Ninas Leben zwischen Besitos, Benimm und Begrüßungspanik – oder: Wie man in Spanien richtig „Hallo“ sagt.

Ninas Leben zwischen Besitos, Benimm und Begrüßungspanik – oder: Wie man in Spanien richtig „Hallo“ sagt.

Begrüßung à la española – oder: Der soziale Spagat zwischen Beso und Burnout Wer in Spanien lebt – oder es versucht –, merkt schnell: Die größte Herausforderung ist nicht die Steuererklärung. Es ist die Begrüßung.

In Deutschland reicht ein zackiges Nicken über den Brillenrand, ein vorsichtig gehauchtes „Hallo“ – fertig. In Spanien? Das ist der Auftakt zu einem Theaterstück mit zwei Akten, Improvisation und einem Hauch Salsa.

Akt 1: Besitos für alle – oder auch nicht? Südspanien, zum Beispiel Sevilla:

Du wirst begrüßt mit zwei Küsschen, links-rechts, ganz selbstverständlich. Selbst wenn du gerade aus dem Yoga kommst, völlig verschwitzt bist und der andere deinen Namen nicht weiß.

O-Ton Nachbarin: „Niña, somos andaluces. ¡Aquí se besa hasta al cartero!“ (Mädchen, wir Andalusier küssen sogar den Postboten!)

Problem: Du hast noch nicht mal „Hola“ gesagt, da hängst du schon im persönlichen Luftraum der Person gegenüber. Du weißt nicht, ob du den Kuss bekommen hast oder er dir nur angekündigt wurde.

Witziger Vorfall (nennen wir sie Ana): Ana war neu in Sevilla, frisch aus Hamburg. Sie dachte, der Handwerker wolle ihr ins Ohr beißen. War aber nur ein Besito. Und jetzt ist er mit ihrer Mitbewohnerin zusammen.

Akt 2: Madrid – Hauptstadt der Kontrolle In Madrid ist alles etwas kontrollierter, etwas gestylter, und die Begrüßung? Nun ja – immer noch Besitos, aber mit Timing, Körperhaltung und – Überraschung – auch mal einem Händedruck, besonders im Büro. Es wird auch gerne gefragt: „¿Nos damos dos besos o…?“ (Geben wir uns zwei Küsschen oder…?)

Dieser Satz ist der soziale Airbag Madrids. Er schützt dich vor peinlichen Zusammenstößen.

Profi-Tipp: Wenn der andere schon die rechte Gesichtshälfte anbietet – kein Zögern! Nicht in die Mitte zielen. Nicht den Kuss suchen. Einfach andeuten, hauchen, weitergehen.

Der wilde Norden: Baskenland & Galicien Hier ist Vorsicht geboten. Man sagt zwar auch „Hola“, aber mit Abstand. Man schaut sich erst mal an wie bei einem Vorstellungsgespräch mit Wein. Und manchmal bleibt’s beim Handschlag.

O-Ton baskische Freundin: „Wir geben uns Küsschen – wenn wir verheiratet sind. Und selbst dann nicht immer.“ Witzigerweise wird hier das „Auf Wiedersehen“ liebevoller zelebriert als das „Hallo“. Mit „Cuídate mucho“ (Pass gut auf dich auf), „Dale un beso a tu madre“ (Grüß deine Mama) und fünf weiteren Nettigkeiten.

Man verlässt die Runde mit dem Gefühl, eine eigene Sitcom hinter sich zu lassen.

Und was passiert, wenn du in Spanien aus Versehen einfach „Tschüss“ sagst? Ich kann’s dir sagen. Gesellschaftlicher Schockmoment. Stille. Enttäuschung. Möglicherweise wird eine WhatsApp-Gruppe erstellt, um deinen Fauxpas zu besprechen.

Denn in Spanien verabschiedet man sich nicht einfach. Das dauert.

Erst:

ein „Bueno…“ dann ein „Pues nada…“ gefolgt von: „Me voy ya, ¿eh?“ danach drei Küsse. dann eine Einladung zum Abendessen („cuando quieras“) und am Ende steht man noch 20 Minuten an der Tür. O-Ton spanischer Freund: „In Deutschland sagt man Tschüss und geht. In Spanien sagt man Tschüss – und bleibt.“

Meine persönlichen Top 3 Begrüßungspanik-Momente: Der doppelte Beso-Fail: Ich gab nur einen Kuss – der andere wollte zwei. Er dachte, ich hätte ein Problem mit ihm. Ich dachte, ich sterbe vor Scham. Das Gesicht-an-Gesicht-Roulette: Ein Date in Madrid. Ich wollte links anfangen – er auch. Wir küssten Stirn an Stirn. Danach haben wir’s nie wieder versucht. Die Tía-Tornado-Verabschiedung: In Cádiz verabschiedete ich mich von der Tante meines damaligen Freundes. 20 Minuten, 4 Küsse, 2 Umarmungen, 1 Arroz-Rezept und 1 Empfehlung für Zahnpasta später stand ich heulend auf der Straße. Vor Rührung. Und weil ich dringend aufs Klo musste.

Fazit? Begrüßungen in Spanien sind keine Floskel – sie sind eine emotionale Landkarte. Sie sagen dir, wie viel Wärme, Distanz, Stil oder Chaos dir entgegengebracht wird. Manchmal kriegst du nur ein „Hola“. Manchmal einen Beso. Und manchmal das Gefühl, du bist gerade einer neuen Familie beigetreten.

Mein Tipp? Immer vorbereitet sein. Gesicht leicht nach links drehen. Lächeln. Und leise denken: „Was auch immer jetzt kommt – ich bin dabei.“

Wenn dir diese Begrüßungsgeschichte gefallen hat, sag einfach: „Hasta luego, guapa – nos damos dos besos, ¿no?“

Und wenn nicht: Dann nick halt. Wie ein Deutscher.


Und weil wir schon mittendrin sind im Thema:

Spanien begrüßt nicht. Spanien umarmt. Während man sich in Mitteleuropa diskret zunickt oder sich vielleicht einmal schüttelt, werden hier Begrüßungen zelebriert wie kleine Opern: mit Dramatik, Nähe und der Gewissheit, dass Körperkontakt kein Angebot, sondern ein Standard ist.

Man küsst sich – egal ob man sich liebt, hasst oder gerade erst kennengelernt hat. Vom Concierge bis zur Chefärztin, von der Tía bis zum Tierarzt: Zwei Küsse gehören dazu.

Und wehe, du vergisst einen.

Südspanien: Ein Besito ist kein Besito, es ist eine Verpflichtung. In Andalusien wird nicht nur geküsst, es wird ausladend, herzlich und ganz selbstverständlich geküsst. Ein Besito ist hier keine Geste – es ist ein sozialer Vertrag. Er bedeutet: „Ich sehe dich.“ „Du bist mir wichtig.“ „Und du hast heute Glück – ich trage Parfum.“

In Madrid dagegen läuft es etwas eleganter ab – schneller, kontrollierter, fast geschäftlich. Business-Besito, wenn man so will. Im Norden Spaniens? Da gibt’s manchmal nur eine Umarmung. Oder sogar ein Nicken. Aber mit Seele.

Ein Sommer, 17 Besitos und eine Geschichte mittendrin Ich erinnere mich an ein Abendessen in Cádiz. 18 Gäste, fünf Gänge. Ich kannte zwei der Eingeladenen. Am Ende des Abends hatte ich 17 Wangen geküsst – manche mehrmals, manche mit vollem Einsatz.

Und natürlich gab es auch den einen Gast, der statt eines Küsschens einfach meine Hand nahm, sie leicht drehte und mit der Ernsthaftigkeit eines Flamencotänzers sagte: „Encantado, guapa. Un placer.“ (Verzeihung. Aber da muss man doch einfach schmelzen.)

Spanier verabschieden sich, als würden sie auswandern Ein einfaches „Ciao“ gibt es nicht. Es ist ein Verabschiedungs-Ritual mit Abspann, oft länger als das Gespräch selbst:

Drei Küsschen. Umarmung. „Nos vemos mañana, ¿no?“ (Obwohl keiner weiß, ob man sich wirklich wiedersieht.) „¡Cuídate!“ „¡Saluda a tu madre!“ Und immer noch jemand, der einem zum Auto folgt.

Fazit? Ich bin mittlerweile überzeugt: Spanien hat keine Berührungsangst – sondern eine Berührungskultur.

Und auch wenn ich als Deutsche zu Beginn manchmal das Timing verpatzt habe (links, rechts? oder umgekehrt?), wenn ich mir die Lippen bei 40 Grad lieber für ein Glas Erdbeer-Schorle aufgehoben hätte – heute weiß ich:

Besitos sind mehr als Küsschen. Sie sind ein Teil des sozialen Dresscodes. Und manchmal sind sie der Beginn einer ziemlich interessanten Geschichte… aber dazu ein andermal mehr.

Und was lernen wir daraus?

In Spanien verabschiedet man sich nicht – man beginnt eine neue Episode.
Mit Küsschen, Kommentaren und kulinarischen Empfehlungen.
Mit Umarmungen, die nach Paella duften, und Blicken, die sagen:
„Bleib doch noch auf einen Tinto.“

Und ob man sich begrüßt oder verabschiedet – es bleibt dabei:
In Spanien wird geküsst. Viel geküsst. Und geteilt.
Zahnpasta, Zärtlichkeit, Zucchini-Tortilla.

Denn wie sagt man hier so schön?
„No hay un verano sin besos.“
(Es gibt keinen Sommer ohne Küsse.)

Ach was – liebe Spanier:
Es gibt keinen Tag ohne Küsse.
Keinen Morgen ohne Besito. Keine Fiesta ohne Umarmung.
Es ist das Land der Nähe, der Berührungen, der herzlichen Kurzdistanz.

Und ja – am Anfang war das für mich als Norddeutsche ein kleiner Kulturschock.
Aber heute? Heute habe selbst ich gelernt, mit einer gewissen …
mediterranen Selbstverständlichkeit zurückzuküssen.

Denn manchmal sagt ein Besito mehr als tausend Worte.
Und manchmal beginnt mit einem Kuss nicht nur der Tag,
sondern eine ganze Geschichte.

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