In Santiago de Compostela sorgt eine Restaurierung derzeit für Spott, Wut und hitzige Debatten. Ausgerechnet an einem der bedeutendsten Wahrzeichen Spaniens – direkt neben der weltberühmten Kathedrale von Santiago – wurden historische Gargoyles mit auffälligen Kupferrohren versehen. Für viele Besucher sieht es so aus, als würden die Rohre direkt aus den Hinterteilen der Figuren ragen. In sozialen Netzwerken sprechen Nutzer bereits von der „sodomisierten Restaurierung“.
Redaktion Spanien Press
von Marlon Gallego Bosbach
Betroffen ist das historische Gebäude des Hostal dos Reis Católicos, eines ehemaligen Pilgerhospitals aus dem frühen 16. Jahrhundert. Heute beherbergt das monumentale Bauwerk eines der berühmtesten Parador-Hotels Spaniens und liegt unmittelbar an der Praza do Obradoiro neben der berühmten Kathedrale von Santiago de Compostela. Das gesamte historische Zentrum gehört seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Kupferrohre durch historische Figuren
Im Rahmen einer millionenschweren Sanierung installierten Restauratoren lange Kupferleitungen in die Renaissance-Wasserspeier. Die Rohre sollen Regenwasser gezielt ableiten, damit die darunterliegenden barocken Balkone nicht durch Feuchtigkeit beschädigt werden. Doch die optische Wirkung löste einen Sturm der Entrüstung aus.
Viele der steinernen Figuren wirken nun, als seien sie von Metallstangen „durchbohrt“ worden. Besonders eine nackte menschliche Figur sorgt für Diskussionen, da das Rohr direkt aus dem Gesäß herausragt. Zahlreiche Spanier sprechen von einer „ästhetischen Katastrophe“ und werfen den Verantwortlichen mangelnden Respekt vor dem historischen Erbe vor.

Experten sprechen von „Desaster“
Scharfe Kritik kommt inzwischen auch von Denkmalpflegern und Kunsthistorikern. Carlos Henrique Fernández Coto vom galicischen Denkmalschutzverband Apatrigal bezeichnete die Maßnahme als „visuell aggressiv“ und als Eingriff, der nicht zur historischen Architektur des Platzes passe.
Besonders deutlich äußerte sich die spanische Gargoyle-Expertin Dolores Herrero, Gründerin der Plattform „Gargopedia“. Für sie seien die Wasserspeier „nicht einfach nur Dachrinnen“, sondern eigenständige Kunstwerke mit kultureller und symbolischer Bedeutung. Die aktuelle Lösung bezeichnete sie als „Desaster“.
Ausgerechnet die berühmten Gargoyles
Die betroffenen Wasserspeier stammen aus der Renaissancezeit und gehören zu den bekanntesten Gargoyles Spaniens. Sie zeigen groteske Tiere, Dämonen, Mischwesen und nackte Menschenfiguren – typisch für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Bildsprache, die oft provozieren oder moralische Botschaften vermitteln sollte.
Gerade Santiago de Compostela besitzt weltweit eine besondere symbolische Bedeutung. Die Stadt gilt als Ziel des Jakobswegs und zieht jedes Jahr Hunderttausende Pilger an. Die monumentale Altstadt mit ihren romanischen, gotischen und barocken Bauwerken zählt laut UNESCO zu den schönsten historischen Ensembles Europas.
Vom Denkmal zur Touristenattraktion
Ironischerweise haben die umstrittenen Rohre den Wasserspeiern zu neuer Berühmtheit verholfen. Während die Figuren früher von vielen Besuchern kaum beachtet wurden, stehen Touristen inzwischen mit Smartphones auf dem Platz und fotografieren die „durchbohrten“ Gargoyles aus allen Winkeln. In sozialen Netzwerken kursieren bereits zahllose Memes und Nahaufnahmen der Figuren.
Behörden suchen nach Lösung
Die Verantwortlichen verteidigen die Maßnahme bislang damit, dass die Rohre jederzeit wieder entfernt werden könnten und keine dauerhaften Schäden an der historischen Substanz entstanden seien. Angesichts der massiven öffentlichen Kritik prüfen die zuständigen Behörden inzwischen offenbar alternative Lösungen.
Der Fall zeigt erneut, wie sensibel Restaurierungen an historischen Monumenten in Spanien wahrgenommen werden – besonders dann, wenn es sich um ein Wahrzeichen von internationaler Bedeutung handelt. Für viele Spanier steht fest: Die umstrittenen Kupferrohre haben aus einem jahrhundertealten Kunstwerk unfreiwillig ein modernes Internet-Phänomen gemacht.

