Seit dem Ausbruch des Krieges in der Ukraine im Februar 2022 erlebt der spanische Immobilienmarkt ein ungewöhnliches Phänomen: einen anhaltenden und deutlichen Anstieg beim Immobilienkauf durch polnische und ukrainische Staatsbürger. Angetrieben von der Angst vor einer Eskalation des Konflikts, dem Wunsch nach Sicherheit und dem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis des spanischen Wohnungsmarktes, richten tausende Käufer aus Osteuropa ihren Blick auf die Mittelmeerküste und die spanischen Inseln als neues Refugium.
Über 8.800 Immobilien im Jahr 2024 erworben
Laut dem spanischen Notariatsrat kauften polnische Staatsbürger im Jahr 2024 insgesamt 5.947 Immobilien in Spanien – ein Anstieg von 35 % im Vergleich zu 2023 und 153 % mehr als im Jahr 2021, dem Jahr vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Ukrainische Käufer erwarben 2.900 Immobilien, verglichen mit 2.300 im Vorjahr, was ebenfalls einen konstanten Zuwachs seit Kriegsbeginn zeigt.
Dieses Transaktionsvolumen platziert Polen unter den fünf Ländern mit den meisten Immobilienkäufen in Spanien im vergangenen Jahr. Die Ukraine rangiert unter den ersten zehn und übertrifft sogar traditionelle Märkte wie Russland, Großbritannien oder Deutschland.
Costa del Sol, Costa Blanca und Kanaren: bevorzugte Ziele
Die Küstenregionen mit mildem Klima und guter Flugverbindung stehen an der Spitze der Beliebtheitsskala. Bei den Polen ist besonders die Costa del Sol gefragt, insbesondere Marbella, Estepona und Manilva.
Ukrainer zieht es ebenfalls verstärkt an die Costa Blanca, mit wachsender Nachfrage in Orten wie Torrevieja, Calpe und Finestrat. Beide Gruppen zeigen zudem großes Interesse an Sýteneriffa, insbesondere in Gegenden wie Costa Adeje oder Los Cristianos.
Die Angst vor einem größeren Krieg als Investitionsmotor
Im Falle der Polen führen zunehmende Spannungen in Osteuropa und die Sorge vor einem möglichen russischen Angriff oder einer breiteren Krise in der Region dazu, dass viele Familien in Spanien eine Art „Plan B“ suchen. „Wir wollen einen sicheren Ort, außerhalb der Reichweite eines möglichen Krieges“, erklären einige Käufer.
Bei den Ukrainern spielt neben der erzwungenen Flucht vieler Menschen seit 2022 auch der Wunsch nach einem Neuanfang eine Rolle: Wer es sich leisten kann, investiert in ein stabiles Leben im südlichen Europa.
Verändertes Käuferprofil: jünger, mehr Familien
Traditionell handelte es sich bei osteuropäischen Immobilienkäufern um Paare mittleren Alters oder Rentner, die eine Zweitwohnung oder einen Altersruhesitz im angenehmen Klima suchten. In den letzten Jahren hat sich das Bild jedoch gewandelt: Immer mehr junge Berufstätige und Familien mit Kindern investieren, oft mit dem Ziel eines dauerhaften Umzugs oder zur Ferienvermietung.
Diese Veränderung führt auch zu einer höheren Nachfrage nach Neubauten mit guter Ausstattung, Energieeffizienz und Gemeinschaftseinrichtungen. Immobilienentwickler haben sich auf diese neue Kundschaft eingestellt und bieten Marketing und Beratung zunehmend auch auf Polnisch und Ukrainisch an.
Auswirkungen auf den spanischen Markt: Preise und Konkurrenz
Der ausländische Kaufdruck hat zur Preissteigerung in touristischen Hotspots beigetragen. Laut Daten des INE und des Notariatsrats verzeichneten Regionen mit besonders hoher Nachfrage durch Ausländer Preissteigerungen über dem nationalen Durchschnitt.
Dieses Phänomen führt nicht nur zu einer Aufwertung des lokalen Immobilienbestands, sondern auch zu Spannungen in einigen Gemeinden, in denen die Wohnraumverfügbarkeit für Einheimische sinkt – vor allem in kleineren Küstenorten.
Fazit
Der Krieg in der Ukraine hat in vielerlei Hinsicht unerwartete Folgen gezeigt, und der spanische Immobilienmarkt ist eine davon. Die Ankunft polnischer und ukrainischer Immobilienkäufer in Spanien ist Ausdruck geopolitischer Unsicherheiten ebenso wie ein Zeichen für die Attraktivität Spaniens als sicheres, sonniges und erschwingliches Ziel. Wieder einmal wird das „Betongold“ zum wörtlichen und sinnbildlichen Zufluchtsort in unsicheren Zeiten.
