Von fast 29 auf nur 15,5 Grad innerhalb weniger Tage: Vor der Küste Málagas hat das Meer einen außergewöhnlichen Kälterekord aufgestellt. Während Spanien noch Hochsommer erlebt, ist das Wasser vor Málaga plötzlich kälter als an zahlreichen Küsten im Norden des Landes. Experten erklären, was hinter dem ungewöhnlichen Phänomen steckt.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Wer dieser Tage an der Costa del Sol ins Meer geht, könnte eine böse Überraschung erleben. Das Wasser vor Málaga ist derzeit außergewöhnlich kalt. Am Freitagmorgen wurde an einer Messboje vor Guadalmar eine Temperatur von lediglich 15,5 Grad Celsius gemessen. Damit wurde der erst wenige Tage zuvor aufgestellte Kälterekord erneut unterboten.
Noch am 18. August hatte dieselbe Messstelle eine Wassertemperatur von 28,8 Grad registriert. Das Meer lag damit nur knapp unter dem bisherigen August-Rekord von 29,1 Grad. Innerhalb von nur rund zehn Tagen hat sich die Situation damit komplett gedreht: von beinahe rekordverdächtiger Hitze zu einem historischen Kälterekord.
Neuer Kälterekord für den August
Die 15,5 Grad sind der niedrigste Wert, der an dieser Messstelle in einem August seit Beginn der Aufzeichnungen registriert wurde. Der bisherige Rekord war erst am vergangenen Dienstag gefallen. Damals zeigte die Messboje 15,6 Grad an. Zuvor lag der niedrigste Augustwert bei 16,3 Grad. Dieser wurde am 3. August 2014 gemessen.
Das außergewöhnliche Ereignis hat sich damit innerhalb weniger Tage gleich zweimal verschärft. Und noch etwas macht die aktuellen Messwerte besonders bemerkenswert: Zum Zeitpunkt der Messung war das Wasser vor Málaga kälter als an den anderen verglichenen Messstellen entlang der spanischen Küste.
Kälter als das Meer im Norden Spaniens
Normalerweise würde man einen solchen Wert eher an der Atlantikküste oder in den nördlichen Regionen Spaniens erwarten. Doch die aktuellen Messungen zeigen ein völlig anderes Bild.
Während vor Málaga lediglich 15,5 Grad gemessen wurden, lagen die Temperaturen an zahlreichen anderen Messstellen deutlich höher. Vor Valencia wurden mehr als 25 Grad registriert, vor Barcelona etwa 26 Grad und vor Tarragona sogar rund 27 Grad.
Auch an der spanischen Atlantikküste lagen die Werte deutlich über denen Málagas. Vor Cabo Silleiro wurden knapp 21 Grad gemessen, Estaca de Bares kam ebenfalls auf rund 21 Grad und vor Cabo de Peñas wurden ebenfalls Werte um 21 Grad registriert.
Ausgerechnet das normalerweise warme Mittelmeer vor Málaga war damit zeitweise das kälteste gemessene Meerwasser Spaniens.
Wie kann das Meer mitten im Sommer so kalt werden?
Die Erklärung liegt nicht darin, dass sich das gesamte Mittelmeer plötzlich um mehr als zehn Grad abgekühlt hätte. Stattdessen handelt es sich um ein Auftriebsphänomen. Dabei wird warmes Wasser aus der obersten Meeresschicht verdrängt. Anschließend steigt kälteres Wasser aus tieferen Schichten nach oben.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Windverhältnisse. Vor allem der anhaltende Poniente, also Westwind, hat in den vergangenen Tagen die Bedingungen für diesen Vorgang begünstigt. Der Wind kann das warme Oberflächenwasser von der Küste wegtransportieren. Das entstehende Defizit wird anschließend durch kälteres Wasser aus tieferen Schichten ausgeglichen. Für Badegäste fühlt sich das dann so an, als hätte jemand innerhalb weniger Stunden das Wasser ausgetauscht.
Das Alborán-Meer hat seine eigenen Regeln
Málaga liegt am Alborán-Meer, dem westlichsten Teil des Mittelmeers. Die Region ist durch komplexe Meeresströmungen geprägt. Gleichzeitig besteht über die Straße von Gibraltar ein ständiger Austausch zwischen Atlantik und Mittelmeer.
Nach Einschätzung des Physikers Manuel Vargas vom Instituto Español de Oceanografía in Málaga könnte deshalb nicht nur ein lokaler Auftrieb vor der Küste für die niedrigen Temperaturen verantwortlich sein. Auch kalte Wassermassen aus dem Bereich der Straße von Gibraltar könnten durch die Strömungen in Richtung Málaga transportiert werden. Hinzu kommen die aktuellen Wind- und Wellenbedingungen.
Auch die Wellen können das Wasser abkühlen
Eine weitere mögliche Erklärung ist die starke Durchmischung des Meeres. Durch Wind und Wellen wird das Wasser bewegt. Die Wärme, die sich während der heißen Tage in einer relativ dünnen Schicht direkt an der Oberfläche angesammelt hat, wird dadurch auf größere Wasserschichten verteilt.
Das führt dazu, dass die Temperatur unmittelbar an der Oberfläche stark zurückgehen kann. Gleichzeitig kann sich das Wasser in tieferen Schichten erwärmen. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von einer Durchmischung der Wassersäulen.
Ein unglaublicher Unterschied von mehr als 13 Grad
Wie außergewöhnlich die aktuelle Situation ist, zeigt ein Blick auf die Messwerte der vergangenen Tage. Am 18. August waren es 28,8 °C, am 28. August nur noch 15,5 °C. Der Unterschied beträgt damit 13,3 Grad.
Für die Temperatur des Meerwassers ist eine solche Veränderung innerhalb so kurzer Zeit außergewöhnlich. Das Meer reagiert normalerweise wesentlich langsamer auf Temperaturveränderungen als die Atmosphäre. Genau deshalb sorgt das Ereignis derzeit für so viel Aufmerksamkeit.
Das Meer war kurz zuvor noch extrem warm
Besonders kurios ist der Zeitpunkt. Denn nur wenige Tage vor dem Kälteeinbruch befand sich das Meer vor Málaga praktisch auf Rekordkurs. Die gemessenen 28,8 Grad vom 18. August lagen nur 0,3 Grad unter dem bisherigen August-Höchstwert von 29,1 Grad, der im Jahr 2015 registriert wurde. Damit war das Wasser zunächst außergewöhnlich warm.
Dann folgte der drastische Umschwung. Von einer der höchsten jemals gemessenen Temperaturen zu einer der niedrigsten.
Die marine Hitzewelle ist trotzdem nicht verschwunden
Der neue Kälterekord bedeutet allerdings nicht, dass die außergewöhnliche Erwärmung des Meeres vor Málaga plötzlich beendet wäre. Im Gegenteil: Das Wasser des Alborán-Meeres war in diesem Sommer über längere Zeit außergewöhnlich warm. Die durchschnittlichen Temperaturen lagen zeitweise mehrere Grad über den üblichen Werten.
Der aktuelle Kälteeinbruch ist deshalb vor allem ein kurzfristiges lokales Phänomen. Das langfristig sehr warme Meer und das momentan kalte Oberflächenwasser können gleichzeitig existieren. Der Grund: Gemessen wird an der Oberfläche – und dort kann sich die gerade vorhandene Wassermasse durch Wind und Strömungen sehr schnell verändern.
Hat das Auswirkungen auf das Wetter?
Die niedrige Meerestemperatur dürfte zunächst keine dramatischen Auswirkungen auf das Wetter in Málaga haben. Nach Einschätzung von AEMET könnte das kalte Wasser zwar unter bestimmten Bedingungen die Bildung von Nebel oder tiefen Wolken begünstigen, für ein bedeutendes Wetterereignis wären jedoch zusätzliche Faktoren notwendig.
Besonders interessant wäre eine Kombination mit sehr kalter Luft in großer Höhe, beispielsweise im Zusammenhang mit einer DANA. Ein solches Szenario wird derzeit jedoch nicht erwartet.
Das kalte Wasser könnte schon bald wieder verschwinden
Und möglicherweise ist der Kälterekord bereits ein kurzes Intermezzo. Die neuesten Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Wassertemperatur wieder ansteigen kann. Bereits nach dem Rekordwert von 15,6 Grad begann das Wasser wieder wärmer zu werden. Am folgenden Tag wurden an der Messstelle bereits 17,3 Grad registriert. Für die darauffolgenden Tage wurde eine weitere Erwärmung erwartet.
Auch Meteorologen gehen davon aus, dass die Wassertemperatur zum Beginn des Septembers wieder deutlich steigen könnte. Werte von über 21 bis 22 Grad sind demnach wieder möglich.
Für Badegäste bedeutet das derzeit: Vorsicht vor der Überraschung
Wer Ende August einen Badeurlaub an der Costa del Sol verbringt, erwartet normalerweise warmes Mittelmeerwasser. Die aktuellen Messungen zeigen jedoch, dass sich das Wasser vor Málaga momentan völlig anders präsentiert. 15,5 Grad im August sind für viele Badegäste ausgesprochen kalt.
Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine gleichmäßige Temperatur an allen Stränden Málagas. Die Messboje erfasst die Bedingungen an einem bestimmten Standort und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Je nach Strand, Wassertiefe, Strömung und Wind können die Temperaturen deshalb abweichen.
Málaga erlebt ein außergewöhnliches Meer-Phänomen
Der aktuelle Temperatursturz zeigt eindrucksvoll, wie dynamisch das Alborán-Meer sein kann. Innerhalb weniger Tage wechselte die Situation von 28,8 Grad und einem Beinahe-Hitzerekord zu 15,5 Grad und einem neuen Kälterekord für August. Das entspricht einem Unterschied von 13,3 Grad.
Während das Meer langfristig weiterhin von außergewöhnlich hohen Temperaturen geprägt ist, hat kaltes Wasser aus tieferen Schichten die Oberfläche vor Málaga momentan vorübergehend erfasst. Für die kommenden Tage dürfte deshalb vor allem eine Frage präsent bleiben: Wie schnell kehrt das warme Mittelmeerwasser an die Küste der Costa del Sol zurück?
