Sie ist der Stolz der spanischen Automobilgeschichte, doch interne Konzernpapiere zeichnen ein düsteres Bild: Der Volkswagen-Konzern plant offenbar, die Marke Seat bis spätestens 2029 komplett einzustampfen. Für die iberische Halbinsel und die Wirtschaft vor Ort wäre dies ein schwerer historischer Einschnitt.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Es ist ein Name, der über Jahrzehnte hinweg für die Automobilisierung Spaniens stand: Seat. Modelle wie der legendäre Seat 600, der den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes in den 1960er Jahren prägte, oder moderne Klassiker wie der Ibiza und der Leon gehören zur Identität des Landes wie Tapas und die Siesta. Doch nun deuten geheime Dokumente aus der Wolfsburger Konzernzentrale darauf hin, dass die Tage des Traditionskonzerns gezählt sind.
Laut Berichten, die sich auf interne Planungen des Volkswagen-Konzerns stützen, soll die Marke Seat in ihrer bisherigen Form bis spätestens 2029 vollständig vom Markt verschwunden sein. In den strategischen Visionen des deutschen Autogiganten für die Zeit nach 2030 spielt die traditionsreiche Marke schlicht keine Rolle mehr.
Der Siegeszug von Cupra als Totengräber
Der Hauptgrund für das drastische Aus liegt in einer internen Kannibalisierung und dem veränderten Konsumverhalten. Während die klassischen, margenschwachen Seat-Modelle auf dem europäischen Markt massiv unter Druck geraten sind, feiert die junge Schwestermarke Cupra einen Rekord nach dem anderen.
Ursprünglich als sportlicher Ableger gestartet, hat sich Cupra zu einem echten Renditebringer entwickelt. Die Fahrzeuge erzielen deutlich höhere Gewinnspannen. Die Konsequenz aus dem harten Sparkurs, unter dem der gesamte VW-Konzern derzeit leidet: Die finanziellen Mittel und Produktionskapazitäten – unter anderem im Stammwerk im katalonischen Martorell – sollen vollständig auf Cupra und die Elektromobilität umgelenkt werden. Für die Marke Seat bleibt da kein Platz mehr.
Ein schwerer Schlag für den Standort Spanien
Für Spanien wiegt diese Nachricht wirtschaftlich wie emotional schwer. Seat gehört seit 1986 mehrheitlich zu Volkswagen und sichert Zehntausende Arbeitsplätze direkt und indirekt über das gesamte Netzwerk aus Zulieferern. Zwar sollen die Fabriken und die Beschäftigten in der Regel für die Produktion anderer Konzernmodelle oder eben für Cupra weitergenutzt werden, doch das Ende des Markennamens markiert das symbolische Ende einer Ära.
Offiziell hat sich der Volkswagen-Konzern zu den durchgesickerten Dokumenten noch nicht im Detail geäußert. Angesichts der tiefgreifenden Transformation der europäischen Automobilindustrie gilt der Schritt in Branchenkreisen jedoch als konsequent – wenngleich er das Ende einer 1950 begonnenen Geschichte besiegelt.
Scharfe Proteste und offizielle Reaktionen
Die Reaktionen auf diese durchgesickerten Pläne ließen nicht lange auf sich warten. Die Gewerkschaften und die Arbeitnehmervertretung von Seat S.A. reagierten alarmiert und stuften den potenziellen Verlust der Marke als völlig „inakzeptabel“ ein.
Von offizieller Seite wird derweil beschwichtigt, um Panik zu vermeiden. Unternehmenskreise betonen, dass bislang noch keine endgültige Entscheidung gefallen sei und verweisen auf die ohnehin tiefgreifende Transformation, in der sich die gesamte Automobilindustrie und auch Seat S.A. im Rahmen der Elektrifizierung befinden. Zudem zeigt sich das Unternehmen operativ durchaus robust – so konnte im ersten Halbjahr ein beachtlicher operativer Gewinn von 122 Millionen Euro erwirtschaftet werden.
Ob die Fabrik im katalonischen Martorell langfristig komplett auf Cupra-Modelle und andere Konzernfahrzeuge umgestellt wird und der Name Seat nach über 70 Jahren Automobilgeschichte endgültig aus den Schauräumen verschwindet, dürfte sich in den kommenden Tagen bei den entscheidenden Gremiensitzungen in Deutschland zeigen.
