Antonio Gali Balaguer verbrachte fast 40 Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung zog er in ein galicisches Dorf, wo er zunächst wie ein gewöhnlicher Nachbar aufgenommen wurde. Heute lebt die Gemeinschaft mit Furcht und Misstrauen
Redaktion Spanien Press
Im kleinen Dorf A Bola (Ourense) glaubten die Menschen, einen neuen, ruhigen Mitbewohner gewonnen zu haben. Antonio Gali Balaguer, ein älterer, zurückhaltender Mann, wurde mit der typischen Gastfreundschaft des ländlichen Galiciens empfangen. Niemand ahnte, dass dieser „neue Nachbar“ vier Jahrzehnte im Gefängnis verbracht hatte – wegen einer Serie grausamer Verbrechen.
Von der freundlichen Begrüßung zur ständigen Angst
Wochenlang behandelten die Dorfbewohner ihn wie jeden anderen: ein Gruß auf dem Platz, ein kurzer Plausch in der Bäckerei, kleine Gesten der Höflichkeit. Doch alles änderte sich, als seine wahre Identität bekannt wurde. Der scheinbar freundliche Nachbar entpuppte sich als Serienmörder mit einer erschütternden Vergangenheit: sexueller Missbrauch von Kindern, Morde und extreme Gewalt.
Zu seinen Verbrechen zählen der Missbrauch und Mord an einem 11-jährigen Mädchen in Saragossa (1984), dessen Leiche er in Zement einbetonierte, sowie die Ermordung erwachsener Frauen, darunter Aurora Dacunha (58 Jahre) in Ourense im Jahr 2005, die er nach einem sexuellen Kontakt erwürgte und am Straßenrand zurückließ. Bereits 1982 hatte er zudem in La Zaida (Saragossa) einen Schäfer mit einer Axt erschlagen.
Zusammenleben im Schatten der Furcht
Heute ist die Stimmung in A Bola völlig verändert. Familien, die ihre Kinder früher frei draußen spielen ließen, halten sie nun eng bei sich. Manche vermeiden es, ihm zu begegnen, und jedes Mal, wenn Gali im Dorf auftaucht, wächst die Spannung. Dorfbewohner berichten, ihn in der Nähe von Kinderspielplätzen gesehen zu haben – ein Umstand, der die Alarmstimmung noch verstärkt.
„Wir haben ihn wie jeden anderen aufgenommen, ohne zu wissen, was er getan hatte“, erzählt eine Nachbarin. „Jetzt wissen wir, wozu er fähig ist … und mit ihm zusammenzuleben ist unerträglich.“
Offene Frage: Versagen unsere Gesetze?
Der Fall hat eine unbequeme Debatte ausgelöst: Können Menschen sich sicher fühlen, wenn sie mit jemandem wie ihm zusammenleben müssen? Nach Verbüßung seiner Strafen ist Gali rechtlich ein freier Mann. Doch viele fragen sich, ob die Straf- und Resozialisierungspolitik versagt hat – vor allem in kleinen Gemeinden, die keinerlei Schutzmechanismen haben.
„Es ist nicht gerecht, dass man ihn nach vierzig Jahren Gefängnis einfach hierher setzt, ohne Aufsicht oder Kontrolle“, sagt ein Anwohner. Viele fühlen sich von den Institutionen im Stich gelassen: Das Recht schützt den Verurteilten – aber wer schützt die Dorfbewohner?
Strafen im Zeitalter der Langlebigkeit
Der Fall wirft zudem eine grundlegende Frage auf: Sind unsere heutigen Strafen noch angemessen in einer Gesellschaft, in der die Lebenserwartung über 83 Jahre liegt?
Als viele Höchststrafen festgelegt wurden, war die Lebenserwartung deutlich niedriger. Dreißig oder vierzig Jahre Haft kamen damals fast einer lebenslangen Strafe gleich. Heute jedoch können Täter nach solchen Strafen mit über 70 Jahren entlassen werden – mit möglicherweise noch Jahrzehnten vor sich.
Das stellt unser Rechtssystem vor ein ethisches Dilemma:
-
Sollten die Höchststrafen für besonders schwere Verbrechen wie Serienmorde oder sexuellen Missbrauch von Kindern angepasst werden?
-
Ist es vertretbar, dass das Gesetz eine vollständige Reintegration ermöglicht, obwohl die Gefährlichkeit bestehen bleibt?
Die Nachbarn von A Bola haben eine klare Meinung: „Wenn jemand, der ein Kind und mehrere Frauen ermordet hat, wieder frei ist, dann läuft etwas gewaltig schief.“
Längeres Leben, veraltete Gesetze?
A Bola ist längst zu einem Symbol für ein größeres Dilemma geworden: das erzwungene Zusammenleben einer schutzlosen Gemeinschaft mit einem rückfälligen Schwerverbrecher.
Während das Gesetz die Rechte des Täters wahrt, fühlen sich die Menschen, die mit ihm leben müssen, ohne Schutz. Die Frage drängt sich auf: Schützt unser Rechtssystem mehr den Schuldigen als die Gesellschaft?
Wenn die Menschen immer älter werden – müssen dann nicht auch unsere Strafen angepasst werden, damit die schwersten Verbrechen nicht erneut Angst und Schrecken in friedlichen Dörfern verbreiten?
