421 Menschen leben im Flughafen Madrid-Barajas – jetzt wird der Zugang ohne Flugticket verweigert, Hilfsorganisationen dürfen kein Essen mehr bringen
„Uns wird vorgeworfen, einen Sogeffekt zu erzeugen“, sagt der Koordinator der NGO Bokatas
Reinigungsmaßnahmen mit doppelter Botschaft
Mehrere Tage lang rückten Desinfektionsteams im Flughafen Adolfo Suárez Madrid-Barajas aus, um Gepäckbänder und andere Bereiche zu reinigen – aus hygienischen Gründen, so die offizielle Version. Doch zur gleichen Zeit verschärfte Aena, der staatliche Flughafenbetreiber, den Zugang für die über 400 obdachlosen Menschen, die sich dauerhaft in den Terminals aufhalten.
Wer kein Flugticket vorweisen kann, darf nicht mehr in bestimmte Bereiche. Auch NGOs wie Bokatas, die regelmäßig Mahlzeiten und Decken verteilen, erhalten keinen Zutritt mehr.
„Wir erzeugen keinen Sogeffekt – wir helfen einfach“
„Sie sagen, unsere Hilfe würde weitere Obdachlose anziehen, als sei Armut eine ansteckende Krankheit“, erklärt Sergio Rodríguez von Bokatas. „Aber diese Menschen waren schon hier – sie haben keine Alternative.“
Nach Schätzungen von Freiwilligen leben derzeit rund 421 Menschen dauerhaft im Flughafenkomplex, vor allem in Terminal 1. Viele von ihnen haben infolge der Pandemie, Jobverlust oder steigender Mietpreise ihre Wohnungen verloren.
Beschwerden von Angestellten: Unsicherheit, Schmutz, Prostitution
Neben den humanitären Aspekten wächst auch der Unmut bei den Flughafenangestellten. Reinigungskräfte und Sicherheitspersonal berichten von unhaltbaren Zuständen: unsichere Situationen in den Toiletten, nächtliche Übergriffe, und sogar Hinweise auf Prostitution rund um das Flughafengelände.
„Es ist nicht mehr sicher, nachts allein unterwegs zu sein“, sagt eine Mitarbeiterin. „Einige Kolleg:innen wurden schon bedroht oder beklaut.“
Aena verteidigt sich – NGOs sprechen von „unsichtbarer Vertreibung“
Laut Aena dienen die Maßnahmen dem Schutz der Passagiere und der ordnungsgemäßen Nutzung der Einrichtungen. Doch Hilfsorganisationen kritisieren, dass der Flughafen gezielt versucht, soziale Probleme aus dem Blickfeld der Reisenden zu verbannen.
„Für viele ist der Flughafen kein Transitort mehr, sondern ihr letzter Zufluchtsort“, sagt die Sozialarbeiterin Carmen Rodríguez. „Was wir erleben, ist der Versuch, die Armut unsichtbar zu machen – weg von den Augen der Touristen.“
