Über eine halbe Million lebender Lämmer werden aus Spanien exportiert, um ohne rechtliche Garantien oder veterinärmedizinische Aufsicht geschlachtet zu werden. Die Route zum Eid al-Adha offenbart die Schwächen der europäischen Tierschutzgesetze.
Redaktion Spanien Press
Jeden Sommer rollen Tausende Lastwagen über spanische Autobahnen, beladen mit Lämmern. Ihr Ziel: Mittelmeerhäfen wie Cartagena, Tarragona oder Almería. Von dort aus werden sie auf Schiffen nach Marokko, Algerien, Libyen oder Saudi-Arabien verschifft – lebend, dicht gedrängt, ohne effektiven Tierschutz. Ihr Schicksal ist klar: die rituelle Schlachtung ohne Betäubung im Rahmen des islamischen Opferfestes.
Für 2025 wird ein Export von über 500.000 Lämmern aus Spanien erwartet – ein Rekord. Die Tiere sind meist zwischen drei und sechs Monate alt. Jung, gesund, eigens für diesen Zweck gezüchtet.
Ein florierendes Geschäft
Der internationale Halal-Markt wächst rasant. Laut dem spanischen Landwirtschaftsministerium ist der Export lebender Tiere zwischen 2020 und 2024 um mehr als 40 % gestiegen. Rund um das Eid al-Adha explodieren die Preise. Ein Lamm kann in Spanien zwischen 120 und 200 Euro kosten – im Zielland wird es oft zum Doppelten oder Dreifachen verkauft.
Spanien hat sich neben Rumänien und Frankreich als einer der wichtigsten Lieferanten etabliert. Die größten Viehzuchtbetriebe befinden sich in Kastilien-La Mancha, Kastilien-León, Andalusien und Aragón.
Leid auf See: Transport ohne Kontrolle
Im Jahr 2023 veröffentlichte die NGO Equalia Aufnahmen vom Schiff Karim Allah. Darauf zu sehen: Lämmer mit offenen Wunden, dehydriert, mit Kot bedeckt, blutiger Urin. Einige starben bereits während der Überfahrt, andere erlitten Knochenbrüche durch die Enge und das ständige Schaukeln des Schiffs.
Die EU-Verordnung 1/2005 schreibt eigentlich Folgendes vor:
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Ständiger Zugang zu Wasser und Futter
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Angemessene Bewegungsfreiheit
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Kontrolle der Temperatur
In der Praxis jedoch fehlt jegliche wirksame Kontrolle auf hoher See. Und nach dem Verlassen der EU-Gewässer endet die europäische Zuständigkeit vollständig.
Das Eid al-Adha: Glaube und Gewalt?
Das Eid al-Adha ist eines der wichtigsten islamischen Feste. Es erinnert an die Bereitschaft Abrahams (Ibrahim), seinen Sohn zu opfern, und wird weltweit gefeiert. Schätzungen zufolge werden jedes Jahr Hunderte Millionen Tiere zu diesem Anlass geschlachtet.
In vielen muslimischen Haushalten gilt das Opfern eines Tieres als Akt der Frömmigkeit und Großzügigkeit – das Fleisch wird innerhalb der Familie, mit Nachbarn und Bedürftigen geteilt.
Doch es gibt auch innerhalb der islamischen Welt eine wachsende Debatte. Religiöse Führer, NGOs und junge Muslime hinterfragen, ob unnötiges Tierleid wirklich im Sinne des Glaubens ist.
Europa in der moralischen Zwickmühle
Mehrere EU-Länder haben das Schlachten ohne Betäubung bereits untersagt (darunter Belgien, Dänemark, Schweden). Auch in Spanien ist es nur unter Ausnahmegenehmigung in bestimmten Schlachthöfen erlaubt. Dennoch erlaubt Spanien faktisch den Export von Tieren, bei denen genau diese Praktiken im Zielland erlaubt sind.
Im Jahr 2021 forderte das Europäische Parlament ein Verbot des Lebendtierexports außerhalb der EU. Stattdessen solle der Export von kühlgelagertem oder gefrorenem Fleisch gefördert werden. Doch die Agrarlobby und der Druck der Importländer haben bisher alle Fortschritte blockiert.
„Es ist ein rechtlicher und moralischer Widerspruch. Was wir im Inland verbieten, sollten wir auch nicht ins Ausland exportieren“, so die niederländische EU-Abgeordnete Anja Hazekamp.
Welche Alternativen gibt es?
Tierschutzorganisationen und Experten schlagen mehrere Maßnahmen vor:
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Export von halal-zertifiziertem Fleisch mit Betäubung
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Internationale Abkommen zum Tierschutz bei Schlachtung
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Europäische Inspektoren an Häfen im Ausland
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Einführung eines ethischen Herkunftssiegels
Zudem entscheiden sich immer mehr gläubige Muslime für symbolische Opfer, Spenden oder den Kauf ethisch produzierter Halal-Fleischprodukte.
Was können Leserinnen und Leser tun?
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Politische Transparenz bei Tiertransporten einfordern
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Tierschutzkampagnen gegen Lebendtierexporte unterstützen
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Produkte mit zertifiziertem Tierschutz konsumieren
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Diese Realität sichtbar machen – damit das Leid nicht im Verborgenen bleibt
