Warum Spanien zu den langlebigsten Ländern der Welt gehört.
von Elsa Ibanez
In einem ruhigen Viertel von Espinardo, einem Stadtteil von Murcia, lebt Concepción Lax – oder einfach Concha, wie sie hier jeder nennt. Am vergangenen Sonntag feierte sie ihren 110. Geburtstag. Ihre Familie versammelte sich in ihrem kleinen Haus, um diesen außergewöhnlichen Moment zu feiern. Während die Welt sich verändert hat, Generationen gekommen und gegangen sind, bleibt Concha ein lebendiges Symbol für Beständigkeit, Erfahrung und stille Weisheit.
Geboren im Jahr 1915, zur Zeit des Ersten Weltkriegs, hat sie die turbulente Geschichte Spaniens hautnah erlebt: die Ausrufung der Zweiten Republik, den Bürgerkrieg, die Franco-Diktatur, die Rückkehr zur Demokratie. Und doch sagt sie mit ruhiger Stimme: „Wir lebten gut. Wir waren glücklich.“
Das Geheimnis der Langlebigkeit?
Wenn man Concha fragt, warum sie so alt geworden ist, antwortet sie schlicht: „Ich habe niemandem geschadet und immer gearbeitet, so viel ich konnte.“ Ihre Tochter Chitina ergänzt: „Sie war immer bescheiden, hilfsbereit, ohne Laster – und hat ihr Leben anderen gewidmet.“
Doch Concha ist kein Einzelfall. Spanien zählt zu den Ländern mit der höchsten Lebenserwartung weltweit. Laut dem spanischen Statistikamt (INE) liegt sie derzeit bei 83,2 Jahren. Bis 2050 soll sie auf über 85 Jahre steigen. Bereits heute leben mehr als 20.000 Hundertjährige im Land – für das Jahr 2070 prognostiziert man über 250.000.
Warum leben die Spanier so lange?
Mehrere Faktoren tragen zur Langlebigkeit der Spanier bei:
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Die mediterrane Ernährung, reich an Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Fisch und Olivenöl, gilt als eine der gesündesten der Welt.
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Ein robustes öffentliches Gesundheitssystem, das auch für ältere Menschen zugänglich bleibt.
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Ein mildes Klima, das Bewegung im Freien das ganze Jahr über begünstigt.
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Und vor allem: Ein intensives soziales Leben.
Besonders in Spanien ist die Familie mehr als nur Vater, Mutter, Kind. Auch Tanten, Onkel, Cousins, Nachbarn und enge Freunde gehören zum engen Kreis – oft mit täglichem Kontakt. Diese sozialen Strukturen, tief verankert in der spanischen Kultur, fördern das psychische Wohlbefinden und tragen erwiesenermaßen zur körperlichen Gesundheit bei.
Regelmäßige Gespräche im Café, gemeinsame Mittagessen mit der erweiterten Familie, spontane Besuche – all das bildet ein soziales Netz, das auffängt, stärkt und das Alter mit Sinn erfüllt.
Weitere Gesichter des langen Lebens
Neben Concha gibt es in Spanien viele andere bemerkenswerte Beispiele:
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María Branyas Morera, geboren 1907, lebt in Katalonien und ist derzeit mit 117 Jahren die älteste lebende Person der Welt.
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Saturnino de la Fuente, ein Mann aus León, wurde 112 Jahre alt und wurde von Guinness World Records ausgezeichnet.
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Ana Vela Rubio aus Andalusien erreichte ein Alter von 116 Jahren.
Diese Menschen sind stille Zeugen einer Epoche, Brücken zwischen Jahrhunderten – und lebende Beweise dafür, dass Altern nicht Verlust bedeuten muss, sondern Reife, Perspektive und Würde.
Eine Herausforderung für die Zukunft
Die wachsende Zahl von Hundertjährigen stellt Spanien vor neue Herausforderungen: in der Pflege, in der Stadtplanung, in der sozialen Integration älterer Menschen. Doch sie birgt auch eine Chance: die Rückbesinnung auf das Wesentliche.
In einer Gesellschaft, die oft auf Jugend, Tempo und Innovation fixiert ist, erinnern uns Menschen wie Concha daran, dass das Alter keine Last ist – sondern ein Geschenk.
Spanien altert – aber es altert gut. Und vielleicht ist es an der Zeit, von seinen Ältesten zu lernen, wie man ein erfülltes, langes Leben führt.
