21. September 2026
Lesezeit 6 Minuten

Jetzt berichtet sogar die „New York Times“ über Spaniens „Cayetanos“ – aber wer sind eigentlich die Cayetanos und die Pijos? Wir erklären es.

Loafer und Barbour, Padel und Pferde, gute Restaurants, Reisen durch Spanien und ein neues Selbstbewusstsein für Tradition: Ein Milieu, das es seit Generationen gibt, wird plötzlich zum Lifestyle-Phänomen. Doch wer Spaniens „Cayetanos“ verstehen will, muss sie von den „Pijos“ unterscheiden – und wissen, warum Mode, Herkunft und Politik dabei so eng nebeneinander liegen.

Redaktion Spanien Press

Wer durch die wohlhabenderen Viertel Madrids, durch Sevilla, Bilbao, San Sebastián oder A Coruña geht, kennt das Bild: Hemd, Chinos, Loafer – gerne die klassischen spanischen „Castellanos“ –, Strick, Steppweste oder Barbour. Bei den Frauen sind es Blusen, klassische Kleider, Lederstiefel, Loafer und hochwertige, aber häufig dezente Accessoires.

Nun hat das Phänomen internationale Aufmerksamkeit erreicht. Selbst die New York Times beschäftigt sich mit den spanischen „Cayetanos“. Dabei ist das Milieu keineswegs neu. Neu sind seine enorme Sichtbarkeit und die Tatsache, dass seine ästhetischen und kulturellen Codes inzwischen weit über die ursprünglichen gesellschaftlichen Kreise hinaus wirken.

Pijo und Cayetano: ähnlich – aber nicht dasselbe

Für Ausländer ist der Unterschied schwer zu erklären. Selbst in Spanien werden beide Begriffe häufig vermischt.

Der Pijo definiert sich stärker über Wohlstand, Konsum, gesellschaftliches Umfeld und Lifestyle. Marken können wichtig sein, der Look muss aber keineswegs klassisch wirken. Er kann modisch, sportlich, lässig oder sogar bohemian sein.

Tarifa ist dafür ein gutes Beispiel: Kitesurfen, Shorts, lässiges Hemd, Cap und Sonnenbrille. Auf den ersten Blick wirkt alles unkompliziert und fast hippiehaft. Das Kite-Equipment, die Unterkunft, das Auto, die Uhr und einzelne Kleidungsstücke können trotzdem ein kleines Vermögen kosten.

Der Wohlstand muss beim modernen Pijo nicht nach Wohlstand aussehen.

Beim Cayetano funktioniert der Code anders. Sichtbare Marken spielen eine geringere Rolle als Kontinuität. Hemden, Chinos, Castellanos, Strick und Barbour folgen einer Ästhetik, die sich über Jahrzehnte erstaunlich wenig verändert hat.

Hinzu kommt eine kulturelle Komponente. „Cayetano“ ist in Spanien wesentlich stärker mit einem traditionellen und konservativen gesellschaftlichen Milieu verbunden. Familie, Herkunft, Religion und die Pflege bestimmter spanischer Traditionen gehören zu diesem Selbstverständnis. Schon Carolina Durante machte aus dieser Verbindung in ihrem 2018 veröffentlichten Song Cayetano eine satirische Figur der spanischen Rechten.

Natürlich lässt sich aus Kleidung keine individuelle Wahlentscheidung ableiten. Doch als gesellschaftliches Stereotyp besitzt der Cayetano eine deutlich konservativere politische Konnotation als der Pijo.

Vereinfacht gesagt: Beim Pijo stehen Wohlstand und Lifestyle im Vordergrund. Beim Cayetano kommen Tradition und kulturelle Identität hinzu.

Vom Padelplatz bis zum Landhotel

Die Unterschiede zeigen sich nicht nur im Kleiderschrank.

Padel, Reiten, Segeln oder Jagd gehören zum klassischen gesellschaftlichen Kosmos des Cayetano. Dazu kommt eine ausgeprägte Kultur des Essens, Reisens und Genießens.

Gerade darin entwickelt sich dieses Milieu inzwischen fast zu einer eigenen urbanen „Tribe“: Man interessiert sich für gute Kleidung, gute Restaurants, Wein, Hotels mit Charakter und Wochenenden innerhalb Spaniens.

Madrid, San Sebastián, Bilbao, Sevilla, Jerez oder A Coruña gehören ebenso dazu wie kleine Orte auf dem Land. Ein außergewöhnliches Restaurant in einem kastilischen Dorf, ein Weingut, ein Landhotel in Andalusien oder ein Wochenende in Galicien kann attraktiver sein als das nächste internationale Luxusresort.

Spanien selbst wird zum Lifestyle.

Dazu gehört auch ein ausgeprägter Stolz auf die eigene Kultur: auf Gastronomie und Wein, Landschaften, Pferde, Architektur, regionale Traditionen und die enorme Vielfalt des Landes.

Was früher schnell als altmodisch galt, wird wieder attraktiv: das Dorf, das gute Wirtshaus, das Familienrezept, das Landhaus, die Feria oder ein Wochenende in einer spanischen Provinzstadt.

Tomás Laso – einer der bestgekleideten Männer Spaniens. Sein Stil ist unverkennbar „pijo“ und keineswegs „cayetano“ Screenshot Instagram

Sevilla: Wo die Pija barocker wird

Besonders interessant ist Andalusien, denn dort bekommen Pijo und Cayetano noch einmal einen eigenen Charakter.

Vor allem die sevillanische Pija ist häufig verspielter, farbenfroher und opulenter als ihr Pendant in Madrid oder im Norden. Große Ohrringe, kräftige Farben, Volumen, Rüschen, ausgeprägte Ärmel und auffällige Silhouetten sind hier kein Widerspruch zu gesellschaftlicher Eleganz.

Ein bisschen barocker darf es in Sevilla durchaus sein.

Das hat auch mit dem gesellschaftlichen Kalender zu tun. Hochzeiten, Taufen, Kommunionen, Feria, Pferdeveranstaltungen und zahlreiche private Feiern schaffen Anlässe, bei denen Kleidung Teil der Inszenierung ist.

Und diese Kundschaft ist für die Modebranche äußerst interessant.

Panambi, eine in Sevilla verwurzelte Marke, beschreibt ihren eigenen Stil als international inspiriert, aber bewusst mit „andalusischen Wurzeln“. Qualität, Weiblichkeit, Farbe und charakteristische Schnitte stehen im Mittelpunkt.

Auch The IQ Collection von Inés Domecq hat aus dieser südspanischen Ästhetik eine unverwechselbare Handschrift entwickelt: strukturierte Silhouetten, starke Formen, Farbe und barock inspirierter Schmuck treffen auf andalusische Tradition und zeitgenössisches Design.

Hier machen Marken mit einem Stil Geschäft, der früher vor allem innerhalb eines gesellschaftlichen Milieus weitergegeben wurde.

Madrid wirkt daneben häufig klassischer, der Norden zurückhaltender. Andalusien trägt Tradition gerne mit mehr Farbe, mehr Volumen – und größeren Ohrringen.

Der sevillanische oder andalusische Stil der „Pijas“: barocker, verspielter und deutlich gewagter. Screenshot Instagram

Vom Spottbegriff zum selbstbewussten Lebensgefühl

Die Popkultur hat entscheidend dazu beigetragen, dass dieses Milieu heute anders wahrgenommen wird.

Als Carolina Durante Cayetano veröffentlichte, war der Song eine ironische Beschreibung eines wohlhabenden Madrider Milieus. Die politische Anspielung gehörte ausdrücklich dazu.

Doch irgendwann begann sich das Bild zu drehen.

Teile der Generation, die ursprünglich karikiert wurde, übernahmen den Begriff selbstbewusst oder selbstironisch. Inzwischen beschreibt die spanische Presse sogar einen neuen „Pop pijo“: junge Künstler, bei denen Loafer und um den Hals gebundene Pullover die alten Hipster-Codes ablösen und Themen wie Familie, Herkunft oder Religion ganz selbstverständlich vorkommen.

Das passt zu einer breiteren kulturellen Entwicklung. Der klassische Pijo und insbesondere der Cayetano verstecken ihre gesellschaftliche Herkunft weniger als früher. Die Analyse des Phänomens in Spanien spricht sogar von einer neuen, über soziale Medien sichtbaren Inszenierung des eigenen Privilegs und einer neoespañolistisch geprägten Ästhetik.

Die Cayetanas werden zu Stilvorbildern

Bei den Frauen ist die Entwicklung besonders deutlich.

Streetstyle-Accounts wie The Basque Girls, What Women Wear oder Santanderinians in Santander sind  „Cayetano-Seiten“. Sie zeigen jene Formen spanischer Streetstyle-Eleganz, in denen sich viele Elemente dieses Looks wiederfinden: gute Schnitte, Strick, Blusen, Loafer, klassische Kleider und eine gewisse bewusst unangestrengte Eleganz.

Das verändert die Mode.

Früher wurden solche ästhetischen Regeln innerhalb von Familien, Schulen und gesellschaftlichen Kreisen weitergegeben. Heute wird eine Frau in San Sebastián, Madrid oder Santander fotografiert, ihr Outfit landet auf Instagram und Tausende andere sehen es.

Man muss diesem Milieu nicht mehr angehören, um seinen Stil zu übernehmen.

Damit wird aus einem gesellschaftlichen Code ein kommerzieller Trend – und die Marken schauen genau hin.

Cayetanas – ein eleganter und klassischer Stil. Screenshot Credit Instagram

Auch politisch ist das Phänomen nicht neutral

Der Aufstieg dieser Ästhetik fällt zudem in eine Phase stärkerer politischer Polarisierung in Spanien.

Der Cayetano wird kulturell deutlich stärker mit dem konservativen Spanien verbunden als der klassische Pijo. Das macht auch die enorme Ablehnung verständlich, die Pedro Sánchez in Teilen dieser gesellschaftlichen Kreise hervorruft.

Der Begriff „Antisanchismo“ ist längst Bestandteil der politischen Sprache Spaniens. Sánchez ist für viele konservative Wähler nicht lediglich der Vorsitzende der gegnerischen Partei, sondern zur zentralen politischen Reizfigur geworden. Das zeigte sich besonders sichtbar bereits bei den Protesten in wohlhabenden Madrider Vierteln während der Pandemie.

Dabei muss man sauber trennen: Nicht jeder Cayetano wählt dieselbe Partei, und aus einem Kleidungsstil lässt sich kein Stimmzettel ablesen. Ebenso wenig lässt sich seriös behaupten, Sánchez sei objektiv der „meistgehasste Politiker seit Generationen“.

Unübersehbar ist jedoch die starke konservative Identifikation des Cayetano-Milieus und die intensive politische Ablehnung von Sánchez in weiten Teilen des spanischen rechten Spektrums.

Eine neue urbane „Tribe“, die eigentlich sehr alt ist

Genau darin liegt die eigentliche Geschichte.

Der Cayetano des Jahres 2026 hat nichts Revolutionäres erfunden. Im Gegenteil: Er hat Dinge zurückgebracht, die zeitweise als altmodisch galten.

Junge Menschen im unverkennbaren Cayetano-Stil – klassisch und traditionsbewusst. Screenshot Credit Instagram

Klassische Kleidung. Gute Umgangsformen. Padel und Pferde. Regionale Gastronomie. Wochenenden auf dem Land. Spanische Weine. Traditionelle Feste. Familienleben. Das Interesse an der eigenen Herkunft und ein selbstbewussterer Stolz auf Spanien.

Daraus ist eine Art moderne gesellschaftliche Tribe mit eigenen Codes entstanden – ästhetisch, kulinarisch, kulturell und teilweise politisch.

Und genau deshalb reicht es nicht, Cayetanos einfach als „reiche junge Leute“ zu beschreiben.

Der Pijo kann mit Kiteboard, teurer Sonnenbrille und lässigem Outfit in Tarifa stehen. Die sevillanische Pija kann in spektakulären Ärmeln und großen Ohrringen auf einer Hochzeit erscheinen. Der Madrider Cayetano bleibt vielleicht bei Castellanos, Hemd und Barbour.

Die Ästhetik unterscheidet sich. Das gesellschaftliche Umfeld überschneidet sich.

Und über Instagram, Musik, Gastronomie und Reisen erreichen diese Codes heute Menschen, die mit den ursprünglichen Kreisen überhaupt nichts zu tun haben.

Vielleicht ist das der interessanteste Aspekt an der internationalen Aufmerksamkeit: Die „New York Times“ hat keine neue spanische Spezies entdeckt. Sie hat ein altes Spanien entdeckt, das sich gerade neu inszeniert.

Und plötzlich gilt das, was gestern noch als altmodisch belächelt wurde, wieder als ziemlich modern.

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