Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez will die Entwicklung und Nutzung von künstlicher Intelligenz stärker regulieren. Mit dem Plan IA360 sollen Staat, Unternehmen, Gewerkschaften und Beschäftigte gemeinsam Lösungen für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Technologie erarbeiten.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez fordert einen umfassenden gesellschaftlichen Konsens über den Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI). Bei der Vorstellung des neuen Regierungsplans IA360 am heutigen Montag sprach er sich für einen „neuen Gesellschaftsvertrag“ aus, der Unternehmen, Arbeitnehmer, Gewerkschaften, Parteien und öffentliche Institutionen einbeziehen soll.
Ziel ist es, die Chancen der Technologie zu nutzen und gleichzeitig ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft besser zu kontrollieren. Sánchez betonte, dass die Entwicklung der KI nicht allein den großen Technologieunternehmen überlassen werden dürfe.
Sánchez spricht sich gegen Selbstregulierung der Tech-Konzerne aus
Ein zentraler Punkt der Rede war die Forderung nach verbindlichen Regeln für künstliche Intelligenz. Sánchez sprach sich dafür aus, die Regulierung dieser Technologie nicht den großen Technologiekonzernen selbst zu überlassen.
Der Regierungschef erklärte, dass die Interessen der Unternehmen, die leistungsfähige KI-Systeme entwickeln, nicht automatisch mit den Interessen der gesamten Gesellschaft übereinstimmten. Deshalb brauche es eine stärkere öffentliche Kontrolle.
Sánchez forderte, die technologische Entwicklung demokratisch zu begleiten und sicherzustellen, dass die Interessen von Beschäftigten, Bürgern und Unternehmen gleichermaßen berücksichtigt werden.
Vier zentrale Handlungsfelder im Plan IA360
Mit dem Plan IA360 will die spanische Regierung innerhalb der kommenden zwölf Monate Maßnahmen in mehreren Bereichen vorantreiben. Im Mittelpunkt stehen ein gesellschaftlicher Konsens, der Dialog mit verschiedenen Branchen, der Ausbau der technologischen Infrastruktur sowie die Anpassung von Bildung und Arbeitswelt.
Bereits im Oktober sollen die Sozialpartner zu Gesprächen zusammenkommen. Dabei sollen gemeinsame Leitlinien für den Umgang mit künstlicher Intelligenz erarbeitet werden.
Ein weiterer Bestandteil ist ein dauerhaftes Beobachtungszentrum, das die Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt untersuchen soll. Damit will die Regierung besser nachvollziehen, wie sich die Technologie auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen auswirkt.
Spanien will seine technologische Infrastruktur stärken
Neben der Regulierung setzt die Regierung auf den Ausbau eigener technologischer Kapazitäten. Spanien soll eine der sieben geplanten KI-Gigafabriken der Europäischen Union erhalten.
Diese Anlagen sollen leistungsfähige Recheninfrastruktur für die Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz bereitstellen. Damit will Spanien seine technologische Leistungsfähigkeit stärken und seine Abhängigkeit von internationalen Anbietern verringern.
Auch die Zusammenarbeit mit dem Barcelona Supercomputing Center soll ausgebaut werden. Gemeinsam sollen neue KI-Modelle entwickelt werden, die unter anderem in den Bereichen Klimaschutz, Energie und Gesundheit eingesetzt werden können.
Strenge Umweltstandards für Rechenzentren
Sánchez sprach sich dafür aus, dass Rechenzentren hohe Energie- und Umweltstandards erfüllen müssen. Die Anlagen benötigen große Mengen an Energie und technischer Infrastruktur, weshalb ihre Auswirkungen auf die Umwelt berücksichtigt werden sollen. Die Regierung will darauf achten, dass die Einrichtungen Ressourcen effizient nutzen und auch den Regionen und Gemeinden vor Ort einen Nutzen bringen.
Zudem betonte Sánchez die Bedeutung der digitalen Souveränität Spaniens. Das Land soll bei der Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz eigene Fähigkeiten aufbauen und seine technologische Unabhängigkeit stärken.
Bis 2030 sollen 50 Prozent der KMU generative KI nutzen
Auch die spanische Wirtschaft soll stärker von der Technologie profitieren. Die Regierung verfolgt das Ziel, dass bis 2030 die Hälfte der kleinen und mittleren Unternehmen in Spanien generative künstliche Intelligenz einsetzt. Damit soll KI stärker in den Unternehmensalltag integriert werden. Gleichzeitig will die Regierung Unternehmen und Beschäftigte auf die Veränderungen vorbereiten.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Bildung. Lehrpläne und Ausbildungsangebote sollen an die zunehmende Bedeutung künstlicher Intelligenz angepasst werden. Junge Menschen sollen sowohl technische Kompetenzen als auch einen verantwortungsvollen Umgang mit der Technologie erlernen.
Cybersicherheit und Schutz vor den Risiken der KI
Der Plan IA360 umfasst außerdem Maßnahmen zur Stärkung der Cybersicherheit. Sánchez verwies auf Risiken, die mit der Entwicklung immer leistungsfähigerer KI-Systeme verbunden sind. Dazu zählen mögliche Verletzungen der Privatsphäre, Desinformation und Sicherheitsprobleme. Die Regierung will deshalb die defensive Cyberabwehr stärken und die Kontrolle über leistungsfähige KI-Modelle verbessern.
Die Diskussion über diese Risiken ist nicht auf Spanien beschränkt. Auch international wird zunehmend darüber beraten, wie sich die Entwicklung künstlicher Intelligenz kontrollieren lässt und welche Regeln dafür notwendig sind.
Spanien sucht einen gemeinsamen Weg für die KI-Zukunft
Mit dem Plan IA360 will die spanische Regierung wirtschaftliche Innovation und gesellschaftlichen Schutz miteinander verbinden. Sánchez setzt dabei auf eine stärkere Regulierung, den Ausbau der eigenen technologischen Infrastruktur und einen breiten Dialog mit Unternehmen, Beschäftigten und politischen Akteuren.
Wie die geplanten Maßnahmen konkret umgesetzt werden, soll sich in den kommenden Monaten zeigen. Bereits im Oktober sollen erste Gespräche mit den Sozialpartnern beginnen.
