Wer an einem heißen Sommertag an Spaniens Mittelmeerküste unterwegs ist, kennt das Phänomen nur zu gut: Am Nachmittag setzt die kühlende Meeresbrise ein und sorgt vielerorts für etwas Erleichterung. Doch genau dieser natürliche „Klimaanlage-Effekt“ scheint zunehmend an Kraft zu verlieren. Das zeigt eine neue internationale Studie, deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht wurden.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Forscher analysierten Wetterdaten aus einem Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten und kommen zu einem überraschenden Ergebnis: Die Meeresbrisen im westlichen Mittelmeer haben sich seit Anfang der 1980er Jahre deutlich abgeschwächt. Besonders betroffen sind die spanische Mittelmeerküste sowie die Balearen.
Mehr als 40 Jahre Wetterdaten ausgewertet
Für die Untersuchung wurden Messdaten von 39 Wetterstationen entlang der Küsten Spaniens, Frankreichs, Italiens und Nordafrikas ausgewertet. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Jahre 1981 bis 2021.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Rund 90 Prozent aller Messstationen registrierten einen langfristigen Rückgang der Windgeschwindigkeit der typischen Meeresbrise.
Im Durchschnitt nahm ihre Stärke um rund elf Prozent ab. Während der Sommermonate fällt der Rückgang mit etwa 12,7 Prozent sogar noch deutlicher aus. Die Wissenschaftler sprechen von einer Entwicklung, die sich nahezu über das gesamte westliche Mittelmeer beobachten lässt.
Spanien besonders stark betroffen
Vor allem Spanien zählt zu den Regionen, in denen die Veränderungen besonders deutlich ausfallen. Den stärksten Rückgang verzeichneten die Balearen, wo die Meeresbrise seit Beginn der Messungen im Durchschnitt rund 17,6 Prozent an Stärke verloren hat. Auch entlang der spanischen Mittelmeerküste ging ihre Geschwindigkeit mit etwa 17 Prozent deutlich stärker zurück als im Gesamtdurchschnitt.
Besonders betroffen sind unter anderem Städte und Regionen wie Barcelona, Castellón, Tortosa, Almería, Málaga, Ibiza, Palma de Mallorca und Menorca. Je nach Standort verringerte sich die Windgeschwindigkeit der kühlenden Meeresbrise sogar um bis zu 25 Prozent.
Eigentlich hätte das Gegenteil passieren müssen
Das überraschende an der Studie: Nach bisherigem wissenschaftlichem Verständnis hätte sich die Meeresbrise sogar verstärken müssen.
Die Entstehung einer Meeresbrise ist relativ einfach erklärt. Tagsüber erwärmt sich das Festland wesentlich schneller als das Meer. Die warme Luft über Land steigt auf, wodurch kühlere Luft vom Meer nachströmt.
Da sich der Mittelmeerraum aufgrund des Klimawandels besonders stark erwärmt, gingen viele Experten bislang davon aus, dass dieser Temperaturunterschied künftig größer und damit auch die Meeresbrise kräftiger werden müsste.
Die Messungen zeigen jedoch genau das Gegenteil.
Warum wird die Brise trotzdem schwächer?
Nach Ansicht der Forscher wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.
Zum einen treten über dem Mittelmeer immer häufiger stabile Hochdruckgebiete auf. Gleichzeitig gelangen heiße Luftmassen aus der Sahara häufiger bis nach Südeuropa. Hinzu kommen immer längere und intensivere Hitzewellen.
Diese warme Luft stabilisiert die Atmosphäre. Vereinfacht gesagt entsteht eine Art „Deckel“, der den vertikalen Luftaustausch hemmt. Dadurch kann sich die typische Zirkulation zwischen Land und Meer nicht mehr so gut entwickeln – die Meeresbrise verliert an Kraft.
Während Hitzewellen besonders deutlich
Gerade während extremer Hitzeperioden fällt der Effekt besonders stark aus.
Ausgerechnet dann, wenn Millionen Menschen an der Mittelmeerküste auf die kühlende Wirkung der Meeresbrise angewiesen sind, schwächt sie sich zusätzlich ab.
Je nach Region registrierten die Forscher während Hitzewellen eine weitere Verringerung der Windgeschwindigkeit zwischen rund fünf und zehn Prozent.
Temperaturen steigen seit Jahrzehnten
Parallel zur Entwicklung der Meeresbrise dokumentiert die Studie auch den deutlichen Temperaturanstieg.
Seit 1981 erhöhte sich die durchschnittliche Lufttemperatur in der untersuchten Region um rund 1,3 Grad Celsius. Gleichzeitig erwärmte sich die Oberfläche des Mittelmeers um etwa ein Grad.
Der Mittelmeerraum gilt seit Jahren als einer der weltweiten Hotspots des Klimawandels. Aufgrund seiner geografischen Lage reagieren Meer und Atmosphäre hier besonders empfindlich auf steigende Temperaturen.
Welche Folgen hat das?
Die Wissenschaftler sehen mehrere mögliche Auswirkungen.
Eine schwächere Meeresbrise bedeutet zunächst weniger natürliche Abkühlung für Millionen Menschen in den Küstenregionen Spaniens. Vor allem dicht bebaute Städte könnten sich künftig noch stärker aufheizen.
Darüber hinaus verschlechtert sich unter Umständen auch die Luftqualität. Normalerweise transportiert die Meeresbrise Schadstoffe und Feinstaub ins Landesinnere oder über das Meer ab. Wird dieser Luftaustausch schwächer, können sich Schadstoffe länger über Ballungsräumen halten.
Auch Niederschlagsmuster könnten sich verändern. Da die Meeresbrise Feuchtigkeit ins Landesinnere transportiert, könnte ihre Abschwächung langfristig Einfluss auf lokale Gewitter, Trockenperioden und den Wasserhaushalt nehmen.
Forschung soll helfen, Folgen besser vorherzusagen
Die Autoren der Studie betonen, dass ihre Ergebnisse wichtige Erkenntnisse für die zukünftige Klima- und Stadtplanung liefern.
Gerade Küstenregionen wie Valencia, Alicante, Murcia, Barcelona oder Palma de Mallorca seien in den Sommermonaten in besonderem Maße auf die natürliche Kühlung durch die Meeresbrise angewiesen. Sollte sich der beobachtete Trend fortsetzen, könnten Hitzewellen künftig noch belastender werden als bislang angenommen.
Die Studie zeigt damit einmal mehr, dass die Folgen des Klimawandels nicht nur steigende Temperaturen oder häufigere Extremwetterereignisse umfassen. Selbst scheinbar alltägliche Wetterphänomene wie die vertraute Mittelmeerbrise verändern sich – mit direkten Auswirkungen auf das Leben von Millionen Menschen entlang der spanischen Küste.
