Wenn der Sommer langsam nachlässt, beginnt auch in Spanien die Zeit der Kürbisse. Sie gehören zu den ältesten und vielseitigsten Produkten der heimischen Küche – von der klassischen „calabaza“ für Suppen und Eintöpfe bis zum kuriosen „Cabello de Ángel“, aus dem eine der beliebtesten süßen Füllungen des Landes hergestellt wird.
Redaktion Spanien Press
Wer bei Kürbis sofort an Deutschland im Oktober, Kürbissuppe und Halloween denkt, könnte in Spanien eine kleine Überraschung erleben. Denn auch hier hat die calabaza eine lange Tradition – allerdings häufig auf eine ganz andere Art, als man sie aus Mitteleuropa kennt.
In spanischen Gemüseläden und auf Wochenmärkten findet man Kürbisse praktisch das ganze Jahr über, doch mit dem Übergang vom Sommer zum Herbst beginnt ihre klassische Hochsaison. Gerade im Süden des Landes gehört die calabaza seit Generationen zur einfachen, ländlichen Küche.
Sie landet in Suppen und Cremes, in Eintöpfen mit Hülsenfrüchten, wird im Ofen geröstet oder als Bestandteil traditioneller Süßspeisen verwendet. Das Gemüse ist preiswert, lange haltbar und ausgesprochen vielseitig – Eigenschaften, die ihm einen festen Platz in der spanischen Alltagsküche gesichert haben.
Spanien ist ein wichtiges Kürbisland
Das warme Klima und die langen Vegetationsperioden bieten in vielen Teilen Spaniens gute Bedingungen für den Kürbisanbau. Besonders in Regionen wie Andalusien, Murcia, Valencia und Castilla-La Mancha werden verschiedene Arten von Kürbis angebaut.
Ein erheblicher Teil der spanischen Produktion ist für den heimischen Markt bestimmt, spanische Kürbisse werden jedoch auch in andere europäische Länder exportiert. Gerade wenn in Nordeuropa die heimische Saison endet, spielen Produzenten aus dem Mittelmeerraum eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Supermärkte.
Für deutsche Residenten in Spanien ist dabei manchmal verwirrend, dass unter dem Begriff calabaza sehr unterschiedliche Sorten verkauft werden.
Besonders verbreitet ist die längliche, beige calabaza cacahuete, die dem in Deutschland bekannten Butternut-Kürbis entspricht. Ihr orangefarbenes Fleisch ist leicht süßlich und eignet sich hervorragend für Suppen, Pürees und Ofengerichte.
Daneben gibt es große runde und flachere Sorten, grüne Kürbisse sowie regionale Varianten, die sich in Geschmack und Verwendung deutlich unterscheiden können.
„Cabello de Ángel“ – wenn aus Kürbis eine spanische Süßigkeit wird
Eine der ungewöhnlichsten Verwendungen dürfte für viele ausländische Bewohner Spaniens der Cabello de Ángel sein – wörtlich übersetzt „Engelshaar“.
Die süße, faserige Masse wird aus einer speziellen Kürbisart hergestellt, der calabaza de cidra. Das Fruchtfleisch wird gekocht und anschließend mit Zucker verarbeitet. Dabei entstehen lange, feine Fasern, die an Haare erinnern und der Spezialität ihren Namen gegeben haben.
Cabello de Ángel findet sich in zahlreichen traditionellen spanischen Backwaren. Es wird beispielsweise für empanadillas, Blätterteiggebäck, Kuchen und regionale Süßspeisen verwendet.
Wer in einer spanischen pastelería schon einmal ein Gebäck mit einer goldgelben, leicht faserigen und sehr süßen Füllung gegessen hat, hat möglicherweise Kürbis gegessen, ohne es zu wissen.
Im Süden besonders beliebt: Kürbis in Eintöpfen
In Andalusien begegnet man der calabaza besonders häufig in traditionellen Eintopfgerichten.
Sie passt zu Kichererbsen, Bohnen und Linsen und wurde früher vor allem deshalb geschätzt, weil sie sättigend, günstig und nach der Ernte lange lagerfähig war.
Auch die heute überall angebotene crema de calabaza hat sich längst zu einem Klassiker entwickelt. Meist wird der Kürbis mit Zwiebeln, Kartoffeln oder Karotten gekocht und anschließend püriert. Manche Varianten enthalten Sahne oder Käse, andere bleiben bewusst einfach und werden lediglich mit Olivenöl verfeinert.
Eine weitere sehr spanische Zubereitungsart ist die calabaza asada. Der Kürbis wird dabei langsam im Ofen gebacken, wodurch sein natürlicher Zucker karamellisiert und das Fruchtfleisch besonders süß wird.
In Valencia und anderen Teilen der spanischen Mittelmeerküste hat diese Form der Zubereitung eine lange Tradition.
Vom Arme-Leute-Essen zum modernen Superfood
Wie viele traditionelle Lebensmittel erlebt auch der Kürbis eine Art Renaissance.
Was früher vor allem ein preiswertes Lebensmittel der ländlichen Bevölkerung war, passt heute erstaunlich gut zu modernen Ernährungstrends. Kürbis enthält viel Wasser und Ballaststoffe, liefert unter anderem Beta-Carotin und lässt sich mit relativ wenig Fett zubereiten.
Spanische Restaurants interpretieren das traditionelle Gemüse inzwischen entsprechend neu. Kürbis erscheint als Püree zu Fleisch oder Fisch, geröstet in Salaten, in Risottos, als Füllung oder kombiniert mit Ziegenkäse, Nüssen und spanischem Olivenöl.
Dabei bleibt er eines jener Produkte, bei denen die traditionelle und die moderne spanische Küche erstaunlich problemlos zusammenfinden.
Kürbis ist in Spanien mehr als Halloween
Halloween hat auch in Spanien in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Ende Oktober liegen deshalb zunehmend die klassischen orangefarbenen Kürbisse zum Schnitzen in den Supermärkten.
Mit der eigentlichen spanischen Kürbistradition hat das allerdings wenig zu tun.
Die calabaza war lange vor Halloween Bestandteil der spanischen Küche. Sie gehörte zu jenen einfachen Produkten, mit denen Familien große Eintöpfe kochten, Süßspeisen herstellten und Vorräte für die kälteren Monate anlegten.
Vielleicht lohnt es sich deshalb gerade für ausländische Residenten, beim nächsten Besuch eines spanischen Marktes nicht nur nach dem bekannten Butternut zu greifen.
Denn hinter dem unscheinbaren Schild „Calabaza“ verbirgt sich ein kleines Stück spanischer Küchengeschichte – und möglicherweise eine Sorte, die man in Deutschland so noch nie probiert hat.
