Am 28. Oktober 2026 um 8:54 Uhr fuhr ein AVE-Hochgeschwindigkeitszug der Renfe bei Kilometer 118 der Strecke Madrid–Sevilla, auf der Höhe von Urda (Toledo), auf einen stehenden Zug der Gesellschaft Iryo auf. 69 Menschen starben, mehr als hundert wurden verletzt.
Hinter jeder Zahl stand eine Reise mit einem Grund: eine Hochzeit, ein geschenkter Urlaub, ein neugeborener Neffe, der letzte Arbeitstag. Dies sind einige dieser Leben.
Redaktion Spanien Press
Ana Avilés Uruñuela, 68 Jahre: „Ohne meine Schwiegermutter keine Hochzeit“
Sie stammte aus Madrid und saß auf Platz 18B in Wagen 7 des AVE. Sie war auf dem Weg nach Sevilla, um ihrer Tochter Ana Román bei deren Hochzeit beizustehen, die für Samstag, den 31. Oktober, geplant war.
Als Ana vermisst wurde, sagte die Familie die Trauung ab. Curro, der Verlobte ihrer Tochter und künftige Schwiegersohn, fasste es in einem Satz zusammen: „Ohne meine Schwiegermutter keine Hochzeit.“
Ihre Tochter meldete sie noch am selben Abend als vermisst und gab DNA-Proben ab. Tage später glich die Guardia Civil sie mit den geborgenen Überresten ab und bestätigte ihren Tod.
Eleuterio del Olmo, „Lute“, 50 Jahre: die Versöhnung, die rechtzeitig kam
Er hatte zwei Kinder und lebte in El Casar (Guadalajara). Er saß auf Platz 17C in Wagen 7 des AVE.
Seine Tochter Sandra hatte ihn ein Jahr lang nicht gesehen. Seit er zu Hause ausgezogen war, war die Beziehung zerbrochen: Bei der Scheidung hatte sie sich auf die Seite ihrer Mutter gestellt. Eines Tages verabredeten sie sich in einem Café. Sie kam nervös an, und sie sprachen nur über Alltägliches. Doch von da an telefonierten und schrieben sie sich öfter, und das gab beiden einen Frieden, den sie vorher nicht hatten.
Sie sahen sich noch dreimal. Das letzte Mal am Abend des 27. Oktober, als er mit eingeschaltetem Licht vor ihrem Haus hielt und ihr einen Koffer brachte, den sie bis zu seiner Rückkehr aufbewahren sollte. Am nächsten Tag stieg er in den AVE.
Sandra hat ihre Geschichte der Zeitung El País erzählt. Ihr Bericht hinterlässt einen klaren Gedanken: Auch wenn er viel zu früh gegangen ist, haben Vater und Tochter noch rechtzeitig Frieden geschlossen.
Vier Tage lang suchte die Familie nach ihm, mit einem Foto, der Wagen- und Platznummer und einer schlichten Beschreibung: Bart und kurze Haare. Die Nachbarn in El Casar hielten vor dem Rathaus eine Schweigeminute ab, und der Fußballverein von Fuente El Saz verabschiedete ihn als großartigen Menschen und guten Freund.
Antonio Acedo (36) und Daniel Cabañas (31): die beiden Lokführer, die das Führerhaus nicht verließen
Im Führerhaus des AVE saßen zwei Männer. Antonio Acedo, der verantwortliche Lokführer, stammte aus Móstoles und aus einer Eisenbahnerfamilie: Sein Vater war Lokführer gewesen, sein Großvater Elektriker bei der Renfe. Seine Frau, ebenfalls Lokführerin, ist mit ihrem ersten Kind schwanger. An jenem Morgen hatten sie noch zusammen gefrühstückt.
Neben ihm saß Daniel Cabañas aus Leganés. Viele Medien nannten ihn „Lokführer in Ausbildung“, doch er war kein Anfänger: Er fuhr seit Jahren als Lokführer im Nahverkehr und absolvierte die Ausbildung für den Hochgeschwindigkeitsverkehr. Zuvor hatte er in den Werkstätten von Santa Catalina in Madrid AVE-Züge gewartet. Er war Schüler der Salesianer von Atocha, die ihm zu Füßen einer Don-Bosco-Statue einen kleinen Altar errichtet haben. Er war der Neffe von Bischof Rafael Cob, der im ecuadorianischen Amazonasgebiet wirkt.
An jenem Morgen tranken beide einen Kaffee mit dem Ausbilder Álvaro Aznar und scherzten darüber, was ihnen an diesem Tag beim „Roulette“ der Störungen blühen würde. Niemand ahnte, was kommen sollte.
Nach ersten Ermittlungsergebnissen erhielt Antonio falsche Informationen: Ein grünes Signal zeigte ihm eine freie Strecke an, obwohl der Iryo-Zug vor ihm stand. Kollegen zufolge versuchte er, so stark wie möglich zu bremsen, sobald er den stehenden Zug sah. Die beiden saßen an der verwundbarsten Stelle des Zuges, an der Spitze, die die ganze Wucht des Aufpralls abbekam. Der Zusammenstoß erfolgte mit 160 bis 200 km/h; der Triebkopf des AVE bohrte sich in den letzten Wagen des Iryo.
Kollegen, Freunde und ein großer Teil der Presse erinnern an sie als Helden: zwei Männer, die in ihren letzten Sekunden ihre Arbeit bis zum Ende taten, um den Aufprall abzuschwächen und so viele Fahrgäste wie möglich zu retten. Ein Freund von Antonio sagte, er habe seine Arbeit bis zur letzten Minute gut gemacht, und hob auch Daniels Professionalität hervor. Die Fahrtenschreiber, die von der Guardia Civil verwahrt werden, werden zeigen, wie stark sie noch bremsen konnten.
Antonio hatte jahrelang vor dem gewarnt, was er auf den Gleisen sah. Er arbeitete am Verkehrsprogramm der Partei Izquierda Española mit und prangerte die Übermüdung der Lokführer, die Überlastung nach der Liberalisierung und mangelnde Investitionen in die Instandhaltung an. Heute liest man seine Worte wie ein Vermächtnis.
Antonio wird sein Kind nie kennenlernen. Daniel wird nie einen Hochgeschwindigkeitszug fahren.
Toñi Barba, 59 Jahre: die Reise, die ihre Töchter ihnen geschenkt hatten
Antonia „Toñi“ Barba und ihr Mann Antonio Chao, beide 59, waren zu einem Kurzurlaub nach Sevilla unterwegs, einem Geschenk ihrer Töchter. Eine von ihnen hatte sie an jenem Morgen zum Bahnhof Atocha begleitet. Toñi war die Mutter von Cristina Chao, Spielerin der Frauenmannschaft von CD Leganés. Antonio, frisch pensioniert, stammt aus Abadín (Lugo) und lebt in Alcalá de Henares.
Nach dem Aufprall kam Antonio neben seiner Frau zu sich; sie sagte ihm, sie habe Schmerzen in Brust und Rücken. Er konnte sich nicht bewegen, und als die Rettungskräfte kamen, bat er sie, zuerst seine Frau herauszuholen. Toñi, noch bei Bewusstsein, konnte mit Hilfe eines Beamten der Guardia Civil aus dem Krankenwagen mit ihrer Tochter Sheila sprechen. Es war das letzte Mal, dass ihre Familie ihre Stimme hörte: Toñi starb nach diesem Anruf. Mehr als 24 Stunden lang wusste die Familie nicht, wo sie war, bis man ihnen ihren Tod bestätigte. Antonio wurde an der Wirbelsäule operiert und liegt weiterhin auf der Intensivstation in Toledo.
Sheila schrieb ihrer Mutter einen Abschiedsbrief, der ganz Spanien bewegt hat. Darin erinnert sie daran, dass ihr Vater, verletzt zwischen den Trümmern, nur daran dachte, dass man zuerst ihre Mutter rettet. Sie verspricht, sich um ihn und ihre Schwester Cris zu kümmern, und schreibt zum Schluss, dass sie, auch wenn es niemand sieht, immer das kleine Mädchen ihrer Mutter bleiben wird.
Carmen de Santa Ana, 60 Jahre: ihre letzte Reise vor dem Ruhestand
Sie saß auf Platz 15A in Wagen 7. Sie war Führungskraft, stand kurz vor dem Ruhestand, und dies war ihre letzte Dienstreise.
Ihr Mann, Javier Barrio, sprach mit brüchiger Stimme vor den Kameras. Er erzählte, er habe seit zwei Tagen nicht aufgehört zu weinen und schon am Vortag verstanden, dass die Chancen, sie lebend zu finden, verschwindend gering seien. Er fügte hinzu, die Toten von Urda seien seiner Ansicht nach die Folge eines Systems unter Zeitdruck, in dem eine einzige Person die Arbeit von dreien erledigt.
Julieta Gallego, 24 Jahre: die Athletin, die ihre Großeltern besuchen wollte
Sie wurde in Madrid geboren und war am 9. Oktober, wenige Wochen vor dem Unglück, 24 geworden. Sie besuchte die Deutsche Schule Madrid und widmete sich schon als Kind dem Sport.
Sie war auf Weitsprung und 60 Meter spezialisiert und sprang bei den spanischen Vereinsmeisterschaften 5,90 Meter. Sie lebte in Deutschland, wo sie für den LAC Berlin startete, und war am Tag des Unglücks auf dem Weg nach Córdoba zu ihren Großeltern. Ihr Madrider Verein AD Sprint verabschiedete sich von ihr mit den Worten, dass sie für immer Teil der Familie bleiben werde.
Pepe San Emeterio, 54 Jahre: sein Hund Trece überlebte
Er stammte aus Sevilla und lebte in Madrid. Unternehmer, Vater einer 16-jährigen Tochter, Fan von Real Betis und Mitglied einer Karwochen-Bruderschaft, über 1,90 Meter groß. Er reiste mit seinem Hund Trece.
Noch am Tag des Unglücks bat seine Schwester Ana im Bahnhof Santa Justa um Hilfe bei der Suche nach ihm. Seine Frau bestätigte vor den Kameras, dass Trece lebend in dem Wagen gefunden worden war, in dem Pepe gereist war; erkannt wurde er an seinem Halsband. Sie wünschte sich nur, dass auch Pepe gefunden würde.
César Vicente Sanz, 63 Jahre: der Lehrer, der mit seiner Katze reiste
Er war Lehrer am IES Híspalis in Sevilla. Er saß in Wagen 8, Platz 13A, mit einer Transporttasche, in der er seine Katze dabeihatte.
Sein Sohn, der Schauspieler César Vicente, bekannt aus Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“, verlor gegen 8:30 Uhr den Kontakt zu ihm und suchte mehr als einen Tag lang in den sozialen Netzwerken nach ihm. Als sein Tod bestätigt wurde, verabschiedete er sich mit einem Foto, auf dem er als Baby in den Armen seines Vaters am Strand zu sehen ist. In seiner Nachricht dankt er ihm, dass er ihm in Zeiten des Zweifels und schwerer Entscheidungen beigestanden hat, und verspricht, weiterhin jeden Nachmittag Bambino zu hören. Zum Schluss versichert er ihm, dass er die Welt mit Kunst und Liebe verändern werde.
Ana Martina Conte Grand, 32 Jahre: sie kam, um ihren Neffen kennenzulernen
Sie war Podologin aus San Juan (Argentinien). Sie hatte eine maßgefertigte Einlage entwickelt, die die Schmerzen von Dornwarzen beim Gehen lindert, und teilte sich eine Praxis mit ihrem Bruder Zacarías. Sie hatte einen Zwillingsbruder, Lisandro.
Sie reiste mit ihren Eltern nach Spanien, um ihren vier Monate alten Neffen kennenzulernen, den Sohn ihres älteren Bruders Jeremías, eines in Spanien lebenden Molekularbiologen. Jeremías saß mit ihr in Wagen 7 und überlebte mit mehreren Brüchen. Später erzählte er, er habe sie neben sich sterben sehen.
Raquel Mato Gancedo: Madrid und ein Dorf in Lugo
Sie wurde in Madrid geboren und lebte dort, war aber eng mit Zanfoga in Pedrafita do Cebreiro (Lugo) verbunden, dem Heimatdorf ihrer Mutter, die jung in die Hauptstadt gezogen war. Sie war mit ihrem Partner, der weiterhin im Krankenhaus liegt, auf dem Weg nach Sevilla. Ihre Familie bat darum, nie zu vergessen, dass hinter jedem Namen ein ganzes Leben steht, und die Familien nicht allein zu lassen.
Und viele mehr
Iván Romano, 42, war gerade Vater geworden. David Reina, 22, Techniker bei der Renfe aus Rincón de la Victoria, wollte ein paar Tage bei seiner Familie verbringen. Curro Rico war Vater eines fünfjährigen Jungen. Tamara González, 31, forschte in Wien. Es sind 69 Namen, und jeder von ihnen hatte eine Geschichte wie diese.
Im Namen der gesamten Redaktion von Spanien Press sprechen wir allen Familien, Freunden und Angehörigen der 69 Verstorbenen unser tief empfundenes Beileid aus. Den Verletzten wünschen wir von Herzen Kraft und eine vollständige Genesung. Und unser Dank gilt den Rettungskräften, der Guardia Civil, den Ärztinnen, Pflegern und Freiwilligen, die in diesen Tagen alles gegeben haben.
Ruhet in Frieden. Wir werden euch nicht vergessen.
Die Redaktion von Spanien Press
