Tagelang trieb die „MV Hondius“ mit einem tödlichen Virus-Ausbruch über den Atlantik, bevor schließlich Spanien zum Ziel der internationalen Evakuierungsmission wurde. Drei Menschen starben währenddessen, mehrere weitere infizierten sich mit dem seltenen Andes-Hantavirus – jener Variante des Hantavirus, die in seltenen Fällen sogar von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Die Reise hatte ursprünglich als Expeditionskreuzfahrt von Ushuaia in Argentinien Richtung Antarktis begonnen. Vermutlich wurde das Virus bereits in Südamerika durch Kontakt mit infizierten Nagetieren eingeschleppt.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Großeinsatz im Hafen von Teneriffa
Auf den Kanaren wollte man das Schiff zunächst überhaupt nicht anlegen lassen. Der kanarische Regierungschef Fernando Clavijo erklärte öffentlich, er könne das Einlaufen nicht erlauben, da man nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie kein Risiko für die Bevölkerung eingehen wolle. Die Bilder eines möglicherweise hochansteckenden Virusfalls mitten im Atlantik sorgten in Spanien für enorme Nervosität.
Erst nach massivem Druck der WHO sowie der spanischen Zentralregierung wurde entschieden, die Evakuierung doch auf Teneriffa durchzuführen. Spanien argumentierte, dass die Lage an Bord zunehmend außer Kontrolle gerate und eine internationale Lösung notwendig sei.
So erreichte die „MV Hondius“ schließlich am frühen Morgen des 10. Mai den Hafen von Granadilla auf Teneriffa. Dort begann eine der größten medizinischen Evakuierungsaktionen Europas seit Jahren. Das Schiff legte zunächst nicht direkt am Terminal an, sondern blieb unter strengen Sicherheitsmaßnahmen isoliert.
Mehr als 300 Einsatzkräfte, darunter Guardia Civil, Polizei, medizinische Spezialteams und internationale Beobachter der WHO, überwachten den gesamten Ablauf. Passagiere wurden nur gruppenweise von Bord gebracht, mehrfach kontrolliert und teilweise direkt auf dem Hafengelände desinfiziert. Bilder von Menschen in weißen Schutzanzügen erinnerten viele Beobachter sofort an die ersten Monate der COVID-Pandemie.
Neue positive Fälle sorgen für neue Angst
Doch nur wenige Stunden nach Beginn der Evakuierung kamen die nächsten alarmierenden Nachrichten. Eine französische Passagierin wurde nach ihrer Rückkehr positiv auf das Andes-Hantavirus getestet. Ihr Gesundheitszustand soll sich inzwischen deutlich verschlechtert haben.
Kurz darauf bestätigten US-Behörden einen weiteren positiven Fall bei einem amerikanischen Passagier, der nach Nebraska ausgeflogen worden war. Zudem meldeten Behörden mindestens eine weitere Person mit typischen Symptomen.
Die neuen Fälle zeigen, dass die eigentliche Krise möglicherweise erst beginnt.
WHO koordiniert weltweite Überwachung
Gesundheitsbehörden in mehreren Ländern verfolgen inzwischen jeden einzelnen Kontakt der Passagiere. In Frankreich werden derzeit mehr als 20 Personen überwacht, die während der Rückflüge oder in Kliniken Kontakt mit Infizierten hatten. Auch in Großbritannien, den USA und Kanada laufen umfangreiche Contact-Tracing-Maßnahmen.
Die WHO koordiniert inzwischen gemeinsam mit europäischen und internationalen Behörden die Überwachung ehemaliger Passagiere in zahlreichen Staaten. Nach bisherigen Angaben sind mindestens zwölf Länder direkt beteiligt.
Spanien verteidigt seine Entscheidung
Spanien verteidigt derweil sein Vorgehen trotz wachsender Kritik. Vor allem auf den Kanaren hatten viele Menschen befürchtet, dass das Schiff überhaupt nicht hätte anlegen dürfen. Die Zentralregierung spricht dagegen von einer „humanitären Verpflichtung“ und einer „Operation ohne Präzedenzfall“.
Internationale Organisationen sowie mehrere europäische Regierungen lobten inzwischen die spanische Koordination der Evakuierung. Selbst die WHO erklärte, Spanien habe entscheidend dazu beigetragen, eine möglicherweise chaotische Situation unter Kontrolle zu bringen.
Wochen der Unsicherheit beginnen erst jetzt
Die „MV Hondius“ selbst bleibt unterdessen weiter isoliert. Ein Teil der Crew befindet sich noch an Bord, bevor das Schiff in die Niederlande gebracht und dort vollständig dekontaminiert werden soll.
Für die ehemaligen Passagiere dagegen beginnt nun eine wochenlange Phase der Unsicherheit. Denn trotz negativer Tests kann das Virus noch Wochen später ausbrechen. Genau das macht den aktuellen Fall für Behörden weltweit so gefährlich und schwer kalkulierbar.
