Andere Länder, andere Sprichwörter: Was Spanier sagen – und Deutsche manchmal nicht verstehen

Die Spanier gehören zu den geselligsten Gesellschaften der Welt, und die spanische Sprache zählt zu den reichsten an Sprichwörtern, Redewendungen, festen Wendungen und bildhaften Ausdrücken.

Spanien lässt sich nicht nur über seine Gastronomie, seine Feste, Städte und Traditionen verstehen. Wer wirklich begreifen möchte, wie Spanier denken und miteinander kommunizieren, sollte auch einen Blick auf den spanischen Sprichwortschatz werfen.

Redaktion Spanien Press

Diese kurzen Weisheiten werden seit Generationen weitergegeben und tauchen bis heute ganz selbstverständlich im Alltag auf. Für Ausländer, die Spanisch lernen, können sie allerdings zur kleinen Herausforderung werden: Man versteht jedes einzelne Wort – und trotzdem ergibt der Satz zunächst überhaupt keinen Sinn.

Und eine wörtliche Übersetzung ins Deutsche oder Englische macht die Sache manchmal nur noch kurioser.

Denn wenn ein Spanier sagt „En boca cerrada no entran moscas“ – „In einen geschlossenen Mund fliegen keine Fliegen“, macht er sich selbstverständlich keine Sorgen um Insekten.

„Obras son amores y no buenas razones“

Wörtlich etwa: „Taten sind Liebe, nicht schöne Worte.“

Dieses alte spanische Sprichwort bringt eine ziemlich universelle Lebensweisheit auf den Punkt: Zuneigung, Freundschaft, Loyalität und gute Absichten beweist man durch das, was man tut – und nicht durch das, was man verspricht.

Im Deutschen kommt „Taten sagen mehr als Worte“ der Bedeutung sehr nahe. Trotzdem geht bei der Übersetzung die schöne spanische Verbindung zwischen obras – den Taten – und amores – der Liebe – verloren.

„Haz bien y no mires a quién“

„Tue Gutes und frage nicht, wem.“

Die Botschaft ist einfach: Man sollte Gutes tun, ohne vorher zu überlegen, wer davon profitiert, ob die Person es verdient oder ob man selbst irgendwann etwas dafür zurückbekommt.

Nur wenige Worte – und trotzdem eine ganze kleine Philosophie über Großzügigkeit.

„En boca cerrada no entran moscas“

Eines der schönsten Beispiele dafür, warum man spanische Sprichwörter besser nicht Wort für Wort übersetzen sollte:

„In einen geschlossenen Mund fliegen keine Fliegen.“

Gemeint sind natürlich nicht die Fliegen.

Der Satz bedeutet vielmehr, dass es manchmal klüger ist, einfach zu schweigen, anstatt zu viel zu reden und am Ende etwas Unpassendes, Indiskretes oder möglicherweise Schädliches zu sagen.

Im Deutschen trifft „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ den Gedanken recht gut.

Nur die Fliegen fehlen.

„Nunca es tarde si la dicha es buena“

„Es ist niemals zu spät, wenn das Glück gut ist.“

So ungefähr würde eine wörtliche Übersetzung lauten – und genau dabei merkt man, wie schwer sich manche spanischen Redewendungen übertragen lassen.

Das Sprichwort verwendet man, wenn etwas Schönes später eintritt als erwartet: eine Liebe, eine berufliche Chance, eine Versöhnung, eine Reise oder etwas, worauf man lange gewartet hat.

Entscheidend ist nicht, wie lange es gedauert hat, sondern dass es schließlich passiert ist.

Das deutsche „Besser spät als nie“ kommt der Bedeutung sehr nahe. Allerdings fehlt dabei ein besonders schöner Aspekt des spanischen Originals: Es heißt nicht einfach nur, dass spät besser als nie sei, sondern dass sich das Warten lohnt, wenn am Ende etwas Gutes dabei herauskommt.

„Más vale pájaro en mano que ciento volando“

„Besser ein Vogel in der Hand als hundert, die herumfliegen.“

Der Spanier empfiehlt damit, etwas Sicheres zu schätzen, anstatt es für eine möglicherweise größere, aber unsichere Chance aufs Spiel zu setzen.

Hier besitzt das Deutsche sogar einen erstaunlich ähnlichen Klassiker:

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“

Die Spanier sind allerdings großzügiger: Bei ihnen fliegen gleich hundert Vögel davon.

„A quien madruga, Dios le ayuda“

„Wer früh aufsteht, dem hilft Gott.“

Ein Klassiker spanischer Eltern und Großeltern – insbesondere dann, wenn jemand morgens partout nicht aus dem Bett kommen möchte.

Das Sprichwort lobt Eigeninitiative, Fleiß und die Vorstellung, dass diejenigen bessere Chancen haben, die früh anfangen und ihre Möglichkeiten nutzen.

Das deutsche „Morgenstund hat Gold im Mund“ vermittelt einen sehr ähnlichen Gedanken.

Andere Sprache, anderes Bild – gleiche Botschaft: Aufstehen und loslegen.

„No hay mal que por bien no venga“

Man verliert einen Job, eine Beziehung geht auseinander oder ein Plan scheitert – und einige Zeit später stellt sich heraus, dass genau daraus etwas Neues und vielleicht sogar Besseres entstanden ist.

Dann sagt man in Spanien:

„No hay mal que por bien no venga.“

Sinngemäß: „Nichts Schlechtes geschieht, ohne dass daraus auch etwas Gutes entstehen kann.“

Das Sprichwort beschreibt die Hoffnung, dass selbst negative Erfahrungen positive Folgen haben können, die wir im betreffenden Moment noch gar nicht erkennen.

„Dime con quién andas y te diré quién eres“

„Sag mir, mit wem du Umgang hast, und ich sage dir, wer du bist.“

Dieses Sprichwort geht davon aus, dass unser Umfeld viel über uns selbst verrät.

Es kann als Lebensweisheit, Warnung oder durchaus auch als elterlicher Kommentar verwendet werden, wenn Mutter oder Vater von den neuen Freunden des Nachwuchses nicht gerade begeistert sind.

Und vermutlich wird es in Spanien seit Generationen genau dafür benutzt.

Viel mehr als nur alte Sprüche

Spanische Sprichwörter sind kleine Zeitkapseln der Kultur. Sie erzählen von Arbeit und Liebe, Vorsicht und Freundschaft, Geduld, Glück und menschlichem Verhalten.

Einige besitzen erstaunlich ähnliche Entsprechungen in anderen europäischen Sprachen. Andere sind so typisch spanisch formuliert, dass eine wörtliche Übersetzung beinahe komisch wirkt.

Und genau darin liegt ihr Charme.

Spanisch zu lernen bedeutet eben auch zu entdecken, dass Fliegen etwas mit Schweigen zu tun haben können, hundert fliegende Vögel manchmal weniger wert sind als ein einziger in der Hand – und Taten sogar ein Beweis der Liebe sein können.

Denn eine Sprache lernt man nicht nur durch Vokabeln und Grammatik.

Manchmal versteht man ein Land erst dann wirklich, wenn man weiß, was schon seine Großeltern zu sagen pflegten.

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