Mehr als 610.000 Zuschauer in nur drei Tagen, internationale Anerkennung in Cannes, Toronto und San Sebastián – und nun die Reise Richtung Hollywood: „La bola negra“ von Javier Calvo und Javier Ambrossi ist weit mehr als nur ein neuer spanischer Kinofilm. Das Werk der beiden als „Los Javis“ bekannten Regisseure hat sich zu einem der großen Kulturereignisse des Jahres entwickelt. Nun vertritt der Film Spanien im Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film.
Redaktion Spanien Press
Es gibt Filme, die mit großem Werbeaufwand in die Kinos kommen. Und es gibt Filme, die etwas wesentlich Schwierigeres schaffen: Sie werden zum Gesprächsthema.
Genau das geschieht derzeit in Spanien mit „La bola negra“.
Der neue Film von Javier Calvo und Javier Ambrossi, besser bekannt als Los Javis, vereint Dinge, die im Kino keineswegs selbstverständlich zusammenkommen: internationale Anerkennung, Festivalpreise, prominente Namen und ein großes Publikum.
Und über allem liegt der Schatten eines Mannes, der wie kaum ein anderer für die spanische Kultur des 20. Jahrhunderts steht: Federico García Lorca.
Worum geht es in „La bola negra“?
Wer eine klassische Filmbiografie über Lorca erwartet, liegt falsch.
Auch eine gewöhnliche Verfilmung eines seiner Werke ist „La bola negra“ nicht.
Der Film verbindet die Geschichten dreier Männer aus drei verschiedenen Epochen. Jahrzehnte liegen zwischen ihren Leben – und doch sind sie durch Begehren, Sexualität, Angst, Erinnerung und jene Spuren miteinander verbunden, die eine Generation der nächsten hinterlässt.
Die Handlung führt durch unterschiedliche Momente der spanischen Geschichte und greift dabei Motive aus einem der letzten unvollendeten Werke Federico García Lorcas auf.
Die Geschichten spielen in 1932, 1937 und 2017.
Damit erzählt der Film gleichzeitig von einem Spanien, das sich über Jahrzehnte fundamental verändert hat – insbesondere im Umgang mit Homosexualität, gesellschaftlicher Freiheit und der Möglichkeit, das eigene Leben offen zu führen.
Doch „La bola negra“ ausschließlich als Film über sexuelle Identität zu beschreiben, würde ihm nicht gerecht.
Im Kern geht es um etwas Universelleres.
Um gelebte und ungelebte Leben. Um Begehren und Angst. Um Familiengeheimnisse. Um Erinnerung. Und um die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn seine Geschichte eigentlich längst vorbei sein sollte.
Hier wird Lorca zum zentralen Symbol.
Nicht nur als Schriftsteller und Dichter, sondern als Sinnbild für ein Spanien, in dem zahllose Lebensgeschichten gewaltsam unterbrochen wurden.
Ein außergewöhnlicher Cast
Auch bei der Besetzung haben Calvo und Ambrossi groß gedacht.
Der Musiker Guitarricadelafuente gibt sein Schauspieldebüt und steht gemeinsam mit Miguel Bernardeau, Carlos González und Milo Quifes vor der Kamera.
Hinzu kommen bekannte Namen des spanischen Kinos wie Lola Dueñas, Antonio de la Torre und Natalia de Molina.
Doch zwei Namen verleihen der Produktion zusätzliche internationale Strahlkraft: Penélope Cruz und Glenn Close.
Cruz gehört längst zu den international bekanntesten spanischen Schauspielerinnen und gewann für „Vicky Cristina Barcelona“ einen Oscar. Glenn Close wiederum wurde im Laufe ihrer außergewöhnlichen Karriere achtmal für einen Academy Award nominiert.
Es ist eine Besetzung, die deutlich macht, welchen Anspruch „La bola negra“ verfolgt: eine zutiefst spanische Geschichte zu erzählen, die weit über Spanien hinaus verstanden werden kann.
Von Cannes über Toronto nach San Sebastián
Der Erfolg von „La bola negra“ begann lange vor dem regulären Kinostart.
Bei den Filmfestspielen von Cannes 2026 lief der Film im offiziellen Wettbewerb. Javier Calvo und Javier Ambrossi verließen die Côte d’Azur mit einer der wichtigsten Auszeichnungen ihrer bisherigen Karriere: dem Preis für die Beste Regie, den sie sich ex aequo teilten.
Dann kam Toronto.
Und dort geschah etwas vielleicht noch Bemerkenswerteres.
Nicht eine Fachjury, sondern das Publikum entschied.
„La bola negra“ gewann beim Toronto International Film Festival den People’s Choice Award – einen der international viel beachteten Publikumspreise der Festivalsaison.
Das garantiert noch lange keinen Oscar.
Aber Toronto gilt seit Jahren als wichtiger Schauplatz auf dem Weg in die internationale Awards Season. Wer dort das Publikum erreicht, wird auch in Hollywood wahrgenommen.
Danach kehrte der Film nach Spanien zurück.
Und überzeugte erneut.
Auch San Sebastián feiert „La bola negra“
Beim Filmfestival von San Sebastián erhielt „La bola negra“ den Publikumspreis der Stadt Donostia/San Sebastián als bester Film.
Mit einer Bewertung von 9,40 Punkten erreichte die Produktion nach Angaben des Festivals einen außergewöhnlich hohen Wert.
Cannes, Toronto, San Sebastián.
Drei sehr unterschiedliche Festivals.
Und immer wieder derselbe Film im Mittelpunkt.
Doch für eine spanische Produktion gibt es neben Festivals noch einen ganz anderen Test: Werden die Menschen tatsächlich eine Kinokarte kaufen?
Die Antwort fiel eindeutig aus.
Mehr als 610.000 Zuschauer in nur drei Tagen
Am ersten Wochenende strömten in Spanien mehr als 610.000 Menschen in die Kinos, um „La bola negra“ zu sehen.
Die Einnahmen lagen bei rund 4,67 Millionen Euro.
Damit gelang dem Film einer der stärksten Starts einer spanischen Produktion überhaupt.
Nach den veröffentlichten Zahlen von Rentrak handelt es sich um den neuntbesten Kinostart einer spanischen Produktion in der Geschichte und um einen der erfolgreichsten Starts eines spanischen Films im Jahr 2026.
Noch interessanter ist ein anderes Detail.
Während viele Filme nach einem starken Freitag im Verlauf des Wochenendes Zuschauer verlieren, geschah bei „La bola negra“ das Gegenteil.
Die Einnahmen stiegen von Tag zu Tag: von rund 1,31 Millionen Euro am Freitag über 1,64 Millionen am Samstag auf etwa 1,72 Millionen Euro am Sonntag.
Der Film war damit der einzige Titel innerhalb der Top 20, dessen Einnahmen am Sonntag noch einmal zulegten.
Das spricht für etwas, das sich mit keinem Marketingbudget kaufen lässt: Mundpropaganda.
Spanien schickt „La bola negra“ ins Oscar-Rennen
Nun beginnt das nächste Kapitel.
Die spanische Filmakademie hat „La bola negra“ offiziell ausgewählt, Spanien bei der 99. Verleihung der Academy Awards in der Kategorie Bester internationaler Film zu vertreten.
Dabei ist eine Unterscheidung wichtig:
„La bola negra“ ist noch nicht für einen Oscar nominiert.
Der Film ist zunächst der offizielle spanische Beitrag.
Am 15. Dezember 2026 wird sich zeigen, ob er es auf die internationale Shortlist schafft. Die endgültigen fünf Nominierten sollen am 21. Januar 2027 bekannt gegeben werden.
Die Oscar-Verleihung findet schließlich am 14. März 2027 in Los Angeles statt.
Bis dahin wartet eine lange internationale Kampagne.
Doch Spanien schickt einen Film ins Rennen, der bereits einiges mitbringt: Anerkennung in Cannes, den Publikumspreis von Toronto, einen weiteren Publikumserfolg in San Sebastián und Hunderttausende Kinobesucher innerhalb weniger Tage.
Lorca reist noch einmal um die Welt
Vielleicht liegt gerade darin eine der faszinierendsten Geschichten hinter „La bola negra“.
Fast ein Jahrhundert nach Federico García Lorca reist eine Geschichte, die aus den Spuren eines seiner unvollendeten Werke entstanden ist, von Spanien über Cannes und Toronto möglicherweise bis nach Hollywood.
Calvo und Ambrossi haben daraus einen ambitionierten Film von rund 155 Minuten gemacht.
Einen Film, der sich einer einfachen Definition entzieht.
Er ist spanisch – und gleichzeitig universell.
Er erzählt von der Vergangenheit – und spricht über die Gegenwart.
Er erzählt von Homosexualität – und eigentlich vom menschlichen Wunsch, das eigene Leben frei leben zu dürfen.
Und er erzählt von Lorca, ohne aus Lorca einfach nur eine historische Figur zu machen.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum dieser Film ein so unterschiedliches Publikum erreicht.
Ein besonderer Moment für das spanische Kino
Ob „La bola negra“ am Ende tatsächlich unter den fünf Oscar-Nominierten stehen wird, weiß heute niemand.
Der Weg dorthin ist lang.
Doch etwas anderes hat der Film bereits geschafft – und dafür braucht es keinen Preis aus Hollywood.
Eine mehr als zweieinhalbstündige spanische Produktion über Erinnerung, Begehren, gesellschaftliche Zwänge und das kulturelle Erbe Federico García Lorcas hat innerhalb eines einzigen Wochenendes mehr als eine halbe Million Menschen ins Kino gebracht.
Das ist im heutigen europäischen Kinomarkt alles andere als selbstverständlich.
„La bola negra“ ist damit längst mehr als Spaniens Kandidat für Hollywood.
Der Film ist zu einem Ereignis geworden.
Und vielleicht ist das bereits sein größter Erfolg: Das spanische Kino hat wieder einen Film, über den das ganze Land spricht.
