Einfuhranstieg um mehr als 22 Prozent im ersten Quartal 2025 sorgt für Unmut im Agrarsektor
Redaktion Spanien Press
Die Importabhängigkeit Spaniens im Obst- und Gemüsesektor nimmt weiter zu. Neuesten offiziellen Statistiken zufolge hat das Land im ersten Quartal 2025 deutlich mehr Agrarprodukte aus Marokko eingeführt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres – eine Entwicklung, die im spanischen Primärsektor für wachsende Besorgnis sorgt.
Der aktuelle Bericht des Ministeriums für Wirtschaft, Handel und Unternehmen, basierend auf Daten von DataComex, weist einen Gesamtimport von 191.906,59 Tonnen aus Marokko stammenden Obst- und Gemüseerzeugnissen aus. Dies bedeutet einen Zuwachs von über 22 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Wert dieser Importe erreichte 487,12 Millionen Euro, womit ein neuer Höchststand erreicht wurde. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 lag der entsprechende Wert noch bei 397,66 Millionen Euro, im Jahr 2021 bei 318,51 Millionen Euro.
Tomaten, Paprika und Avocados führen die Importliste an
Die Tomate bleibt mit Abstand das am meisten eingeführte Gemüse aus Marokko. Zwischen Januar und März 2025 wurden 32.313 Tonnen marokkanische Tomaten nach Spanien eingeführt – ein Anstieg von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Noch gravierender ist der Zuwachs beim Handelswert: Die Tomatenimporte stiegen von 33,4 auf 52,5 Millionen Euro, was einem Plus von 57 Prozent entspricht.
Der spanische Branchenverband FEPEX (Federación Española de Asociaciones de Productores Exportadores de Frutas, Hortalizas, Flores y Plantas Vivas) warnt vor einer strukturellen Verdrängung der heimischen Produktion durch marokkanische Konkurrenz. Diese sei nicht zuletzt auf ungleiche Produktionsbedingungen zurückzuführen – insbesondere bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln und im Bereich der sozialen Standards.
Schutzmechanismen der EU greifen kaum noch
FEPEX kritisiert, dass die im Assoziierungsabkommen zwischen der EU und Marokko festgelegten Einfuhrschwellenpreise ihre ursprüngliche Schutzfunktion verloren hätten. Diese Schwellen sollten eigentlich verhindern, dass billige Importe den EU-Markt destabilisieren. In der Praxis jedoch gelten sie als veraltet und wirkungslos.
Zwischen 2021 und 2025 stieg die gesamte Obst- und Gemüsemenge aus Marokko im ersten Quartal von 156.229 auf 191.906 Tonnen – ein Anstieg von rund 23 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Dieser Trend sei laut FEPEX nur zu stoppen, wenn das Abkommen überarbeitet und durch sogenannte Spiegelklauseln ergänzt wird, die gleiche Umwelt- und Sozialstandards für importierte Produkte vorschreiben.
Weitere Spitzenreiter: Paprika, grüne Bohnen und Blaubeeren
Neben Tomaten nehmen auch andere Produkte eine zentrale Rolle im marokkanisch-spanischen Agrarhandel ein:
- Paprika: 32.045,79 Tonnen importiert, was nahe an den Werten von 2024 liegt, aber 45 Prozent mehr als im Jahr 2023 bedeutet.
- Grüne Bohnen: 19.600,76 Tonnen – insbesondere im Winter verdrängen marokkanische Bohnen zunehmend die spanische Produktion.
- Avocados: Mit 29.159,55 Tonnen stieg die Importmenge um über 42 Prozent gegenüber dem Vorjahr – und ist mehr als dreimal so hoch wie 2023.
- Blaubeeren: Ebenfalls im Aufwärtstrend, mit 16.502,48 Tonnen in Q1 2025 – verglichen mit 12.048 Tonnen in 2024 und 11.036 Tonnen in 2023.
Insbesondere die starke Zunahme bei Blaubeeren und Avocados hat gravierende Auswirkungen auf den Exportwert spanischer Produkte, da diese Kulturen bisher als hochprofitabel galten.
Geopolitische Brisanz: Herkunftskennzeichnung unter Druck
Ein weiterer Aspekt sorgt für Unruhe: In landwirtschaftlichen Kreisen wächst die Sorge, dass die EU ihr Abkommen mit Marokko modifizieren könnte, um die Verpflichtung zur Herkunftskennzeichnung von Produkten aus der Westsahara zu umgehen. Ein solcher Schritt könnte dazu führen, dass Erzeugnisse aus den besetzten Gebieten unter neutraler Herkunft deklariert werden – was sowohl politische als auch ethische Fragen aufwirft.
Spiegelklauseln als Hoffnung – doch die Realität bleibt düster
Landwirte und Verbände fordern seit Jahren die verbindliche Einführung von „Konditionalitäten“ für Drittstaaten – insbesondere bei Importen von außerhalb der EU. Die sogenannte „Spiegelklausel“-Strategie sieht vor, dass Produkte nur dann in die EU eingeführt werden dürfen, wenn sie unter vergleichbaren Bedingungen wie innerhalb der Union hergestellt wurden.
Trotz dieser Forderungen scheint die Realität anders auszusehen: Der Handel wächst weiter, während die Wettbewerbsfähigkeit spanischer Erzeuger sinkt. Die Stimmung im Agrarsektor bleibt angespannt – viele Landwirte befürchten, dass der Strukturwandel längst begonnen hat.
