Europa verliert zunehmend seinen natürlichen Schutz vor Krankheiten, die bislang fast ausschließlich in tropischen Regionen vorkamen. Eine neue wissenschaftliche Studie warnt, dass sich das Chikungunya-Virus, übertragen durch die Tigermücke, inzwischen lokal in großen Teilen des Kontinents verbreiten kann – besonders im Süden. Spanien zählt dabei zu den am stärksten exponierten Ländern
Redaktion Spanien Press
Die im Journal of the Royal Society Interface veröffentlichte Untersuchung zeigt, dass das Virus bei deutlich niedrigeren Temperaturen übertragbar ist als bisher angenommen. Während man früher davon ausging, dass 16 bis 18 Grad notwendig seien, kann sich das Virus bereits ab etwa 13 bis 14 Grad im Moskito entwickeln.
Diese Erkenntnis verändert die epidemiologische Landkarte Europas grundlegend.
Von importierten Fällen zu lokaler Übertragung
Bisher traten Infektionen in Europa meist bei Reisenden auf, die sich in tropischen Regionen angesteckt hatten. Die neuen klimatischen Bedingungen ermöglichen jedoch, dass der Viruszyklus vollständig innerhalb Europas abläuft – lokale Ausbrüche werden damit möglich.
Der Ablauf ist einfach:
Eine Mücke sticht eine infizierte Person, das Virus vermehrt sich im Insekt und wird anschließend auf den nächsten Menschen übertragen. Entscheidend ist, dass die Inkubationszeit des Virus kürzer ist als die Lebensdauer der Mücke – eine Voraussetzung, die durch mildere Temperaturen immer häufiger erfüllt wird.
Forscher gehen davon aus, dass eine Übertragung in mediterranen Ländern wie Spanien, Portugal, Italien oder Griechenland über mehr als sechs Monate im Jahr möglich sein könnte. In Teilen Mitteleuropas wären mehrere Monate pro Jahr denkbar.
Die Rolle der Tigermücke
Der Überträger der Krankheit, die Tigermücke (Aedes albopictus), breitet sich seit Jahren in Europa aus. In vielen Regionen der Mittelmeerküste ist sie bereits dauerhaft etabliert und bleibt in milden Wintern aktiv.
Der Temperaturanstieg in Europa – stärker als in vielen anderen Weltregionen – beseitigt zunehmend die klimatische Barriere, die bislang eine dauerhafte Übertragung tropischer Krankheiten verhinderte.
In den vergangenen Jahren wurden bereits größere Ausbrüche mit Hunderten Fällen in Frankreich und Italien registriert.
Eine extrem schmerzhafte Erkrankung
Chikungunya verursacht plötzliches hohes Fieber und starke Gelenkschmerzen, die Betroffene teilweise über lange Zeit einschränken. Die Sterblichkeit ist zwar gering, doch ein erheblicher Teil der Patienten leidet noch Jahre später unter chronischen Beschwerden.
Das Virus wurde erstmals 1952 in Tansania nachgewiesen und infiziert heute jährlich Millionen Menschen in tropischen und subtropischen Regionen. Seine mögliche Etablierung in Europa würde eine grundlegende Veränderung der gesundheitlichen Situation bedeuten.
Ein klimabedingtes Phänomen
Die Wissenschaftler erwarten, dass mit fortschreitender Erwärmung künftig häufiger und größere Ausbrüche in Europa auftreten werden. Die dauerhafte Präsenz der Mücke und längere Warmperioden schaffen ideale Bedingungen für eine lokale Verbreitung.
Für Mittelmeerländer wie Spanien bedeutet dies, dass bislang exotische Krankheiten künftig zu einem saisonalen Bestandteil der warmen Monate werden könnten.
