Eine der schwersten Tragödien auf der Atlantikroute nach Spanien: Ein aus Gambia gestartetes Cayuco ist nach 26 Tagen auf See südlich von Gran Canaria entdeckt worden. Von ursprünglich 128 Menschen überlebten nur rund 45. Unter den Toten soll auch ein Baby sein.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Ein Cayuco mit ursprünglich 128 Menschen an Bord ist nach einer wochenlangen Odyssee im Atlantik südlich der Kanarischen Inseln entdeckt und gerettet worden. Als ein Flugzeug von Salvamento Marítimo die völlig erschöpfte Gruppe am Mittwochabend lokalisierte, befanden sich nach bisherigen Angaben nur noch rund 45 Menschen an Bord. Zudem wurden fünf Leichen entdeckt. Insgesamt dürften mehr als 80 Menschen die Überfahrt nicht überlebt haben.
Die Rettungskräfte entdeckten das Boot am Mittwoch gegen 18.40 Uhr rund 120 Kilometer südwestlich von Gran Canaria. Der Seenotrettungsdienst schickte daraufhin die Guardamar Urania zur Unglücksstelle. Gegen Mitternacht erreichte das Rettungsschiff das Cayuco. Die schwierigen Bedingungen auf dem Atlantik erschwerten die Bergung erheblich.
Das Boot war am 7. August in Gambia gestartet
Nach Angaben der spanischen Guardia Civil und der NGO Caminando Fronteras stimmen die Markierungen am Rumpf des Cayucos mit einem Boot überein, das am 7. August in Gambia gestartet war. An Bord befanden sich damals 128 Menschen, darunter vier Frauen und ein Baby. Auch die Aussagen der geretteten Menschen bestätigen, dass die Gruppe mit deutlich mehr als 100 Personen aufgebrochen war.
Damit verbrachten die Menschen mehr als dreieinhalb Wochen auf dem Atlantik. Für ein kleines, einfach ausgestattetes Boot bedeutet eine derart lange Fahrt eine extreme Belastung. Nach Angaben der Überlebenden starben zahlreiche Menschen bereits während der Überfahrt.
Als das Rettungsteam das Cayuco erreichte, waren noch etwa 45 Menschen am Leben. Fünf weitere Menschen lagen tot im Boot.
Fünf Leichen konnten nicht geborgen werden
Besonders schwierig gestaltete sich die Bergung der Toten. Wegen des schlechten Zustands des Meeres konnten die Einsatzkräfte die fünf entdeckten Leichen nicht auf das Rettungsschiff bringen. Sie mussten zunächst auf dem Cayuco zurückbleiben.
Die Zahl von mehr als 80 Todesopfern ergibt sich deshalb nicht daraus, dass mehr als 80 Leichen geborgen wurden. Vielmehr ergibt sich die Größenordnung aus der Zahl der Menschen, die ursprünglich an Bord waren, den geretteten Personen und den Aussagen der Überlebenden.
Bei 128 Personen und rund 45 Überlebenden fehlen rechnerisch mehr als 80 Menschen. Die tatsächliche Zahl der Opfer könnte sich deshalb noch verändern, sobald die spanischen Behörden weitere Informationen erhalten.
Überlebende völlig entkräftet
Die geretteten Menschen befanden sich nach ihrer Ankunft in einem äußerst schlechten körperlichen Zustand. Mehrere mussten medizinisch behandelt werden, drei besonders schwer erkrankte Personen wurden per Hubschrauber nach Gran Canaria gebracht. Weitere Überlebende wurden nach Arguineguín gebracht und dort von medizinischen und humanitären Helfern versorgt.
Mitarbeiter der Hilfsorganisationen berichteten von Menschen, die nach der Ankunft kaum noch stehen konnten. Die Kombination aus einer wochenlangen Fahrt, fehlendem Trinkwasser, unzureichender Nahrung und der körperlichen Belastung durch das Meer hatte die Passagiere offenbar an ihre Grenzen gebracht.
Auch eine Mutter mit Baby war an Bord
Besonders tragisch ist das Schicksal der jüngsten Passagiere. Unter den 128 Menschen, die Gambia verlassen hatten, befand sich auch ein Baby. Nach den derzeit vorliegenden Informationen gehört das Kind zu den Menschen, die die Reise nicht überlebt haben.
Auch mehrere Frauen waren an Bord. Unter den Überlebenden befanden sich nach den bisherigen Angaben ausschließlich Männer aus Subsahara-Afrika.
Die Atlantikroute gilt als eine der gefährlichsten Migrationsrouten
Die Kanarischen Inseln werden seit Jahren über die sogenannte Atlantikroute von Westafrika aus angesteuert. Besonders die Strecken von Gambia, Senegal und Mauretanien sind lang und gefährlich.
Das Problem: Viele der eingesetzten Boote sind nicht für eine wochenlange Fahrt auf dem offenen Atlantik ausgelegt. Wenn Motoren ausfallen, Treibstoff knapp wird oder die Navigation nicht mehr funktioniert, können die Boote durch Wind und Meeresströmungen weit vom vorgesehenen Kurs abgetrieben werden.
Der aktuelle Fall zeigt besonders drastisch, welche Folgen eine solche Situation haben kann. Ein Boot, das ursprünglich mit 128 Menschen in Richtung Kanaren aufgebrochen war, wurde erst nach fast vier Wochen gefunden – mit nur noch einem Bruchteil seiner ursprünglichen Besatzung.
Neue Debatte über Spaniens Migrationspolitik
Die Tragödie dürfte auch die politische Diskussion über die Migration auf den Kanaren erneut verschärfen. Der Präsident der Kanarischen Inseln, Fernando Clavijo, fordert seit Langem eine stärkere Beteiligung der spanischen Zentralregierung und der Europäischen Union.
Die kanarische Regierung argumentiert, dass die Inselgruppe die Folgen der Migration über die Atlantikroute nicht allein bewältigen könne. Gleichzeitig ist die Route selbst für die Menschen, die sie nutzen, lebensgefährlich.
Der aktuelle Fall macht dieses Dilemma erneut sichtbar: Während die Zahl der ankommenden Boote schwanken kann, bleibt das Risiko der langen Atlantiküberquerung bestehen.
Eine Tragödie, deren genaue Opferzahl noch nicht feststeht
Noch ist nicht endgültig geklärt, wie viele Menschen auf der Reise ums Leben kamen. Sicher ist bislang, dass fünf Tote auf dem Cayuco entdeckt wurden und rund 45 Menschen gerettet werden konnten. Die ursprüngliche Zahl von 128 Passagieren sowie die Aussagen der Überlebenden deuten jedoch darauf hin, dass mehr als 80 Menschen gestorben oder verschwunden sind.
Damit reiht sich die Tragödie in eine Serie schwerer Unglücke auf der Atlantikroute ein. Erst im Juli war ein weiteres Cayuco, das von Gambia in Richtung Kanaren unterwegs war, nach wochenlanger Fahrt mit nur wenigen Dutzend Überlebenden entdeckt worden. Damals wurde von mehr als 140 Toten berichtet.
Für die Kanaren ist die aktuelle Rettung damit weit mehr als ein einzelner Einsatz der Seenotrettung. Sie steht erneut für die humanitäre Dimension einer Migrationsroute, auf der Menschen teilweise wochenlang dem Atlantik ausgesetzt sind – und bei der viele nie ihr Ziel erreichen.
