Ein weit verbreitetes psychologisches Phänomen sorgt in Spanien für Aufmerksamkeit: Laut einer neuen Untersuchung leiden rund 88 Prozent der Bevölkerung unter dem sogenannten Impostor-Syndrom. Das Gefühl, eigene Erfolge nicht verdient zu haben und jederzeit „entlarvt“ werden zu können, scheint damit tief in der Arbeitswelt verankert zu sein.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Nahezu flächendeckendes Phänomen
Die Ergebnisse der Studie zeichnen ein überraschend klares Bild: Nur eine kleine Minderheit von rund zwölf Prozent der Befragten gibt an, dieses Gefühl noch nie erlebt zu haben. 41 Prozent berichten sogar, regelmäßig unter Selbstzweifeln in Bezug auf ihre berufliche Leistung zu leiden, während weitere 47 Prozent das Phänomen zumindest gelegentlich wahrnehmen.
Damit zeigt sich das Impostor-Syndrom nicht als Randerscheinung, sondern als ein Problem, das weite Teile der arbeitenden Bevölkerung in Spanien betrifft.
Besonders in Stresssituationen ausgeprägt
Laut der Untersuchung treten die Selbstzweifel vor allem in bestimmten beruflichen Situationen verstärkt auf. Dazu gehören insbesondere der Vergleich mit Kolleginnen und Kollegen, Bewerbungsgespräche sowie der Einstieg in einen neuen Job. In diesen Momenten hinterfragen viele Beschäftigte ihre Fähigkeiten besonders stark und neigen dazu, ihre Erfolge eher äußeren Umständen als der eigenen Leistung zuzuschreiben.
Diese Dynamik führt häufig dazu, dass selbst gut qualifizierte Fachkräfte ihre berufliche Position als weniger verdient empfinden, als sie tatsächlich ist.
Psychologisches Muster ohne offizielle Diagnose
Beim Impostor-Syndrom handelt es sich nicht um eine offiziell anerkannte psychische Erkrankung, sondern um ein psychologisches Muster. Betroffene glauben häufig, ihre Erfolge seien auf Glück, Zufall oder äußere Faktoren zurückzuführen, während sie gleichzeitig Angst haben, irgendwann als „nicht kompetent genug“ entlarvt zu werden.
Dieses Gefühl kann sich unabhängig von objektiven Leistungen entwickeln und betrifft sowohl Berufseinsteiger als auch erfahrene Fachkräfte und Führungspersonal.
Auswirkungen auf Arbeit und Karriere
Die Folgen reichen laut Experten weit über individuelles Unbehagen hinaus. Viele Betroffene entwickeln ein dauerhaft geringes Selbstvertrauen, das sich direkt auf ihre berufliche Entwicklung auswirken kann. Häufig vermeiden sie es, sich auf neue Positionen zu bewerben oder Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie dafür qualifiziert wären.
Hinzu kommt ein erhöhter psychischer Druck im Arbeitsalltag, da Erfolge oft nicht als Bestätigung der eigenen Fähigkeiten wahrgenommen werden. Stattdessen entsteht ein Kreislauf aus Selbstzweifeln und Überkompensation, der langfristig belastend sein kann.
Ursachen im modernen Arbeitsumfeld
Als zentrale Auslöser nennt die Studie insbesondere den sozialen Vergleich im beruflichen Umfeld, der von einem erheblichen Teil der Befragten als belastend empfunden wird. Auch Bewerbungsprozesse sowie der Einstieg in neue berufliche Rollen werden als besonders kritische Phasen beschrieben, in denen das Gefühl der Unsicherheit stark zunimmt.
In einer zunehmend wettbewerbsorientierten Arbeitswelt verstärken sich diese Effekte zusätzlich, da Leistungsdruck und Vergleichbarkeit stetig zunehmen.
Zeichen einer breiteren Vertrauenskrise
Die Ergebnisse werden in Spanien als Hinweis auf eine tiefere emotionale Belastung in der Arbeitswelt interpretiert. Beobachter sprechen von einer wachsenden „Vertrauenskrise“, in der viele Menschen trotz objektiver Leistung an ihrer eigenen Kompetenz zweifeln.
Das Phänomen betrifft dabei nicht nur einzelne Berufsgruppen, sondern zieht sich quer durch verschiedene Branchen und Qualifikationsstufen.

