Die Feria de la Anchoa in Santoña an der kantabrischen Küste ist eines der authentischsten kulinarischen Feste Spaniens – und außerhalb des Landes nahezu unsichtbar. Jedes Jahr Ende April verwandelt sich der sonst ruhige Hafenort östlich von Santander in eine Bühne für ein einziges Produkt: die kantabrische Sardelle, die „anchoa del Cantábrico“. Für Leserinnen und Leser, die Spanien meist mit Tapas-Bars und Strandpromenaden verbinden, eröffnet dieses Fest einen Blick in das industrielle und handwerkliche Herz der spanischen Gastronomie
Redaktion Spanien Press
Santoña lebt seit Generationen von Fischfang und Konservenindustrie. Wenn die Sardellensaison auf dem Höhepunkt ist, ist die Stadt im Ausnahmezustand: Im Hafen laufen die Boote ein und aus, in den Fabriken wird von früh bis spät filetiert, gesalzen und eingelegt, und in den Bars wandern unzählige Teller mit Sardellen-Pintxos über die Theken. Die Feria de la Anchoa bündelt all das in wenigen Tagen: Verkostungsstände, Stände lokaler Produzenten, thematische Routen durch die Tavernen der Altstadt und geführte Besichtigungen der Konservenbetriebe.
Im Mittelpunkt steht das Handwerk. Besucher können beobachten, wie aus einem unscheinbaren Fisch ein Premiumprodukt wird: Die Sardellen werden von Hand geöffnet, von Gräten befreit, sorgfältig zugeschnitten und schließlich in Dosen und Gläser geschichtet. Viele dieser Arbeiten werden von Frauen ausgeführt, die diesen Beruf seit Jahrzehnten ausüben – ein Detail, das dem Fest eine soziale und kulturelle Tiefe verleiht, die über reinen „Food-Tourismus“ hinausgeht.
Parallel dazu zeigt die lokale Gastronomie, wie vielseitig die Anchoa ist. Klassische Kombinationen – Sardelle auf geröstetem Brot mit Butter oder Olivenöl – begegnen kreativen Interpretationen mit Frischkäse, Gemüsecremes oder warmen Gerichten, in denen die Sardelle eher als salzige Gewürznote eingesetzt wird. Showcookings, Wettbewerbe um den besten Pintxo und Menüs in ausgewählten Restaurants machen die Stadt zu einem Labor für nordspanische Küche.
Doch die Feria ist mehr als ein Fachtreffen der Lebensmittelbranche. Musik, Folklore, Kinderprogramme und kleine Umzüge bringen das ganze Städtchen auf die Beine. Wer durch die Straßen geht, spürt, dass hier nicht für Touristen inszeniert wird, sondern dass eine Gemeinde ihre Identität feiert – und der Besucher für ein paar Tage Teil davon werden kann. Das raue, maritime Ambiente des Hafens, kombiniert mit Feststimmung und Seeluft, unterscheidet Santoña deutlich von den eher bekannten Bilderbuchkulissen anderer spanischer Reiseziele.
Für ein Publikum, das Spanien vor allem als Urlaubskulisse kennt, ist die Feria de la Anchoa eine Einladung, das Land von einer anderen Seite zu entdecken: industriell und handwerklich, salzig statt süß, mit Gummistiefeln statt Flip-Flops. Ende April blickt Spanien tatsächlich nach Norden – die spannendste Bühne dafür ist ein kleiner Hafenort, dessen größter Star nur wenige Zentimeter lang ist und in eine Dose passt.
