14. August 2026
Lesezeit 3 Minuten

Chinesen verlassen Spanien – ein neuer Trend?

Mehr als 5.000 chinesische Staatsbürger haben Spanien im ersten Halbjahr 2026 verlassen. Noch ist das kein Exodus. Doch hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten, der Druck durch Temu und Shein, Probleme in der Gastronomie und ein Generationswechsel verändern die chinesische Community in Spanien.

Redaktion Spanien Press

Mehr als 5.000 Ausreisen in sechs Monaten

Nach den jüngsten Daten des Instituto Nacional de Estadística (INE) haben im zweiten Quartal 2026 rund 2.700 chinesische Staatsbürger Spanien verlassen. Bereits im ersten Quartal waren etwa 2.400 Ausreisen registriert worden.

Damit summieren sich die Ausreisen chinesischer Staatsangehöriger im ersten Halbjahr auf rund 5.100 Personen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass alle nach China zurückgekehrt sind. Einige könnten in andere Länder weitergezogen sein. Ebenso wenig beweisen die Zahlen allein, dass die chinesische Bevölkerung Spaniens insgesamt bereits schrumpft, denn gleichzeitig ziehen weiterhin chinesische Staatsbürger nach Spanien.

Von einem Exodus zu sprechen, wäre deshalb verfrüht. Dennoch fällt die Entwicklung in eine Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen.

Spanien wird immer teurer – vor allem das Wohnen

Einer der möglichen Gründe ist der deutliche Anstieg der Lebenshaltungskosten in Spanien.

Besonders die Wohnkosten sind für viele Familien zu einer erheblichen Belastung geworden. Immobilienpreise und Mieten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen – insbesondere in Madrid, Barcelona, Málaga, Marbella, Valencia, Palma und anderen wirtschaftlich oder touristisch attraktiven Regionen.

Für chinesische Familien, die einen Basar, ein Restaurant oder einen anderen kleinen Betrieb führen, kann die Entwicklung doppelt ins Gewicht fallen: Neben der eigenen Wohnung muss häufig auch ein Geschäftslokal finanziert werden.

Gleichzeitig sind Personal, Energie, Lebensmittel, Waren und andere laufende Kosten teurer geworden. Ein Familienunternehmen, das vor 15 oder 20 Jahren eine gute Existenz ermöglichte, muss heute wesentlich höhere Umsätze erzielen, um den gleichen Lebensstandard zu finanzieren.

Temu und Shein setzen die traditionellen Basare unter Druck

Der klassische China-Basar war jahrzehntelang ein fester Bestandteil spanischer Städte. Haushaltswaren, Dekoration, Spielzeug, Kleidung, Accessoires oder kleine Elektronikartikel – hier gab es fast alles zu niedrigen Preisen.

Doch genau dieses Geschäftsmodell bekommt inzwischen massive Konkurrenz aus dem Internet.

Plattformen wie Temu und Shein verkaufen viele dieser Produkte direkt an europäische Verbraucher – häufig zu Preisen, mit denen ein stationärer Händler kaum konkurrieren kann.

Während der Basar in Spanien Miete, Strom, Personal, Steuern und Lagerhaltung finanzieren muss, arbeiten die internationalen Onlineplattformen in völlig anderen Dimensionen.

So entsteht eine bemerkenswerte Situation: Ausgerechnet chinesische Online-Giganten setzen das traditionelle Geschäftsmodell vieler chinesischer Händler in Spanien unter Druck.

Auch chinesische Restaurants kämpfen mit höheren Kosten

Ähnliches lässt sich in der Gastronomie beobachten.

Das klassische chinesische Restaurant war über Jahrzehnte ein erfolgreiches Konzept in Spanien: große Portionen, günstige Preise und ein Betrieb, in dem häufig die gesamte Familie mitarbeitete.

Doch Lebensmittel, Personal, Energie und Mieten sind teurer geworden. Gleichzeitig ist der gastronomische Wettbewerb heute wesentlich größer.

Das bedeutet allerdings nicht, dass chinesische Gastronomie verschwindet. Vielmehr verändert sie sich. Während einige traditionelle Restaurants schließen, entstehen modernere Konzepte mit Hot Pot, Dim Sum oder regionaler chinesischer Küche.

Die zweite Generation will ein anderes Leben

Hinzu kommt der Generationswechsel.

Viele chinesische Einwanderer bauten ihre Existenz in Spanien mit enormem Arbeitseinsatz auf. Zehn oder zwölf Stunden täglich im Geschäft und sehr lange Öffnungszeiten waren keine Seltenheit.

Ihre Kinder sind dagegen häufig in Spanien geboren oder aufgewachsen, haben hier Schulen und Universitäten besucht und verfügen über ganz andere berufliche Möglichkeiten.

Viele möchten nicht mehr automatisch den Basar oder das Restaurant ihrer Eltern übernehmen.

Dieses Phänomen betrifft allerdings nicht nur chinesische Familien. Auch zahlreiche traditionelle spanische Familienbetriebe finden heute keine Nachfolger mehr.

Vom Basar in neue Branchen

Ein geschlossener China-Basar bedeutet deshalb keineswegs automatisch, dass seine Besitzer Spanien verlassen haben.

Ein Teil der chinesischen Community orientiert sich wirtschaftlich neu. Beauty und Kosmetik, Technologie, Onlinehandel, Logistik, Import und Export, Immobilien, Tourismus und professionelle Dienstleistungen spielen eine immer größere Rolle.

Was auf den ersten Blick wie ein Rückzug aussieht, kann deshalb teilweise schlicht ein wirtschaftlicher Strukturwandel sein.

Wird China wieder attraktiver?

Für einige Familien kommt dennoch eine tatsächliche Rückkehr infrage.

Wer seit 20 oder 30 Jahren in Spanien lebt und erfolgreich gearbeitet hat, verfügt möglicherweise über Kapital und Geschäftserfahrung und hat gleichzeitig weiterhin enge familiäre oder wirtschaftliche Verbindungen nach China.

Andere entscheiden sich für ein Leben zwischen beiden Ländern oder ziehen in einen dritten Staat weiter.

Es wäre allerdings zu einfach, mögliche Rückkehrentscheidungen ausschließlich damit zu erklären, dass es der chinesischen Wirtschaft besser gehe. Auch China kämpft mit erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen, insbesondere im Immobiliensektor und bei der Binnennachfrage.

Noch kein Exodus – aber ein Trend, den man beobachten sollte

Rund 5.100 Ausreisen in sechs Monaten bedeuten noch nicht, dass die chinesische Community Spanien den Rücken kehrt.

Doch die Zahlen treffen auf eine Realität, die sich deutlich verändert hat.

Spanien ist erheblich teurer geworden, insbesondere beim Wohnen. Temu und Shein greifen das Geschäftsmodell der traditionellen Basare an. Restaurants kämpfen mit höheren Kosten. Die zweite Generation entscheidet sich für andere Karrierewege. Und für manche Familien ist eine Rückkehr nach China wieder eine Option.

Vielleicht erlebt Spanien deshalb keinen chinesischen Exodus.

Aber möglicherweise das Ende einer Ära, die Spaniens Städte über Jahrzehnte geprägt hat.

Ob aus den aktuellen Ausreisen tatsächlich ein langfristiger Trend wird, werden die kommenden Zahlen des INE zeigen.

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