Ninas Leben zwischen Siesta, Sonnenschutz und Sofa-Sessions – oder: Wie ich lernte, am Nachmittag einfach mal nichts zu tun
Willkommen in Spanien.
Dem einzigen Land, in dem man sich dafür feiert, nach dem Mittagessen zu verschwinden.
Und zwar stilvoll.
Denn was anderswo als unproduktive Schwäche gilt, ist hier ein nationales Erbe:
die Siesta.
Sie ist mehr als nur ein Nickerchen.
Sie ist ein Statement.
Ein inneres Reset.
Und – seien wir ehrlich – oft auch eine Ausrede.
„Lo siento, estaba en la siesta.“
(„Sorry, ich war in der Siesta.“)
Ein Satz, der alles rechtfertigt. Vom verpassten Anruf bis zur dreistündigen Abwesenheit mitten am Tag.
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Aber was ist Siesta wirklich?
Ein sozial akzeptierter Komplettausfall ab 14:59 Uhr.
Der Tag wird geteilt in vor der Siesta und nach der Siesta.
Dazwischen: Glanzlosigkeit, Hitzeschwaden und das stille Flüstern der Klimaanlage.
Und während Deutschland sich im 15-Uhr-Tief Koffein intravenös verabreicht,
macht Spanien einfach – Schluss.
Mit allem.
Sogar mit der Vernunft.
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O-Ton Mari Carmen, 83, Córdoba:
„Mi hijo dice que es una pérdida de tiempo. Pero mira su cara: ojeras y estrés. Yo duermo mi siesta y parezco una rosa.“
(„Mein Sohn sagt, das ist Zeitverschwendung. Aber schau ihn dir an: Augenringe und Stress. Ich mach meine Siesta – und seh aus wie ’ne Rose.“)
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Die Typologie der Siesta-Könige
Nicht jeder Siesta ist gleich. Hier ein kleiner Überblick:
1. Der klassische Sofa-Schnarcher
Er liegt um 15:01 quer über das Sofa. Fernseher laut, Ventilator auf Stufe Sturm.
Der Bauch hebt und senkt sich im Takt der „telenovela“.
Sein Schnarchen ist der inoffizielle Soundtrack der Nachbarschaft.
2. Die elegante Bett-Siesterin
Seidennachthemd, heruntergelassene Jalousien, Lavendelspray.
Hier wird nicht geschlafen – hier wird residiert.
Sie wacht auf wie aus einem Chanel-Werbespot.
Mit perfektem Dutt und Lust auf einen kalten Melonensmoothie.
3. Der „Ich-tue-nur-so“-Typ
Er liegt im Schatten, Sonnenbrille auf, Augen halb zu.
Doch sobald das Handy vibriert, murmelt er:
„Estaba en modo siesta…“
und antwortet doch. Ein Siesta-Philosoph.
Ruht, aber mit WLAN.
4. Die Hardcore-Hängemattenfraktion
Nur zu finden in Cádiz oder auf Ibiza.
Hängematte zwischen zwei Palmen, Meeresrauschen, ein Buch auf dem Bauch.
Und ein inneres Mantra: „Si no hay siesta, no hay fiesta.“
(Wenn’s keine Siesta gibt, gibt’s keine Party.)
5. Die tragische Nordspanierin
Sie lebt in Bilbao, ist aber eigentlich aus Sevilla.
Sie versucht jeden Tag um 15:00 Uhr die Siesta.
Doch der Himmel ist grau, der Regen klopft –
und irgendwer klingelt immer.
Sie postet dann bei Instagram:
„#sintiempo #sinsiesta #sinnerven“
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Siesta je nach Region: Ein Reiseführer der Ruhe
Andalusien:
Hier ist Siesta Gesetz.
Kühlschrank leer? Pech gehabt.
Selbst Supermärkte machen dicht.
Denn: Die Luft steht. Die Körper auch.
Wer sich bewegt, verliert.
Madrid:
Hier hat man Siesta – aber stylish.
Mit geschlossenen Vorhängen, Klimaanlage und Businesshemd in der Ecke.
Man schläft nicht auf dem Sofa, sondern im „espacio relax“ –
ein Raum mit Daybed und Duftkerze.
Dauer: exakt 28 Minuten. Danach: Espresso. Und Excel.
Barcelona:
Die Siesta ist kürzer, urbaner, koffeinhaltiger.
Man sagt: „Hago una mini-siesta“ (Ich mach ein Mininickerchen),
setzt sich in den Schatten eines Baumes im El Born –
und bestellt dazu einen Kombucha.
Hipster-Siesta mit Aussicht.
Valencia:
Die Siesta wird hier zur Paella-Verlängerung.
Erst essen. Dann essen. Dann Sofa.
Es gibt einen Spruch:
„Si comes mucho y no duermes, no eres valenciano.“
(Wenn du viel isst und danach nicht schläfst, bist du kein Valencianer.)
Nordspanien (Baskenland, Galicien):
Hier ist die Siesta eher eine höfliche Idee.
Man ruht – wenn überhaupt – mit Tee.
Aber wehe, du nennst es Siesta!
Dann heißt es: „Eso es del sur…“
(Das ist was für den Süden…)
Stattdessen wird gewandert. Oder gearbeitet.
Oder beides gleichzeitig.
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Was während der Siesta alles NICHT passieren sollte:
– Umziehen
– Online shoppen
– Versicherungsberatung
– Steuererklärung
– Diskussionen mit spanischen Schwiegermüttern
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Mein persönlicher Siesta-Moment:
Ich lag bei 39 Grad auf dem Boden, alle Fenster geschlossen.
Der Ventilator ratterte wie ein Fiat Panda.
Ein Stück Churro klebte an meiner Wange.
Und genau in diesem Moment kam eine SMS aus Deutschland:
„Hast du die Präsentation fertig?“
Ich schrieb zurück:
„Bin in kultureller Pause. Adiós.“
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Fazit?
Die Siesta ist kein Relikt. Sie ist Rebellion.
Gegen Stress. Gegen Leistung. Gegen WhatsApp um 15:12 Uhr.
Sie ist das, was uns allen ein bisschen fehlt:
ein Moment, in dem einfach mal niemand etwas von dir will –
außer vielleicht ein stiller Ventilator und ein Kissen, das schon ein bisschen nach Sommer riecht.
Und wenn du mich heute fragst, wie’s mir geht?
Ich sag dir:
Zwischen 15 und 17 Uhr bin ich nicht zu sprechen.
Nicht, weil ich unhöflich bin.
Sondern weil ich Spanierin geworden bin.
Mit Leib, Seele – und Siesta.
P.S.: Und wenn du dich wunderst, warum die Spanier so entspannt sind –
denk an den Elefanten im Porzellanladen.
Der wäre in Spanien einfach nur: ein müder Elefant, der sich zum Schlafen hinlegt.
Mitten im Laden.
Und alle würden sagen:
„¡Qué monada! Dejadlo. Está en su siesta.“
(Wie niedlich! Lasst ihn. Er macht gerade seine Siesta.)
