15. August 2026
Lesezeit 3 Minuten

Nur wenige Kilometer von Afrika entfernt: Warum Migranten Gibraltar kaum ansteuern

Gibraltar

Afrika liegt direkt gegenüber – doch der Felsen ist kaum ein ZielGibraltar liegt unmittelbar an der Meerenge zwischen Afrika und Europa. Trotzdem steuern Migranten, die von Nordafrika aus die gefährliche Überfahrt wagen, überwiegend Spanien und nur selten das britische Überseegebiet an. Warum?

Redaktion Spanien Press

Auf der Landkarte erscheint das zunächst erstaunlich. Gibraltar liegt direkt an einer der bekanntesten Migrationsrouten zwischen Nordafrika und Südeuropa. Dennoch führen die etablierten Routen vor allem nach Spanien.

Dass Boote Gibraltar erreichen, kommt vor – es bleibt aber die Ausnahme. Der Gibraltar Chronicle berichtete bereits über Fälle, in denen Migranten auf dem Felsen landeten, obwohl Spanien vermutlich ihr eigentliches Ziel war.

Ein winziges Ziel neben einer langen spanischen Küste

Schon die Geografie liefert einen Teil der Erklärung.

Gibraltar umfasst knapp sieben Quadratkilometer. Der Felsen selbst, steile Küstenabschnitte, Hafenanlagen und die dichte Bebauung schränken die möglichen Anlandestellen ein.

Direkt daneben erstreckt sich dagegen die andalusische Küste mit zahlreichen möglichen Zielen. Für ein kleines Boot ist es wesentlich einfacher, einen längeren Küstenabschnitt anzusteuern als einen so kleinen Punkt gezielt zu erreichen.

Hinzu kommt, dass die Route durch die Straße von Gibraltar inzwischen deutlich an Bedeutung verloren hat. Nach Angaben aus dem CEAR-Jahresbericht 2026 entfiel 2025 nur noch rund ein Prozent der irregulären Einreisen nach Spanien auf die Route durch die Meerenge.

In Gibraltar ist es schwer, unbemerkt zu bleiben

Die geringe Größe des Territoriums hat noch eine andere Konsequenz.

2016 erreichten beispielsweise neun nordafrikanische Männer mit einem Schlauchboot die Ostseite Gibraltars. Einige versteckten sich anschließend im Gelände. Polizei, Zoll, Grenzbehörden und weitere Sicherheitskräfte suchten nach ihnen – noch am selben Tag waren alle gefunden.

Schon damals bezeichnete die lokale Presse solche Anlandungen in Gibraltar als selten und stellte fest, dass die meisten Migranten in der Meerenge die spanische Küste ansteuern.

Entscheidend ist nicht nur die kürzeste Entfernung

Bei irregulärer Migration geht es nicht zwangsläufig darum, den geografisch nächstgelegenen europäischen Boden zu erreichen.

Bestehende Routen, Schleusernetzwerke, familiäre Kontakte, Verkehrsanbindungen und das gewünschte Endziel spielen ebenfalls eine Rolle.

Dafür gibt es sogar ein bemerkenswertes Beispiel: Die Royal Gibraltar Police deckte gemeinsam mit spanischen Behörden ein Netzwerk auf, das Migranten zunächst legal nach Gibraltar brachte und anschließend heimlich über die Grenze nach Spanien schleuste. Von dort erhielten sie Bustickets zu Zielen in Spanien und anderen europäischen Ländern.

Das zeigt, dass Gibraltar in bestimmten Fällen durchaus Teil einer Migrationsroute sein kann – allerdings eher als Transitpunkt und nicht unbedingt als Endziel.

Was geschieht, wenn Migranten Gibraltar tatsächlich erreichen?

Gibraltar verfügt über ein eigenes Einwanderungs- und Asylrecht. Unerlaubte Einreise kann ein Verfahren durch die gibraltarischen Behörden auslösen; je nach Einzelfall kommen auch Festnahme, vorübergehende Ingewahrsamnahme oder eine Entfernung aus dem Gebiet in Betracht.

Es wäre jedoch falsch zu behaupten, jeder irregulär eingereiste Migrant werde automatisch ins Gefängnis gesteckt.

Gibraltar besitzt ebenso ein eigenes Asylsystem. Wer internationalen Schutz beantragt, hat Anspruch darauf, dass sein Antrag nach den geltenden Bestimmungen geprüft wird.

Die Erklärung, Migranten würden Gibraltar vor allem wegen besonders harter Strafen meiden, lässt sich deshalb nicht seriös belegen.

Und was passiert mit unbegleiteten Minderjährigen?

Besondere Regelungen gelten für unbegleitete Minderjährige, die Asyl beantragen.

Das gibraltarische Asylrecht sieht für sie zusätzliche Schutzmechanismen vor. Unter anderem muss ein geeigneter Vertreter beziehungsweise Vormund bestellt werden, der den Minderjährigen während des Verfahrens unterstützt.

Auch bei der Unterbringung gelten besondere Vorschriften. Minderjährige sollen je nach Situation bei erwachsenen Verwandten, in einer Pflegefamilie oder in einer für Minderjährige geeigneten Einrichtung untergebracht werden. Bei Jugendlichen ab 16 Jahren erlaubt die Regelung unter bestimmten Umständen allerdings auch eine Unterbringung in Einrichtungen für erwachsene Asylbewerber.

Die Behörden sollen außerdem versuchen, Familienangehörige ausfindig zu machen, sofern dies mit der Sicherheit des Minderjährigen vereinbar ist. Geschwister sollen möglichst zusammenbleiben.

Bestehen Zweifel am Alter, kann eine medizinische Altersfeststellung vorgesehen werden. Eine Weigerung, sich einer solchen Untersuchung zu unterziehen, darf jedoch nicht alleiniger Grund für die Ablehnung eines Asylantrags sein.

Auch hier zeigt sich: Die geringe Zahl minderjähriger Migranten, die Gibraltar erreichen, lässt sich nicht einfach mit einer besonders abschreckenden Gesetzgebung erklären.

Gibraltar selbst kennt seine Grenzen

Dass der Felsen für größere Migrationsbewegungen kaum ausgelegt ist, hat die Regierung selbst bereits deutlich gemacht.

Als 2021 darüber spekuliert wurde, Großbritannien könnte Asylbewerber zur Bearbeitung ihrer Anträge nach Gibraltar bringen, wies die Regierung diese Möglichkeit zurück. Neben rechtlichen und verfassungsrechtlichen Fragen verwies Regierungschef Fabian Picardo ausdrücklich auf die geografischen Beschränkungen Gibraltars.

Bei einem Territorium von knapp sieben Quadratkilometern sind die Möglichkeiten naturgemäß begrenzt.

Warum also Spanien und nicht Gibraltar?

Eine einzelne, offiziell belegte Erklärung gibt es nicht. Vielmehr kommen mehrere Faktoren zusammen.

Die spanische Küste bietet sehr viel mehr mögliche Anlandepunkte. Auf dem Festland bestehen etablierte Migrations- und Verkehrswege, während Gibraltar ein extrem kleines Gebiet mit eigenen Polizei-, Grenz- und Einwanderungsbehörden ist.

Dokumentierte Fälle zeigen zudem, dass Migranten Gibraltar teilweise gar nicht als Endziel betrachteten, sondern anschließend Spanien und möglicherweise andere Teile Europas erreichen wollten.

Genau darin liegt das Paradoxe: Gibraltar liegt nur wenige Kilometer von Afrika entfernt und direkt an der Meerenge, die seinen Namen trägt – trotzdem führen die wichtigsten Migrationsbewegungen weitgehend am Felsen vorbei.

Geografisch wirkt Gibraltar wie eines der naheliegendsten Tore nach Europa. In der Realität ist für viele Migranten jedoch Spanien das wichtigere Ziel.

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