16. August 2026
Lesezeit 6 Minuten

Zur Miete in der Stadt, das Eigenheim auf dem Land: Ein neues Modell für Spaniens Jugend

Endlich aus dem Fenster des eigenen Hauses schauen. Keine Bars, keine Restaurants, keine großen Wohnblocks – aber dafür etwas, das endlich einem selbst gehört.

Ein kleines Apartment, ein Studio oder sogar nur ein Zimmer in Madrid, Barcelona, Málaga oder Valencia – und gleichzeitig ein eigenes Haus irgendwo in einem spanischen Dorf. Was zunächst widersprüchlich klingt, wird für manche junge Spanier zu einer interessanten Alternative in Zeiten hoher Mieten und kaum noch erschwinglicher Immobilienpreise.

Redaktion Spanien Press

Denn es geht keineswegs immer darum, der Stadt den Rücken zu kehren.

Dort befinden sich weiterhin der Arbeitsplatz, die Universität, Freunde, Restaurants, Nachtleben und all das, was man unter der Woche benötigt. Also wird in der Stadt gemietet – und manchmal auf ziemlich wenigen Quadratmetern gelebt.

Das Geld für Eigentum wird dagegen dort investiert, wo Eigentum noch bezahlbar ist: auf dem Land.

Und plötzlich taucht die sogenannte „España vaciada“, das entvölkerte Spanien, auf einer Landkarte auf, auf der viele junge Menschen bislang überhaupt nicht gesucht hatten.

Die Stadt wird gemietet – gekauft wird im Dorf

Der Unterschied ist entscheidend.

Es handelt sich nicht zwangsläufig um eine große Rückkehr aufs Land. Ein junger Mensch kann weiterhin von Montag bis Freitag in Madrid, Málaga oder Valencia arbeiten und dort lediglich den Wohnraum mieten, den er tatsächlich benötigt: ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, ein Studio oder eine kleine Wohnung.

Doch beim Sparen und Investieren stellt sich eine andere Frage: Warum versuchen, irgendwann eine kaum finanzierbare Stadtwohnung zu kaufen, wenn es in manchen Regionen Spaniens noch ganze Häuser für einen Bruchteil des Preises gibt?

Das Dorfhaus wird zum zweiten Lebensmittelpunkt.

Freitagabend fährt man hin. Dort stehen die eigenen Möbel, Bücher und persönlichen Dinge. Man renoviert, dekoriert und gestaltet die Räume nach dem eigenen Geschmack.

Im Sommer bleibt man vielleicht mehrere Wochen. Wer online arbeiten kann, verlängert den Aufenthalt um einige Tage oder verbringt gleich eine längere Zeit dort.

Irgendwann könnte daraus sogar ein Hauptwohnsitz werden. Aber das muss gar nicht das Ziel sein.

Endlich ein Ort, der wirklich einem selbst gehört

Genau hier liegt einer der emotionalsten Aspekte dieses Modells. Ein WG-Zimmer in Madrid oder ein kleines Mietstudio in Málaga erfüllt zunächst einen praktischen Zweck: Man braucht es, um dort zu sein, wo Arbeit, Studium und Alltag stattfinden.

Das Haus im Dorf erfüllt etwas anderes. Es gehört einem selbst. Niemand entscheidet, ob eine Wand gestrichen werden darf. Die Möbel müssen beim nächsten Mietvertrag nicht wieder umziehen. Die Bücher bleiben im Regal. In der Küche steht das eigene Geschirr.

Man kann Freunde einladen, einen Innenhof bepflanzen, alte Fliesen restaurieren oder jahrelang Stück für Stück an der Renovierung arbeiten.

Am Freitag öffnet man die Haustür – und alles ist noch genauso, wie man es am Sonntag verlassen hat. Es ist nicht nur eine Immobilie. Es ist die eigene Immobilie.

Instagram entdeckt das alte Dorfhaus

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in den sozialen Medien.

Auf Instagram und TikTok ist die Renovierung alter Häuser inzwischen fast zu einem eigenen Genre geworden.

Junge Menschen und Familien zeigen Häuser, die jahrelang geschlossen waren. Sie entfernen alte Verkleidungen, entdecken ursprüngliche Böden, restaurieren Holzbalken, retten Möbel der Großeltern und verwandeln verlassene Räume wieder in ein Zuhause.

Die Videos beginnen häufig mit einem Haus, bei dem man sich fragt, wer sich freiwillig auf eine solche Renovierung einlassen würde.

Einige Monate später möchte man am liebsten selbst einziehen.

Accounts und Projekte wie @ro_meiry zeigen beispielsweise die Wiederherstellung eines alten Steinhauses in Galicien. Rocío Meiriño und ihr Partner machten aus der Renovierung eines stark heruntergekommenen Hauses ein Projekt, das in den sozialen Medien ein großes Publikum erreichte.

Auch @casadepueblo dokumentiert die Wiederbelebung eines historischen Hauses in Used in der Provinz Zaragoza. Dabei geht es nicht nur um Wände und Dächer: Alte Möbel, Keramik, Textilien und andere Gegenstände werden gerettet und Teil der neuen Geschichte des Hauses.

Bei @lacorraladegumiel wiederum steht die Verbindung zur eigenen Familiengeschichte im Mittelpunkt. Bea und ihr Mann widmeten sich einem Haus, das mit ihrer Urgroßmutter und Großmutter verbunden ist.

Weitere Accounts wie @una_casita_en_la_montana, @martahouse_s oder @reformando_micasa zeigen ebenfalls, wie traditionelle Häuser restauriert und an ein modernes Leben angepasst werden.

Genau diese Geschichten verändern auch die Wahrnehmung des klassischen spanischen Dorfhauses.

Was früher nach Großeltern, alten Möbeln und vergangenen Sommerferien aussah, wirkt in den sozialen Medien plötzlich erstaunlich attraktiv.

Irene kaufte ihr Haus für 9.000 Euro

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die junge Valencianerin Irene Vila.

Für lediglich 9.000 Euro kaufte sie ein altes zweistöckiges Haus mit Innenhof in einem kleinen Ort in der Serranía de Cuenca – in jener Gegend, mit der sie durch ihre Großmutter verbunden ist.

Heute dokumentiert sie in den sozialen Medien, wie sie das lange geschlossene Haus Stück für Stück wieder zum Leben erweckt.

Dabei zeigt sie auch die weniger romantische Seite eines solchen Projekts. Eine alte Immobilie zu renovieren bedeutet Arbeit. Handwerker sind in abgelegenen Regionen nicht immer einfach zu finden, Materialien kosten Geld und hinter einer alten Wand kann durchaus die nächste Überraschung warten.

Trotzdem besitzt sie etwas, das für viele Gleichaltrige in einer spanischen Großstadt kaum erreichbar wäre:

ein eigenes Haus.

 

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Wenn das Haus der Großmutter wieder interessant wird

Besonders stark ist dieser Effekt, wenn bereits eine familiäre Verbindung zum Ort besteht.

Millionen Spanier haben Eltern oder Großeltern, die ursprünglich aus einem Dorf stammen.

Die ältere Generation zog für Arbeit und bessere Möglichkeiten in die Städte. Das Dorf blieb der Ort der Sommerferien, Familienfeste und Wochenenden.

Für einen Teil der Enkelgeneration bekommt diese Verbindung heute eine neue Bedeutung.

Auch bekannte Persönlichkeiten haben begonnen, solche Projekte öffentlich zu zeigen. Violeta Magriñán kaufte beispielsweise ein altes Haus in Aín in Castellón, dem Dorf ihrer Großmutter, und begann mit dessen umfassender Renovierung.

Die Geschichte dahinter ist emotional und gleichzeitig sehr zeitgemäß:

Das Dorf gehört zur eigenen Vergangenheit – warum sollte es nicht auch Teil der Zukunft sein?

Von der alten Casona bis zum kleinen Steinhaus

Und es muss keineswegs immer das kleine Häuschen sein.

In Orten wie Zafra in der Extremadura und in zahlreichen Gemeinden Andalusiens, Kastilien-La Manchas, Galiciens oder Kastilien und Leóns stehen noch große traditionelle Häuser, teilweise mit Innenhöfen, hohen Decken, alten Fliesen und mehreren hundert Quadratmetern Fläche.

Teresa Furquet hat gemeinsam mit ihrem Partner einen kleinen Palast im historischen Zentrum von Zafra gekauft.

 

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Viele benötigen erhebliche Investitionen.

Aber genau solche Häuser wären in historischen Vierteln von Madrid, Sevilla oder Málaga für junge Käufer vollkommen unerreichbar.

Auf dem Land können sie – je nach Ort, Größe und Zustand – noch zu Preisen angeboten werden, die eine völlig andere Rechnung ermöglichen.

Das vermeintliche Schnäppchen bleibt natürlich nur dann eines, wenn die Kosten der Renovierung realistisch kalkuliert werden. Ein neues Dach, Elektrik, Sanitäranlagen oder Feuchtigkeitsprobleme können schnell teuer werden.

Doch gerade die Renovierung ist für viele Besitzer inzwischen Teil des Projekts.

Aus der Renovierung wird ein Lebensprojekt

Vielleicht erklärt genau das den Erfolg dieser Instagram-Accounts.

Es geht nicht darum, eine fertige Immobilie zu kaufen und anschließend einfach den Schlüssel umzudrehen.

Das Haus verändert sich gemeinsam mit seinen Besitzern.

Dieses Jahr wird die Küche gemacht. Nächstes Jahr vielleicht das Badezimmer. Danach kommt der Innenhof.

Ein alter Schrank wird abgeschliffen. Unter einem modernen Boden kommen plötzlich jahrzehntealte Fliesen zum Vorschein. Eine Wand wird geöffnet und dahinter erscheint Naturstein.

Jedes Wochenende entsteht ein kleines Stück mehr Zuhause.

Das Ergebnis muss nicht sofort perfekt sein.

Es muss einem selbst gehören.

Der enorme Preisunterschied

Hinter all der Romantik steht allerdings eine ziemlich nüchterne wirtschaftliche Realität.

Wohneigentum in den urbanen Gebieten Spaniens kostet erheblich mehr als in vielen ländlichen Regionen. In besonders günstigen Gemeinden der sogenannten „España vaciada“ werden Häuser teilweise noch zu Quadratmeterpreisen angeboten, die in den großen Städten längst unvorstellbar sind.

Natürlich sind Madrid und ein kleines Dorf in Cuenca wirtschaftlich nicht miteinander vergleichbar.

Arbeitsmarkt, Verkehrsanbindung, Schulen, medizinische Versorgung, Geschäfte und Dienstleistungen unterscheiden sich teilweise fundamental.

Doch für jemanden, der seinen Arbeitsplatz in der Stadt behält, stellt sich eine andere Rechnung.

Er muss nicht zwischen Stadt oder Dorf wählen.

Er kann beides miteinander kombinieren.

Montag Stadt, Freitag das eigene Haus

Vielleicht ist genau das die modernste Seite dieser Entwicklung.

Montagmorgen: Stadt.

Arbeit, Universität, Metro, Freunde, Termine.

Eine kleine Mietwohnung oder ein Zimmer reicht dafür vielleicht aus.

Freitagabend: Dorf.

Man steigt ins Auto oder in den Zug und fährt nicht in ein Hotel, nicht in eine Ferienwohnung und auch nicht zu den Eltern.

Man fährt ins eigene Haus.

Dort stehen die eigenen Sachen. Dort wartet vielleicht eine halbfertige Küche, ein alter Innenhof oder das nächste Renovierungsprojekt.

Dort können Freunde übers Wochenende bleiben.

Und wer online arbeiten kann, bleibt am Montag vielleicht einfach noch einen Tag länger.

Die „España vaciada“ ist deshalb noch lange nicht gerettet

Natürlich sollte man daraus keine große Rückkehrbewegung aufs Land konstruieren.

Die strukturellen Probleme vieler spanischer Dörfer bleiben bestehen: fehlende Arbeitsplätze, schlechte Verkehrsanbindungen, medizinische Versorgung, Schulen, Geschäfte und andere Dienstleistungen.

Auch einige erfolgreiche Instagram-Accounts werden die jahrzehntelange Entvölkerung des spanischen Hinterlandes nicht umkehren.

Aber etwas anderes verändert sich möglicherweise: das Image des Dorfes.

Das alte Haus wird nicht mehr zwangsläufig als Belastung betrachtet.

Es kann eine Investition sein. Ein Wochenendhaus. Ein Familienprojekt. Ein Platz für Homeoffice. Ein zukünftiger Hauptwohnsitz.

Oder einfach der erste Ort im Leben, an dem man sagen kann:

Das hier gehört mir.

Die spanischen Dörfer haben ihren besonderen Charme schließlich nie verloren.

Vielleicht musste nur eine Generation kommen, für die 40 Quadratmeter in der Großstadt unbezahlbar geworden sind, um ihn wiederzuentdecken.

1 Comment Eine Antwort hinterlassen

  1. Eine grandiose Idee. Kenne mehrere, die das so praktizieren. Eine familiäre Anbindung an eine ländliche Region ist dazu noch von großem Vorteil. Allerdings funktioniert das langfristig nur, wenn weiterhin Mobilität garantiert und gesichert ist.

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