Ceuta versucht nach einer der schwersten Migrationskrisen der vergangenen Jahre langsam zur Normalität zurückzukehren. Doch die Bilanz ist dramatisch: Mindestens 72 Menschen sind nach spanischen Angaben ums Leben gekommen, Zehntausende Migranten haben die spanische Exklave erreicht oder bereits wieder verlassen und noch immer halten sich zahlreiche Menschen an verschiedenen Orten der Stadt auf. Gleichzeitig wächst der politische Druck auf Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. 22 EU-Staaten fordern eine dringende europäische Reaktion und stellen inzwischen auch die spanische Migrationspolitik offen infrage.
Redaktion Spanien Press
Ceuta versucht zur Normalität zurückzukehren
Drei Tage nach dem massiven Zustrom aus Marokko öffnen in Ceuta wieder die meisten Geschäfte. Die Bewohner kehren langsam in ihren Alltag zurück. Von echter Normalität kann allerdings noch keine Rede sein.
Polizei, Guardia Civil und Militär sind weiterhin massiv präsent. Insgesamt sind nach Angaben der Behörden fast 3.000 Sicherheitskräfte und Soldaten im Einsatz. Sie sollen so lange in Ceuta bleiben, wie es die Situation erfordert.
Gleichzeitig bleibt unklar, wie viele Migranten sich tatsächlich noch in der spanischen Exklave befinden.
73.500 Menschen sollen bereits nach Marokko zurückgekehrt sein
Die spanischen Sicherheitsbehörden beziffern die Zahl der Ausreisen beziehungsweise Rückkehrbewegungen nach Marokko inzwischen auf rund 73.500 Personen.
Diese Zahl sorgt allerdings für Fragen. Sie liegt sogar über einigen der zunächst genannten Schätzungen von 50.000 bis 60.000 Menschen, die während des Massenansturms nach Ceuta gelangt sein sollen.
Die Behörden weisen deshalb darauf hin, dass die Zahlen noch nicht als endgültige Bilanz verstanden werden können.
Marokko wiederum hat eingeräumt, dass sich rund 40.000 Menschen auf den Weg in Richtung der Grenze zu Ceuta gemacht hatten.
Mindestens 72 Tote – das ganze Ausmaß der Tragödie ist noch unklar
Besonders erschütternd ist die Zahl der Todesopfer.
Nach Angaben der spanischen Behörden sind bislang mindestens 72 Menschen ums Leben gekommen, viele von ihnen bei dem Versuch, schwimmend spanisches Territorium zu erreichen.
Auch auf marokkanischer Seite wurden Todesfälle bestätigt. Dort ist bislang von weiteren elf Opfern die Rede.
Die tatsächliche Zahl könnte noch steigen. Unterschiedliche Angaben spanischer und marokkanischer Behörden sowie weitere geborgene Leichen machen eine endgültige Bilanz derzeit schwierig.
Damit zeichnet sich bereits jetzt eine der schwersten Migrationskatastrophen an der spanischen Grenze der vergangenen Jahre ab.
Migranten verstecken sich in Bergen und verlassenen Anlagen
Obwohl Zehntausende Menschen inzwischen nach Marokko zurückgekehrt sein sollen, ist die Krise innerhalb Ceutas keineswegs beendet.
Sicherheitskräfte suchen weiterhin nach Migranten, die sich über die gesamte Stadt verteilt haben. Medienberichte und Aussagen aus Ceuta sprechen von mehreren Hundert Menschen, die sich unter anderem in den Bergen, alten Festungsanlagen und schwer zugänglichen Gebieten versteckt halten.
Andere Migranten schlafen weiterhin in Parks, auf Straßen, an Stränden oder in der Umgebung des Aufnahmezentrums CETI.
Von „Tausenden versteckten Migranten“ zu sprechen, wäre nach dem derzeitigen Informationsstand allerdings nicht korrekt. Dokumentiert sind mehrere Hundert Menschen, die sich versteckt halten. Insgesamt befinden sich jedoch weiterhin deutlich mehr Migranten an unterschiedlichen Orten Ceutas.
CETI völlig überfüllt
Auch die Lage am Aufnahmezentrum CETI bleibt angespannt.
Die Einrichtung verfügt offiziell über 512 Plätze, soll derzeit jedoch mit mehr als 700 Menschen belegt sein.
Weitere Migranten warten außerhalb des Geländes oder haben sich in dessen Umgebung niedergelassen. Polizei und Militär sichern das Gebiet und versorgen Menschen teilweise mit Trinkwasser.
Hilfsorganisationen berichten, dass viele der Migranten kaum Geld besitzen und vor allem Lebensmittel, Wasser und einen sicheren Schlafplatz benötigen.
Die Krise erreicht Brüssel
Was zunächst als dramatische Grenzkrise zwischen Spanien und Marokko begann, hat inzwischen eine europäische Dimension erreicht.
22 EU-Staaten haben eine dringende gemeinsame Reaktion auf die Ereignisse in Ceuta gefordert.
Die europäischen Innenminister wollen sich mit der Situation beschäftigen und darüber beraten, wie die Außengrenzen der Europäischen Union künftig besser geschützt werden können.
Für die Regierung von Pedro Sánchez ist dabei besonders problematisch, dass mittlerweile auch die spanische Migrationspolitik selbst in den Mittelpunkt der europäischen Debatte gerückt ist.
22 EU-Staaten stellen Spaniens Migrationspolitik infrage
Mehrere europäische Regierungen warnen davor, dass umfangreiche Regularisierungen von Migranten einen zusätzlichen „Anziehungsfaktor“ für irreguläre Migration darstellen könnten.
Damit richtet sich die Kritik zumindest indirekt gegen den Kurs der Regierung Sánchez.
Insbesondere Italien und Dänemark gehören zu den Staaten, die eine deutlich härtere europäische Migrationspolitik fordern.
Madrid hingegen verteidigt seinen bisherigen Kurs und fordert von den europäischen Partnern Solidarität sowie eine gemeinsame Antwort auf die Situation an der spanischen Außengrenze.
Der politische Konflikt ist damit offensichtlich: Während Sánchez auf europäische Unterstützung drängt, verlangt eine breite Gruppe von EU-Staaten gleichzeitig strengere Kontrollen und stellt Entscheidungen der spanischen Regierung infrage.
Sánchez gerät innenpolitisch ebenfalls unter Druck
Auch innerhalb Spaniens verschärft sich die politische Auseinandersetzung.
PP-Chef Alberto Núñez Feijóo hat nach einem Besuch in Ceuta die Darstellung der Regierung zurückgewiesen, wonach die Stadt bereits wieder weitgehend zur Normalität zurückgekehrt sei.
Solange Migranten auf Straßen, an Stränden und in den Bergen lebten und Tausende Sicherheitskräfte im Einsatz seien, könne von Normalität kaum gesprochen werden, argumentiert die Opposition.
Auch Vox macht die Migrationspolitik der Regierung für die Eskalation mitverantwortlich.
Bislang gibt es allerdings keine belastbare Umfrage nach den Ereignissen von Ceuta, die belegen würde, dass PSOE-Wähler Pedro Sánchez gerade wegen dieser Krise in größerer Zahl den Rücken kehren.
Eine Krise mit Folgen weit über Ceuta hinaus
Wie viele Migranten sich tatsächlich noch in Ceuta befinden, wie hoch die endgültige Zahl der Todesopfer sein wird und welche politischen Konsequenzen die Ereignisse haben werden, ist weiterhin offen.
Fest steht jedoch bereits jetzt: Die Krise hat sich innerhalb weniger Tage von einem lokalen Ausnahmezustand an der spanisch-marokkanischen Grenze zu einer europäischen Migrations- und Politikkrise entwickelt.
Für Pedro Sánchez könnte vor allem die Reaktion der europäischen Partner zum Problem werden. Denn erstmals steht nicht nur die Kontrolle der spanischen Grenze zur Debatte, sondern zunehmend auch die Frage, ob der migrationspolitische Kurs seiner Regierung Auswirkungen auf andere EU-Staaten hat.
Während Ceuta versucht, wieder zur Normalität zurückzukehren, ist die politische Krise damit noch lange nicht beendet.

Diesen Zahlen vertraue ich absolut nicht. Wrr stand da und hat 73’000 Menschen gezählt ? Zahlen können beliebig manipuliert werden….