Raubüberfälle und Diebstähle, verunsicherte junge Frauen, Strände als improvisierte Schlafplätze, ein Gesundheitssystem unter Druck und Schulen, die kurz vor Beginn des neuen Schuljahres als Notunterkünfte dienen: Fast drei Wochen nach dem massenhaften Grenzübertritt wächst in Ceuta der Ärger. Viele Einwohner fühlen sich von Madrid im Stich gelassen und fragen sich, wie lange ihre kleine Stadt die Folgen der Krise noch tragen soll
Redaktion Spanien Press
Die Bilder von Tausenden Menschen an der Grenze sind aus den großen spanischen Schlagzeilen weitgehend verschwunden. In Ceuta selbst sind die Folgen jedoch jeden Tag sichtbar.
Fast drei Wochen nach dem massenhaften Grenzübertritt von Ende Juli hat sich die Stimmung in der spanischen Exklave verändert. Auf die anfängliche Hilfsbereitschaft folgen zunehmend Erschöpfung, Sorge und Unmut. Besonders die Zentralregierung in Madrid gerät dabei in die Kritik.
Ceuta hat etwas mehr als 80.000 Einwohner und eine Fläche von lediglich rund 19 Quadratkilometern. Die Stadt kennt Migration und die besonderen Herausforderungen einer europäischen Außengrenze seit Jahrzehnten. Doch die Dimension der Ereignisse von Ende Juli und ihre wochenlangen Folgen haben das tägliche Leben verändert.
Für viele Ceutíes geht es inzwischen nicht mehr um eine abstrakte Debatte über Migrationspolitik. Es geht um Sicherheit, Strände, Gesundheitsversorgung und die Frage, ob die Schulen ihrer Kinder zum Beginn des neuen Schuljahres wieder uneingeschränkt zur Verfügung stehen.
Die Sorge um die Sicherheit wächst
Besonders sensibel ist die Sicherheitslage.
Seit Beginn der Krise wurde aus Ceuta wiederholt über Diebstähle, Raubüberfälle und Auseinandersetzungen berichtet. Einzelne Geschäfte und Einwohner waren betroffen. Gleichzeitig kursieren in sozialen Netzwerken zahlreiche Videos von Zwischenfällen.
Vor allem junge Frauen berichten von größerer Vorsicht. Jugendliche meiden bestimmte Bereiche und manche Mädchen, die zuvor selbstverständlich allein unterwegs waren, lassen sich inzwischen lieber begleiten.
Wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr selbstverständlich allein nach Hause gehen lassen, hat die Krise den privaten Alltag erreicht.
Einige Strände werden von Familien gemieden
Auch an der Küste sind die Auswirkungen sichtbar.
Die Playa del Trampolín wurde zu einem der Symbole der vergangenen Wochen. Zahlreiche Migranten schlafen dort unter freiem Himmel. Matratzen, Decken, Taschen und persönliche Gegenstände befinden sich in Bereichen, die normalerweise von Badegästen genutzt werden.
Mobile Toiletten und Duschen wurden installiert, um die hygienischen Bedingungen zu verbessern. Migranten haben sich zudem selbst an Reinigungsaktionen beteiligt.
Ein allgemeines Badeverbot für Ceutas Strände besteht nicht. Dennoch meiden einige Familien bestimmte Bereiche wegen Verschmutzung, hygienischer Bedenken oder weil sie sich dort derzeit nicht wohlfühlen.
Für eine Mittelmeerstadt mitten im August ist der Verlust gewohnter Strandbereiche besonders spürbar.
Die Situation ist zugleich für diejenigen untragbar, die dort schlafen müssen. Ein Strand kann kurzfristig als Notlösung dienen, ist aber weder eine angemessene Unterkunft noch eine dauerhafte Antwort auf die Krise.
Krätze-Fälle und ein Gesundheitssystem unter Belastung
Zusätzliche Beunruhigung haben 24 bestätigte Krätze-Fälle unter in Ceuta stationierten Soldaten ausgelöst.
Mediziner weisen unabhängig davon auf die gesundheitlichen Risiken hin, die entstehen, wenn viele Menschen über längere Zeit auf engem Raum und unter schwierigen hygienischen Bedingungen leben.
Auch das Gesundheitssystem der Stadt war insbesondere in den ersten Tagen stark gefordert.
Ceuta verfügt lediglich über ein öffentliches Krankenhaus. Nach dem Grenzübertritt wurden zeitweise innerhalb von nur 24 Stunden mehr als 1.000 medizinische Versorgungen von Migranten registriert.
Die außergewöhnliche Belastung der ersten Tage ist inzwischen zurückgegangen. Medizinische Vertreter und Gewerkschaften haben dennoch zusätzliche personelle und materielle Unterstützung gefordert.
Gerade hier zeigt sich das strukturelle Problem Ceutas: Eine Stadt dieser Größe verfügt nicht über dieselben Reserven wie Madrid, Barcelona oder Sevilla. Eine plötzliche zusätzliche Versorgung von Tausenden Menschen hat entsprechend größere Auswirkungen.
Der Schulbeginn rückt näher
Inzwischen wächst ein weiteres Problem: Die Sommerferien gehen zu Ende.
Während der akuten Phase wurden auch die Schulen Príncipe Felipe und Reina Sofía für die vorübergehende Unterbringung minderjähriger Migranten genutzt.
Die Behörden arbeiten daran, die Einrichtungen wieder vollständig für ihren eigentlichen Zweck freizumachen. Doch mit jedem Tag steigt der Zeitdruck.
Die Gebäude müssen geräumt, gereinigt und für den regulären Schulbetrieb vorbereitet werden. Gleichzeitig benötigen die dort untergebrachten Minderjährigen geeignete alternative Unterkünfte.
Für viele Eltern ist die Situation zu einem weiteren Symbol dafür geworden, wie weit die Krise inzwischen in das normale Leben der Stadt vorgedrungen ist.
Was Ende Juli an der Grenze begann, betrifft wenige Wochen später die Schulen ihrer Kinder.
Eine kurzfristige Nutzung während einer außergewöhnlichen humanitären Notlage ist das eine. Eine Fortsetzung kurz vor Beginn des neuen Schuljahres wäre etwas anderes.
Die Kinder Ceutas müssen nach den Ferien in ihre Schulen zurückkehren können. Gleichzeitig haben die minderjährigen Migranten Anspruch auf eine sichere und menschenwürdige Unterbringung.
Die Zeit für provisorische Lösungen wird damit knapp.
Madrid will rund 500 Mädchen aufs Festland bringen
Gleichzeitig arbeiten die spanische Regierung und die Behörden Ceutas nach jüngsten Informationen daran, rund 500 unbegleitete minderjährige Mädchen auf das spanische Festland zu verlegen.
Sie gelten als besonders schutzbedürftig und sollen dort in geeigneten Einrichtungen untergebracht werden.
Die Suche nach Aufnahmeplätzen gestaltet sich politisch schwierig. Mehrere Autonome Gemeinschaften haben Vorbehalte gegen die Aufnahme zusätzlicher Minderjähriger geäußert oder eine verpflichtende Verteilung kritisiert.
Von einer Ablehnung durch sämtliche Regionen kann allerdings nicht gesprochen werden.
Damit steht Madrid vor zwei parallelen Herausforderungen: Einerseits müssen mögliche Rückführungen nach Marokko individuell und rechtssicher geprüft werden. Andererseits benötigt Ceuta sofort Entlastung, sodass ein Teil der Minderjährigen zunächst auf das Festland gebracht werden soll.
Für viele Einwohner sind die langen politischen und juristischen Diskussionen zunehmend schwer nachvollziehbar.
Während Madrid mit den Regionen über Aufnahmeplätze verhandelt und die Voraussetzungen möglicher Rückführungen geklärt werden, bleibt die unmittelbare Belastung in Ceuta.
Vivas erhöht den Druck auf die Zentralregierung
Ceutas Regierungspräsident Juan Jesús Vivas hat seinen Ton gegenüber Madrid inzwischen deutlich verschärft.
Er fordert zusätzliche Kräfte von Policía Nacional und Guardia Civil sowie mehr Personal und Ressourcen für Verwaltung, Justiz, Gesundheitswesen und Sozialdienste.
Die Zentralregierung weist den Vorwurf zurück, Ceuta im Stich gelassen zu haben. Madrid verweist auf die bereits entsandten Sicherheitskräfte, zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten und geplante Transfers auf das Festland.
Dennoch wächst bei einem Teil der Bevölkerung das Gefühl, dass die Entlastung zu langsam vorankommt.
Dabei richtet sich der Unmut keineswegs ausschließlich gegen die Migranten.
Viele Einwohner hatten unmittelbar nach dem Grenzübertritt selbst geholfen. Freiwillige, Nachbarschaftsvereine, medizinisches Personal und Hilfsorganisationen verteilten Wasser, Lebensmittel und Kleidung und kümmerten sich um erschöpfte oder verletzte Menschen.
Die Kritik richtet sich zunehmend gegen die politische Verwaltung einer Krise, deren Folgen Ceuta nach Ansicht vieler Einwohner über einen zu langen Zeitraum nahezu unmittelbar tragen muss.
Immer mehr Unterstützung für die Ceutíes
Auch außerhalb der Stadt verändert sich die öffentliche Debatte.
In sozialen Netzwerken verbreiten sich zunehmend Solidaritätsbotschaften für die Einwohner Ceutas. Unter dem Motto „No estamos solos, yo también soy Ceuta“ – „Wir sind nicht allein, auch ich bin Ceuta“ – machen Nutzer auf die Situation der Bevölkerung aufmerksam.
Auch bekannte Persönlichkeiten äußern sich inzwischen öffentlich.
Besonders große Aufmerksamkeit erhielten die Aussagen von José Juan Romero, Trainer des AD Ceuta, der über die Auswirkungen der Krise auf das tägliche Leben in der Stadt sprach.
Damit rückt eine Perspektive stärker in den Vordergrund, die in den ersten Tagen der Krise weniger Aufmerksamkeit erhielt: die der Einwohner.
Aus Hilfsbereitschaft wird Ungeduld
Fast drei Wochen nach den Ereignissen ist deshalb nicht mehr allein die Zahl der Migranten die entscheidende Nachricht aus Ceuta.
Es ist die veränderte Stimmung in der Stadt.
Die Einwohner wollen ihre Strände wieder normal nutzen, sich sicher durch ihre Stadt bewegen und darauf vertrauen können, dass Gesundheitsversorgung und öffentliche Einrichtungen funktionieren.
Vor allem wollen Familien, dass mit dem Ende der Sommerferien auch für ihre Kinder wieder Normalität beginnt.
Die Migranten wiederum brauchen eine schnelle, rechtsstaatliche und menschenwürdige Perspektive. Strände und Schulgebäude können keine dauerhaften Unterkünfte sein.
Solidarität mit den angekommenen Menschen und die Forderung nach Normalität für die Einwohner schließen sich nicht aus.
Doch je länger die provisorische Situation anhält, desto größer wird der Unmut.
Während Madrid, die Autonomen Gemeinschaften, Brüssel und Marokko über Transfers, Rückführungen und Zuständigkeiten beraten, läuft für Ceuta die Zeit weiter.
Der Sommer geht zu Ende, der Schulbeginn rückt näher – und viele Ceutíes erwarten von der Zentralregierung inzwischen vor allem eines: eine schnelle und konkrete Lösung.
