Mehr als 138.000 Hassnachrichten in weniger als zwei Wochen. Nach der Attacke auf einen Anwohner in Torre Pacheco (Murcia) am 9. Juli – durch eine Gruppe junger Männer marokkanischer Herkunft – ist es in sozialen Netzwerken zu einer massiven Welle an fremdenfeindlichen und islamfeindlichen Inhalten gekommen. Das geht aus einem Sonderbericht des spanischen Observatoriums für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (Oberaxe) hervor, das dem Ministerium für Integration untersteht
Redaktion Spanien Press
Vor allem auf Plattformen wie Telegram, X (ehemals Twitter) und TikTok kursieren Inhalte mit Gewaltaufrufen, Falschinformationen und Aussagen wie „Scheiß-Moro“, „Spanien ist christlich“ oder „Alle rauswerfen!“. Laut Oberaxe verbreitet sich der Hass besonders unter jungen Usern, die auf radikale Narrative, Memes und mitreißende Videos reagieren.
Eine besonders alarmierende Entwicklung ist die virale Verbreitung von Filmszenen aus historischen Kreuzritter-Epen wie Königreich der Himmel, die in den sozialen Medien als Symbol für einen angeblichen „Kampf der Kulturen“ instrumentalisiert werden. Diese Videos werden mit dramatischer Musik und islamfeindlichen Botschaften versehen und erreichen vor allem Jugendliche.
Islamfeindliche Rhetorik, soziale Medien und politische Stimmung
Die Ergebnisse des Oberaxe-Berichts im Überblick:
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91 % der Hassnachrichten richteten sich gegen Personen nordafrikanischer und muslimischer Herkunft.
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33 % enthielten entmenschlichende Begriffe wie „Ungeziefer“ oder „ekelhaft“.
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23 % forderten offen Ausweisung oder Gewalt.
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Nur 22 % der Inhalte wurden von den Plattformen gelöscht.
Der politische Kontext verschärft die Lage zusätzlich: Die jüngsten Umfragen zeigen einen Anstieg der Zustimmung für die rechtspopulistische Partei VOX, insbesondere unter jungen Männern. VOX setzt gezielt auf Themen wie Identitätsschutz und innere Sicherheit – genau die Narrative, die sich aktuell in sozialen Medien rasant verbreiten.
Integrationsministerin Elma Saiz kündigte an, den Bericht der Unabhängigen Behörde für Gleichbehandlung und Nichtdiskriminierung zu übergeben, um zu prüfen, ob es sich bei den Inhalten um strafbare Hassrede im Sinne des „Ley Zerolo“ handelt.
„Wir dürfen nicht akzeptieren, dass Jugendliche mittelalterliche Parolen als Unterhaltung weiterverbreiten. Was als Meme beginnt, kann auf der Straße in Gewalt enden“, so Saiz.
Ein Einzelfall – oder ein gesellschaftliches Warnsignal?
Torre Pacheco könnte der Auslöser gewesen sein – aber die Ursachen sitzen tiefer. Der digitale Islamhass unter Jugendlichen zeigt eine wachsende gesellschaftliche Spaltung und Radikalisierung, befeuert durch Falschinformationen, politische Rhetorik und eine Ästhetik der Konfrontation.
In Spanien wird Hass nicht nur organisiert – er geht viral.
