und hygienische Probleme zunehmend die öffentliche Wahrnehmung bestimmen.
Die Puerta del Sol steht damit kurz davor, die historische Dauer der Proteste von 2011 zu erreichen. Doch während der 15-M als politische Bewegung in die spanische Geschichte einging, könnte die aktuelle Besetzung vor allem wegen ihrer zunehmenden Verwahrlosung und ihres schleichenden Bedeutungsverlusts in Erinnerung bleiben.
