Die Region Madrid fordert von der Regierung dringende Maßnahmen gegen den Lehrermangel, während Mathematiker lukrativere und gesellschaftlich höher geschätzte Berufe wählen.
Redaktion Spanien Press
Spanien steht vor einem paradoxen Problem: Noch nie haben so viele junge Menschen ein Mathematikstudium abgeschlossen, doch immer weniger wollen in den Unterricht gehen. Die Region Madrid schlägt Alarm und fordert das Bildungsministerium auf, Sondermaßnahmen zu ergreifen, um den akuten Mangel an Mathematiklehrkräften in Schulen zu beheben.
Der Bildungs- und Wissenschaftsminister der Region, Emilio Viciana Duro, hat einen Brief an die Zentralregierung geschickt, in dem er vorschlägt, pensionierte Lehrer vorübergehend wieder einzustellen sowie Studierenden im dritten Studienjahr oder Absolventen ohne pädagogischen Masterabschluss das Unterrichten zu erlauben.
Mathematiker suchen andere Wege
Das Problem liegt nicht im Mangel an Absolventen, sondern in ihrer geringen Bereitschaft, an Schulen zu arbeiten. Viele junge Mathematiker entscheiden sich inzwischen für besser bezahlte und prestigeträchtigere Berufe in der Bankenwelt, der Datenanalyse oder der Technologiebranche.
Während ein Mathematiker in der Privatwirtschaft über 45.000 Euro im Jahr verdienen kann, liegt das Gehalt eines Gymnasiallehrers bei rund 30.000 Euro brutto, oft nach jahrelangen Prüfungen und befristeten Stellen. Doch das Gehaltsgefälle ist nicht das einzige Problem: Der Lehrerberuf hat in Spanien viel von seinem gesellschaftlichen Ansehen verloren.
„Früher galt ein Lehrer als Autorität und wurde respektiert; heute fühlen sich viele überfordert und wenig wertgeschätzt“, heißt es aus Bildungskreisen. Neben steigender Bürokratie, fehlenden Ressourcen und Disziplinproblemen im Klassenzimmer leidet das Berufsbild unter einem Verlust an öffentlicher Anerkennung, die einst das Rückgrat des Schulsystems war.
Ein landesweites Problem
Das Phänomen betrifft nicht nur Madrid. Auch Regionen wie Katalonien, Andalusien oder die Valencianische Gemeinschaft kämpfen mit einem Mangel an Lehrkräften in Mathematik, Physik und Technologie – besonders in ländlichen Gegenden und Schulen mit hoher Fluktuation.
Die Madrider Bildungsbehörde schätzt, dass mehrere Hundert Mathematiklehrer für das Schuljahr 2025/2026 fehlen könnten – mit spürbaren Folgen für das Leistungsniveau der Schüler.
Notmaßnahmen
Zu den vorgeschlagenen Maßnahmen gehören:
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Die freiwillige Rückkehr pensionierter Lehrkräfte in den Unterricht.
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Die vorübergehende Unterrichtserlaubnis für fortgeschrittene Mathematikstudierende.
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Die zeitlich begrenzte Zulassung von Absolventen ohne Masterabschluss.
„Es geht nicht darum, das Niveau zu senken, sondern sicherzustellen, dass kein Schüler ohne Lehrer bleibt“, betont Viciana.
Das spanische Bildungsministerium prüft den Vorschlag, weist jedoch darauf hin, dass jede Änderung im Einklang mit den staatlichen Qualitätsstandards stehen müsse.
Ein Beruf in der Krise – ohne Berufung und Ansehen
Über den akuten Mangel hinaus steht Spanien vor einer tiefgreifenden Herausforderung: den Lehrerberuf wieder attraktiv zu machen.
Bessere Arbeitsbedingungen, mehr gesellschaftliche Anerkennung und eine Rückbesinnung auf die pädagogische Berufung sind entscheidend, um die Zukunft des Unterrichts zu sichern.
Denn in der aktuellen Gleichung fehlen Lehrer, es gibt zu viele Hürden – und zu wenig Berufung.
Und solange das ungelöst bleibt, bleibt auch die Zukunft des Mathematikunterrichts in Spanien ungewiss.
