El Rocío: warum zwischen dem 22. und 25. Mai Hunderttausende Spanier mit Pferden, Wagen und Traditionen nach Doñana pilgern

Die Wallfahrtskirche der Virgen del Rocío in der Aldea El Rocío Credit Wikipedia

Jedes Frühjahr erlebt Südspanien eines der beeindruckendsten kulturellen und religiösen Ereignisse Europas: die Romería del Rocío.

Vielleicht haben auch Sie in den letzten Tagen plötzlich Gruppen von Menschen in traditioneller Rocío-Kleidung gesehen — zu Pferd, singend, musizierend oder mit geschmückten Wagen auf Landstraßen und durch andalusische Städte ziehend. Genau das bedeutet meist nur eines: Sie haben ihren „Camino“ begonnen — den traditionellen Pilgerweg durch Andalusien in Richtung Doñana und zur berühmten Wallfahrt von El Rocío.

Für viele Ausländer wirken die ersten Bilder vom Rocío fast surreal: Tausende Menschen zu Pferd, Frauen in traditionellen „Batas Rocieras“ auf sandigen Wegen, geschmückte Wagen voller Blumen, Gesang, Gitarren, Staub, Emotionen, Wein, Glaube — und ein kleines weißes Dorf am Rand des Nationalparks Doñana, das sich für einige Tage in das emotionale Zentrum Andalusiens verwandelt.

Doch was genau ist eigentlich El Rocío?

Redaktion Spanien Press

Viel mehr als nur ein religiöses Fest

El Rocío ist eine riesige katholische Wallfahrt zu Ehren der Virgen del Rocío, die in Andalusien liebevoll „La Blanca Paloma“ — die weiße Taube — genannt wird. Höhepunkt der Wallfahrt ist jedes Jahr das Pfingstwochenende im kleinen Dorf El Rocío in der Provinz Huelva.

2026 findet die berühmte Romería vom 22. bis 25. Mai statt, wobei viele Hermandades bereits Tage vorher ihren traditionellen „Camino“ beginnen.

Obwohl die Feierlichkeiten einen starken religiösen Charakter haben, steht El Rocío für viele Andalusier auch für Familie, Tradition, Gemeinschaft, Musik und eine ganz besondere Lebensart.

Viele Familien nehmen seit Generationen am Rocío teil. Andere kommen eher wegen der Tradition oder des gesellschaftlichen Erlebnisses. Und immer mehr internationale Besucher reisen an, weil sie so etwas noch nie gesehen haben.

Die „Hermandades“ — das Herz des Rocío

Im Mittelpunkt des Rocío stehen die sogenannten „Hermandades“, religiöse Bruderschaften aus ganz Spanien — einige sogar aus dem Ausland — die die Pilgerreise ihrer Mitglieder organisieren.

Jede Hermandad legt ihren eigenen Weg über mehrere Tage zurück — durch Felder, kleine Dörfer, Pinienwälder oder sogar durch Teile des Nationalparks Doñana.

Besonders bekannt sind die Hermandad de Triana, die Hermandad de la Macarena oder die Hermandad Matriz de Almonte, die als wichtigste Bruderschaft gilt.

Heute existieren mehr als 120 offizielle Hermandades.

Was führt jede Hermandad mit sich?

Im Zentrum jeder Bruderschaft steht der sogenannte „Simpecado“ — ein reich verzierter religiöser Banner mit dem Bild der Jungfrau Maria, der die Pilger während des gesamten Weges begleitet.

Der Simpecado wird meist auf prachtvoll geschmückten Wagen transportiert, die mit Silber, Blumen und bestickten Stoffen dekoriert sind und oft von Ochsen oder Maultieren gezogen werden.

Neben dem Simpecado reisen:Pferde, traditionelle Planwagen, dekorierte Traktoren, mobile Küchen, ganze Familien, Chöre, Gitarrenmusiker, und Tausende Pilger.

Einige Hermandades umfassen mehrere Tausend Teilnehmer.

Der berühmte „Camino“ — der Weg nach El Rocío

Wenn Andalusier sagen, sie „machen den Rocío“, meinen sie meistens den „Camino“ — den Weg zur Wallfahrt.

Und genau dieser Weg gilt für viele als das eigentliche Erlebnis.

Geschlafen wird in improvisierten Lagern, gekocht wird unter freiem Himmel, nachts wird gesungen und gefeiert, während man durch Sandwege, Pinienwälder und die einzigartigen Landschaften Doñanas zieht.

Für viele Andalusier ist der Camino eine Mischung aus spiritueller Reise, Familienfest und traditionellem Abenteuer.

Einer der bekanntesten Momente ist die Durchquerung des „Vado del Quema“, einer Flussfurt, an der Tausende Zuschauer die vorbeiziehenden Hermandades begrüßen.

Die Kleidung: nicht Flamenco, sondern „Bata Rociera“

Viele internationale Besucher glauben zunächst, die Frauen beim Rocío würden typische Flamenco-Kleider tragen. Doch genau genommen stimmt das nicht.

Die meisten Frauen tragen die traditionelle „Bata Rociera“, ein spezielles andalusisches Kleidungsstück, das deutlich praktischer ist als das klassische Flamenco-Kleid der Feria.

Die Bata Rociera ist leichter, weniger eng geschnitten und für lange Tage auf sandigen Wegen oder zu Pferd ausgelegt. Kombiniert wird sie meist mit Blumen im Haar, großen Ohrringen, Tüchern sowie robusten Stiefeln oder Espadrilles.

Die Männer tragen häufig den traditionellen andalusischen Reiterstil mit Cordobés-Hut, kurzer Jacke, Schärpe und Reitkleidung.

Denn El Rocío ist keine gewöhnliche Feria — die Wallfahrt besitzt ihre ganz eigene Ästhetik, Kultur und Tradition.

Das Dorf El Rocío: wie aus einer anderen Zeit

Die kleine Aldea del Rocío wirkt fast wie aus einem alten Westernfilm.

Viele Straßen sind nicht asphaltiert, sondern vollständig mit Sand bedeckt. Überall sieht man Pferde, weiße Häuser der Hermandades und eine Atmosphäre, die kaum mit modernen Städten Spaniens vergleichbar ist.

Während des restlichen Jahres ist El Rocío eher ruhig.

Doch während der Wallfahrt strömen teilweise fast eine Million Menschen in das Dorf.

Der emotionalste Moment: „El Salto de la Reja“

Der bekannteste Augenblick des Rocío findet in der Nacht von Sonntag auf Montag statt.

Tausende Menschen warten rund um die Kirche der Virgen del Rocío. Dann springen die Einwohner von Almonte plötzlich über das eiserne Gitter des Altars — der berühmte „Salto de la Reja“.

Anschließend wird die Statue der Jungfrau auf den Schultern durch die gesamte Aldea getragen.

Menschen weinen, singen, beten und rufen „¡Viva la Virgen del Rocío!“, während sich die Prozession langsam durch die gewaltige Menschenmenge bewegt.

Selbst viele Spanier sagen, dass sich dieser Moment kaum beschreiben lässt, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat.

Eine Tradition, die auch Diskussionen auslöst

Gerade für ausländische Besucher wirkt El Rocío faszinierend, weil hier Religion, Folklore, Festkultur, Emotionen und andalusische Tradition auf einzigartige Weise verschmelzen.

Gleichzeitig gibt es aber auch Kritik: wegen der Menschenmassen, der Umweltbelastung, des Umgangs mit Tieren oder der Belastung des Naturparks Doñana.

Und trotzdem sind sich selbst viele Kritiker einig: Kaum eine andere Tradition Europas besitzt heute noch eine derart starke kulturelle Identität und emotionale Kraft.

Denn El Rocío versteht man nicht wirklich durch Fotos oder Videos.

Man muss es erleben.

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