Spaniens Adel heute: Zwischen großen Namen, alten Palästen und neuer Einflusskraft

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Eine Herzogin mit deutschem Namen, ein spanisches Adelshaus mit englischen Wurzeln, Paläste voller Kunst und eine junge Generation, die längst auch auf Instagram angekommen ist. Spaniens Adel hat seine alten Privilegien weitgehend verloren. Aber bedeutungslos? Ganz sicher nicht. Spanien Press hat sich diese erstaunlich lebendige Welt einmal genauer angesehen.

Redaktion Spanien Press

Wer in Madrid am Palacio de Liria vorbeigeht oder in Sevilla den Palacio de las Dueñas besucht, merkt schnell: Der spanische Adel existiert nicht nur in Geschichtsbüchern.

Die Häuser stehen noch. Die Familien gibt es noch. Die Kunst hängt teilweise seit Generationen an denselben Wänden. Und Namen wie Alba, Medinaceli, Osuna oder Híjar begegnen einem in Spanien bis heute.

Natürlich ist diese Welt nicht mehr die gleiche wie vor 300 Jahren.

Ein Herzog kann niemandem mehr etwas befehlen, weil er Herzog ist. Ein Graf besitzt keine politischen Sonderrechte. Und auch ein Grande de España steht vor dem Gesetz nicht über seinen Mitbürgern.

Aber daraus zu schließen, dass diese Namen heute überhaupt keine Rolle mehr spielen, wäre genauso falsch.

Denn Geschichte hinterlässt nicht nur Titel.

Sie hinterlässt manchmal Häuser, Land, Kunst, Bildung, Beziehungen – und Netzwerke, die über Generationen gewachsen sind.

Und gelegentlich auch einen ziemlich außergewöhnlichen Nachnamen.

Eine spanische Herzogin namens von Hohenlohe-Langenburg

Schon bei einer der bedeutendsten Familien Spaniens wartet die erste Überraschung.

Die heutige Herzogin von Medinaceli heißt Victoria Elisabeth von Hohenlohe-Langenburg.

Nicht gerade der Name, den man spontan an der Spitze eines der traditionsreichsten spanischen Adelshäuser erwarten würde.

Für deutsche Leser wird es noch interessanter: Ihr väterlicher Familienname führt zum alten deutschen Fürstenhaus Hohenlohe-Langenburg.

Mit anderen Worten: An der Spitze einer der großen historischen Dynastien Spaniens steht heute eine Frau mit einem klassischen Namen des deutschen Hochadels.

Bei Alba wird die Geschichte nicht weniger international.

Der heutige Herzog von Alba heißt Carlos Fitz-James Stuart y Martínez de Irujo.

Auch Fitz-James Stuart klingt eher nach London als nach Madrid.

Und tatsächlich führt die Spur nach England.

Der Titel Duke of Berwick wurde im 17. Jahrhundert für James FitzJames, einen unehelichen Sohn von König Jakob II. von England, geschaffen. Seine Nachkommen gelangten nach Spanien und die Geschichte der Berwicks verband sich schließlich mit der des Hauses Alba.

Deshalb heißt der heutige Herzog von Alba Fitz-James Stuart.

Spanischer Hochadel war eben schon europäisch, lange bevor jemand von der Europäischen Union sprach.

Über Jahrhunderte heirateten spanische Familien in deutsche, britische, französische oder italienische Dynastien ein. Titel, Namen und Vermögen wanderten dabei quer durch Europa.

Wer steht eigentlich ganz oben?

Wer versucht, die spanische Adelshierarchie zum ersten Mal zu verstehen, kann leicht den Überblick verlieren.

Vereinfacht lautet die traditionelle Reihenfolge:

Duque – Marqués – Conde – Vizconde – Barón.

Also Herzog, Marquis, Graf, Vizegraf und Baron.

Man könnte deshalb meinen, der Herzog stehe automatisch ganz oben.

Fast.

Denn dann taucht ein Begriff auf, den Ausländer häufig überhaupt nicht kennen:

Grande de España.

Die Grandeza de España ist keine einfache zusätzliche Stufe zwischen zwei Adelstiteln, sondern eine besondere historische Würde. Sie gilt traditionell als höchste Würde innerhalb des spanischen Adels.

Und genau deshalb wird es kompliziert.

Ein Herzog kann Grande de España sein. Aber auch ein Marquis oder ein Graf kann diese Würde besitzen.

Zu den berühmtesten historischen Häusern und Titeln dieser Welt gehören Alba, Medinaceli, Infantado, Osuna, Híjar, Frías, Fernán Núñez, Villahermosa und Arcos.

Hinzu kommen zahlreiche weitere Herzogtümer, Marquisate und Grafschaften mit Grandeza.

Diese Namen ziehen sich durch die Geschichte Spaniens.

Die Mendozas und das Infantado. Die Osunas, die sogar von Goya porträtiert wurden. Die Fernández de Velasco und das Herzogtum Frías. Alba, Medinaceli, Híjar.

Vor Jahrhunderten bedeuteten solche Namen tatsächliche politische Macht.

Heute sieht das anders aus.

Keine Privilegien mehr – aber wirklich keine Vorteile?

Juristisch ist die Sache ziemlich eindeutig.

Ein Adelstitel verschafft im heutigen Spanien keine besondere politische Macht. Ein Grande de España besitzt keine zusätzliche Stimme bei einer Wahl, zahlt nicht weniger Steuern, weil er Grande ist, und ein Herzog kann aus seinem Titel keine Herrschaftsrechte ableiten.

Die alten Privilegien sind weitgehend Geschichte.

Aber hier wird es interessant.

Denn gesetzliche Privilegien zu verlieren bedeutet nicht automatisch, alles zu verlieren, was Generationen von Privilegien hinterlassen haben.

Viele dieser Familien hatten über Jahrhunderte Zugang zu hervorragender Bildung, zum Königshof, zur Diplomatie, zum Militär, zu Unternehmen und zu internationalen gesellschaftlichen Kreisen.

Solche Netzwerke verschwinden nicht einfach mit einer Gesetzesänderung.

Und dann ist da natürlich noch das Vermögen.

Nicht jeder spanische Aristokrat ist reich. Das sollte man ausdrücklich sagen.

Manche alten Familien haben große Teile ihres Besitzes verloren. Vermögen wurden aufgeteilt, Häuser verkauft, Erbschaften geteilt und Steuern bezahlt. Der Unterhalt eines riesigen historischen Palastes kann außerdem eher ein finanzielles Problem als ein Luxus sein.

Andere Familien haben dagegen erstaunlich viel bewahrt.

Beim Haus Alba gehören dazu einige der bekanntesten aristokratischen Residenzen Spaniens, darunter der Palacio de Liria in Madrid und der Palacio de las Dueñas in Sevilla, dazu Archive, historische Möbel und eine bedeutende Kunstsammlung.

In solchen Häusern ist Geschichte nicht abstrakt.

Sie hängt an den Wänden.

Und genau hier liegt vielleicht der Unterschied zwischen einem Adelstitel und dem, was tatsächlich dahintersteht.

Ein Titel allein macht heute niemanden mächtig.

Aber ein bekannter Name, eine ausgezeichnete Ausbildung, ein internationales Netzwerk und möglicherweise ein über Generationen aufgebautes Vermögen können natürlich Türen öffnen.

Das gilt übrigens nicht nur für Aristokraten.

Beim Adel kann dieses gesellschaftliche Kapital allerdings mehrere Jahrhunderte alt sein.

Warum ist Leonor Prinzessin und Sofía nur Infantin?

Dann gibt es noch die spanische Königsfamilie – und eine Frage, die gerade Ausländer regelmäßig verwirrt.

König Felipe VI. hat zwei Töchter.

Warum ist die eine Prinzessin und die andere nicht?

Leonor ist Princesa de Asturias, Prinzessin von Asturien.

Ihre Schwester Sofía ist dagegen Infanta de España, Infantin von Spanien.

Das hat nichts damit zu tun, dass Leonor die „wichtigere“ Tochter wäre.

Der Titel Prinz oder Prinzessin von Asturien gehört dem Thronfolger beziehungsweise der Thronfolgerin.

Leonor ist die derzeitige Thronfolgerin. Deshalb ist sie Prinzessin von Asturien.

Sofía ist ebenfalls Tochter des Königs, aber nicht die derzeitige Thronfolgerin. Deshalb ist sie Infantin von Spanien.

Das erklärt auch, warum Elena und Cristina, die Schwestern von Felipe VI., Infantinnen und keine Prinzessinnen von Spanien sind.

Das Wort klingt für deutsche Ohren etwas merkwürdig, ist aber eine traditionelle spanische Würde.

Und dann kommt die nächste Überraschung.

Die Kinder einer Infantin werden nicht automatisch ebenfalls Infanten.

Deshalb sind etwa Victoria Federica und Felipe Juan Froilán, die Kinder der Infantin Elena, weder Prinzessin und Prinz noch Infantin und Infant.

Nach den spanischen Bestimmungen haben die Kinder von Infanten jedoch die consideración de Grandes de Españaund das Prädikat „Excelencia“.

Und plötzlich sind wir wieder bei den Grandes de España angekommen.

Titel werden tatsächlich noch heute vererbt

Auch das ist für viele überraschend.

Diese Titel stehen nicht nur in alten Büchern.

Wenn ein Titelträger stirbt, kann die Nachfolge offiziell beantragt werden. Die entsprechenden Verfahren erscheinen weiterhin im spanischen Staatsanzeiger, dem Boletín Oficial del Estado.

Der Adel hat sich allerdings ebenfalls verändert.

Seit 2006 gilt bei der Nachfolge in spanische Adelstitel grundsätzlich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen.

Der jüngere Bruder kann die ältere Schwester also nicht mehr allein deshalb überholen, weil er männlich ist.

Ein jahrhundertealtes System hat sich damit zumindest in diesem Punkt ziemlich deutlich modernisiert.

Beltrán, Rodrigo, Jacobo, Casilda und Mencía – sogar die Namen klingen anders

Und dann gibt es noch eine kleine Eigenheit, die jedem auffällt, der regelmäßig spanische Gesellschaftsmagazine liest.

Die Vornamen.

Natürlich gibt es keine offiziellen „Adelsnamen“.

Und selbstverständlich stammt nicht jeder Rodrigo oder jede Jimena aus einer aristokratischen Familie.

Trotzdem begegnen einem in bestimmten alten Familien immer wieder Namen, die im normalen spanischen Alltag deutlich weniger häufig wirken.

Bei den Männern:

Beltrán, Rodrigo, Jacobo, Íñigo, Álvaro, Gonzalo, Alonso, Pelayo, Tristán oder Luis.

Bei den Frauen:

Casilda, Mencía, Jimena, Cayetana, Inés, Beatriz, Blanca oder Constanza.

Wer ein paar Ausgaben der spanischen Gesellschaftspresse hintereinander liest, könnte gelegentlich tatsächlich glauben, halb Madrid bestehe aus Männern namens Beltrán und Íñigo und Frauen namens Casilda und Mencía.

Natürlich mit einem Augenzwinkern.

Aber dahinter steckt durchaus Tradition.

In alten Familien werden Namen von Großeltern, Urgroßeltern, Taufpaten und historischen Vorfahren gerne über Generationen weitergegeben.

So entstehen regelrechte Namensketten.

Ein besonders bekanntes Beispiel ist Cayetana.

In Spanien ist der Name untrennbar mit Cayetana Fitz-James Stuart, der legendären Herzogin von Alba, verbunden.

Und irgendwie passt es zu dieser Welt.

Es werden eben nicht nur Häuser, Bilder und Titel weitergegeben.

Manchmal wird auch ein Rodrigo, ein Beltrán, eine Casilda oder eine Mencía vererbt.

Vom Palacio zu Instagram

Und damit kommen wir zur vielleicht erstaunlichsten Entwicklung.

Ein Teil der jüngeren Generation hat etwas entdeckt, das ihre Ururgroßeltern vermutlich ziemlich ratlos gemacht hätte:

Instagram.

Einige Mitglieder und Nachkommen bekannter Familien tauchen heute nicht mehr wegen eines Hofamtes oder einer diplomatischen Funktion in der Öffentlichkeit auf, sondern wegen Mode, Schmuck, Kunst, Interior Design, Reisen oder Lifestyle.

Ein bekanntes Beispiel ist Victoria Federica de Marichalar, Enkelin von König Juan Carlos I. und Tochter der Infantin Elena.

Sie hat inzwischen eine erhebliche Präsenz in der spanischen Mode- und Lifestylewelt.

Auch Casilda Finat verbindet einen traditionsreichen familiären Hintergrund mit modernem Unternehmertum und hat eine eigene Schmuckmarke aufgebaut.

Andere Angehörige alter Familien beschäftigen sich mit Kunst, Design, Landwirtschaft, Hotellerie oder der Verwaltung historischer Familienbesitze.

Und dabei passiert etwas Faszinierendes:

Der alte Name wird selbst zur Marke.

Plötzlich interessieren sich Menschen dafür, wie diese Familien wohnen, welche Antiquitäten sie besitzen, wie sie einen Tisch decken, welche Häuser sie restaurieren oder wie sie alte Möbel mit moderner Kunst kombinieren.

Dabei geht es erstaunlich oft gar nicht um protzigen Luxus.

Im Gegenteil.

Was viele fasziniert, ist eine bestimmte Vorstellung von gutem Geschmack, Tradition und kultivierter Selbstverständlichkeit.

Ein Tisch, der schon bei den Großeltern stand.

Ein Bild, das nicht passend zum Sofa gekauft wurde, sondern seit 150 Jahren in der Familie hängt.

Ein Haus, dessen Einrichtung nicht in einer Saison entstanden ist, sondern über mehrere Generationen.

Genau diese Ästhetik funktioniert heute erstaunlich gut in sozialen Medien.

Natürlich ist deshalb nicht plötzlich der gesamte spanische Adel Influencer geworden.

Viele Familien leben ausgesprochen diskret und meiden die Öffentlichkeit.

Aber ein sichtbarer Teil der jüngeren Generation hat verstanden, dass man gesellschaftliches Kapital heute auch in mediale Reichweite verwandeln kann.

Wie mächtig ist Spaniens Adel also noch?

Vielleicht ist „mächtig“ inzwischen das falsche Wort.

Ein Herzog kann keine Gesetze bestimmen, weil er Herzog ist.

Ein Grande de España besitzt keine besonderen politischen Rechte.

Und ein berühmter Nachname garantiert weder Intelligenz noch beruflichen Erfolg.

Aber genauso unrealistisch wäre es, so zu tun, als würde Herkunft überhaupt keine Rolle spielen.

Wer mit einem bekannten Namen, einer ausgezeichneten Ausbildung, internationalen Kontakten, gesellschaftlichen Netzwerken und möglicherweise noch einem über Generationen aufgebauten Vermögen ins Leben startet, beginnt nicht unbedingt bei null.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Geschichte des spanischen Adels im 21. Jahrhundert.

Die gesetzlichen Privilegien sind weitgehend verschwunden. Das gesellschaftliche Kapital ist teilweise geblieben.

Und manchmal hat es einfach seine Form verändert.

Früher öffnete ein großer Name die Türen des Königshofes.

Heute öffnet er vielleicht die Tür zu einem Unternehmen, einer Modemarke, einem Magazin – oder zu Hunderttausenden Followern.

Alba, Medinaceli, Berwick, Hohenlohe: Hinter diesen Namen steckt deshalb weit mehr als spanische Nostalgie.

Sie erzählen von einer europäischen Welt, in der Familien seit Jahrhunderten über Ländergrenzen hinweg heirateten, Titel erbten, Vermögen verloren oder bewahrten und sich immer wieder an neue Zeiten anpassten.

Der spanische Adel hat einen großen Teil seiner alten Macht verloren.

Seine Faszination ganz offensichtlich nicht.

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