8. August 2026
Lesezeit 4 Minuten

Vom Schutzfall zum politischen Problem: Wie Spanien heute über „MENAs“ denkt

Credit Yaoyu Chen (Unsplash)

Noch vor wenigen Jahren standen bei unbegleiteten minderjährigen Migranten vor allem Schutz, Betreuung und Integration im Mittelpunkt. Heute bestimmen Begriffe wie Grenzkontrolle, Sicherheit und Rückführung zunehmend die Debatte. Nach der jüngsten Krise in Ceuta zeigt eine neue Umfrage, wie tief dieser Wandel inzwischen reicht – sogar bis in die sozialistische Wählerschaft.

Redaktion Spanien Press

Kaum ein Begriff verdeutlicht die Veränderung der spanischen Migrationsdebatte so sehr wie vier Buchstaben: MENA.

Die Abkürzung steht für menor extranjero no acompañado, also einen ausländischen Minderjährigen, der sich ohne Eltern oder andere verantwortliche Erwachsene in Spanien befindet.

Ursprünglich war es eine nüchterne Verwaltungsbezeichnung.

Heute ist „MENA“ eines der politisch und gesellschaftlich aufgeladensten Wörter der spanischen Migrationsdebatte.

Und genau diese Veränderung erzählt viel darüber, wie sich Spanien in den vergangenen Jahren verändert hat.

Noch vor einigen Jahren wurde die Ankunft unbegleiteter Minderjähriger überwiegend unter dem Gesichtspunkt ihrer besonderen Schutzbedürftigkeit diskutiert: Kinder und Jugendliche, die allein in einem fremden Land ankommen und deshalb vom Staat betreut werden müssen.

Dieser rechtliche Schutz besteht weiterhin.

Doch gesellschaftlich hat sich der Schwerpunkt deutlich verschoben.

Heute geht es zunehmend um andere Fragen: Wie viele Menschen kann Spanien aufnehmen? Wie sollen die Minderjährigen auf die Regionen verteilt werden? Was kostet ihre Betreuung? Wie gelingt Integration? Welche Auswirkungen gibt es auf Sicherheit und öffentlichen Raum? Und warum können marokkanische Minderjährige nicht in ihr Herkunftsland zurückkehren?

Die jüngste Krise in Ceuta hat diese Diskussion noch einmal erheblich verschärft.

80 Prozent wollen eine Rückkehr nach Marokko

Besonders deutlich wird die veränderte Stimmung in einer aktuell veröffentlichten Umfrage.

Demnach sprechen sich rund 80 Prozent der Befragten dafür aus, unbegleitete marokkanische Minderjährige nach Marokko zurückzuführen und dafür, falls notwendig, die entsprechenden gesetzlichen Voraussetzungen anzupassen.

Nur neun Prozent unterstützen demnach die Verteilung der Minderjährigen auf Spaniens autonome Gemeinschaften, wie sie von der Regierung vorgesehen wird.

Doch die politisch bemerkenswerteste Zahl ist eine andere.

Selbst unter sozialistischen Wählern sollen 77 Prozent eine Rückkehr nach Marokko befürworten.

Eine einzelne Umfrage beschreibt niemals die Meinung eines ganzen Landes. Dennoch ist das Ergebnis bemerkenswert, weil es darauf hindeutet, dass die Forderung nach einer restriktiveren Migrationspolitik längst nicht mehr ausschließlich im konservativen oder rechten politischen Lager zu finden ist.

Die Debatte scheint die politische Mitte erreicht zu haben.

Die Stimmung hatte sich schon vor Ceuta verändert

Diese Entwicklung begann nicht erst mit den jüngsten Ereignissen.

Bereits 2024 zeigte das staatliche Meinungsforschungsinstitut CIS einen bemerkenswerten Wandel in der Wahrnehmung von Migration.

Innerhalb weniger Monate war Immigration in der Liste der von Spaniern genannten wichtigsten Probleme des Landes deutlich nach oben gerückt.

Dabei zeigte sich allerdings eine interessante Differenz: Wenn Menschen gefragt wurden, welche Probleme sie persönlich am stärksten betreffen, spielten wirtschaftliche Sorgen, Wohnungsprobleme, Gesundheitsversorgung und Arbeitsbedingungen eine wesentlich größere Rolle.

Das zeigt, wie komplex die öffentliche Wahrnehmung von Migration ist.

Menschen müssen nicht persönlich negative Erfahrungen mit Migration gemacht haben, um sie dennoch als gesellschaftliches oder politisches Problem wahrzunehmen.

Medienberichte, politische Diskussionen, Bilder von Grenzübertritten und soziale Netzwerke beeinflussen diese Wahrnehmung erheblich.

Ceuta hat dieser Entwicklung nun neue Bilder geliefert.

Mit der Debatte wächst die Angst vor Kriminalität

Ein wesentlicher Bestandteil der veränderten Wahrnehmung ist das Thema Sicherheit.

In Teilen der spanischen Gesellschaft hat sich die Vorstellung verfestigt, dass mit der Aufnahme größerer Gruppen unbegleiteter Jugendlicher auch Kriminalität, Unsicherheit oder Konflikte im öffentlichen Raum zunehmen könnten.

Einzelne Straftaten, an denen minderjährige oder ehemals minderjährige Migranten beteiligt sind, erhalten häufig erhebliche mediale Aufmerksamkeit. In sozialen Netzwerken verbreiten sich solche Fälle besonders schnell.

Dadurch kann aus einem einzelnen Vorfall innerhalb kürzester Zeit ein Bild einer gesamten Gruppe entstehen.

Hier ist eine entscheidende Unterscheidung notwendig.

„MENA“ ist keine kriminologische Kategorie.

Die Bezeichnung sagt zunächst nichts darüber aus, ob ein Jugendlicher straffällig ist oder jemals straffällig werden wird. Sie beschreibt lediglich einen minderjährigen Ausländer, der ohne verantwortlichen Erwachsenen nach Spanien gekommen ist.

Trotzdem wäre es falsch, die gesellschaftliche Sorge um Sicherheit einfach zu ignorieren.

Politisch zählt nicht nur die statistische Realität, sondern auch die Wahrnehmung der Bevölkerung.

Und diese Wahrnehmung hat sich verändert.

Wo früher vor allem von Minderjährigkeit, Schutz und Integration gesprochen wurde, stehen heute zunehmend Begriffe wie Sicherheit, Kontrolle, Überforderung und Rückführung im Mittelpunkt.

Marokko ist kein Kriegsland

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, der für das Verständnis der spanischen Debatte entscheidend ist.

Marokko wird von der spanischen Bevölkerung nicht als Kriegs- oder Bürgerkriegsland wahrgenommen.

Damit unterscheidet sich die Situation grundlegend von klassischen europäischen Flüchtlingskrisen.

Die Jugendlichen fliehen nicht vor einer Situation wie jener in Syrien während des Bürgerkriegs oder vor einem militärischen Angriff wie Millionen Ukrainer nach der russischen Invasion ihres Landes.

In Marokko herrscht kein Krieg.

Das bedeutet keineswegs, dass die Lebenssituationen der Jugendlichen problemlos wären.

Armut, fehlende Zukunftsperspektiven, schwierige Familienverhältnisse, soziale Ausgrenzung oder die Hoffnung auf Ausbildung, Arbeit und ein besseres Leben in Europa können starke Gründe für Migration sein.

Ein Minderjähriger kann unabhängig davon besonders schutzbedürftig sein.

Doch für die politische Wahrnehmung macht die Herkunft aus Marokko einen erheblichen Unterschied.

Denn immer mehr Menschen stellen eine Frage, die inzwischen im Zentrum der Debatte steht:

Warum sollen marokkanische Minderjährige dauerhaft in Spanien untergebracht und anschließend auf die autonomen Gemeinschaften verteilt werden, wenn ihr Herkunftsland stabil ist, direkt an Spanien grenzt und über staatliche Strukturen verfügt?

Vom Verteilen zum Zurückführen

Damit hat sich auch die zentrale politische Frage verändert.

Lange wurde darüber gestritten, wie die unbegleiteten Minderjährigen gerechter zwischen den spanischen Regionen verteilt werden können.

Heute stellt ein wachsender Teil der Bevölkerung bereits die Voraussetzung dieser Diskussion infrage.

Warum verteilen, wenn eine Rückkehr möglich sein könnte?

Juristisch ist die Antwort wesentlich komplizierter, als es diese Frage vermuten lässt.

Unbegleitete Minderjährige können nicht einfach wie erwachsene irreguläre Migranten abgeschoben werden. Spanien ist verpflichtet, das Kindeswohl zu berücksichtigen. Die familiäre Situation muss geprüft werden, ebenso die Bedingungen, unter denen eine Rückkehr erfolgen würde.

Eine Rückführung kann deshalb nicht automatisch oder kollektiv erfolgen.

Genau an diesem Punkt prallen derzeit öffentliche Erwartung und Rechtslage aufeinander.

Viele Bürger verlangen eine Lösung, die politisch einfach klingt – Rückkehr nach Marokko –, während der Rechtsstaat jeden Fall unter Berücksichtigung des Schutzes des Minderjährigen behandeln muss.

 

1 Comment Eine Antwort hinterlassen

  1. Die Lebenssituationen der spanischen Jugendlichen sind auch keinesfalls problemlos. Sowohl die ökonomische Situation der Familien wie auch die Überfremdung des Landes mit Migranten, belastet den Alltag der jungen spanischen Generation. Und während man sich beispielsweise auf Mallorca sorgt, dass die Insel durch den Zuzug von Eupopäern überfremdet wird, übersieht und verdrängt man, dass aufgrund der demographischen Entwicklung in eineinhalb Dekaden das arabische Idiom vorherrschen wird.

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