Der Sommer in Spanien hat zwei Gesichter. Einerseits das touristische Postkartenidyll: volle Strände, ausgebuchte Hotels, Rekordtemperaturen. Andererseits die verdrängte Realität: leere Grundwasserspeicher, ausgetrocknete Stauseen und ein explodierender Wasserverbrauch. Während der Monate Juli und August spricht niemand von Dürre – das Wort verschwindet aus den offiziellen Reden. Doch kaum beginnt der September, kehrt das Problem mit aller Wucht zurück. Und erneut sind die Balearen die erste Region Spaniens, die den Wassernotstand ausruft
Redaktion Spanien Press
Sóller am Limit: Wasser nur noch für zehn Tage
Am drastischsten ist die Lage in Sóller (Mallorca). Ende August verkündete die Stadtverwaltung einen Notstandsbeschluss: Die Wasservorräte reichen nur noch für zehn Tage. Seither dürfen die rund 13.000 Einwohner weder Pools füllen noch Gärten bewässern, Autos waschen oder Terrassen reinigen. Selbst die Stadtreinigung darf kein Wasser mehr einsetzen.
Die Maßnahmen sorgen für Unmut. Bürgerinitiativen wie Sos Sóller werfen der Kommune vor, bis nach der Tourismushauptsaison gewartet zu haben. „Seit Monaten war klar, dass das Wasser knapp wird. Doch man wollte die Touristen nicht einschränken. Jetzt müssen die Einheimischen verzichten, während der Sommer ungestört ablief“, kritisiert Sprecher Bartu Miró.
Ibiza und Menorca auf historischen Tiefstständen
Auch die anderen Inseln melden alarmierende Zahlen. Auf Ibiza fielen die Wasserreserven im Juli auf 29 % – der niedrigste Wert seit zehn Jahren und nur knapp über dem Negativrekord von 2016. Menorca verzeichnet mit 40 % den zweitschlechtesten Stand seiner Geschichte. Auf Formentera, wo es keine Stauseen gibt und die jährliche Regenmenge kaum 400 Liter erreicht, hängt die Versorgung fast vollständig von entsalztem Meerwasser ab.
Ungleichgewicht: Einschränkungen für Einheimische, nicht für Touristen
Umweltverbände beklagen, dass die Maßnahmen fast ausschließlich die Einwohner treffen. Der Tourismus, der laut einer Studie der Universität der Balearen ein Viertel des Wasserverbrauchs verursacht, bleibe weitgehend verschont. „Ferienapartments müssen lediglich informieren, nicht aber ihren Verbrauch senken. Wieder einmal schränken wir Einheimischen uns ein, während Besucher im Überfluss leben“, kritisiert die Gruppe Menys Turisme, Més Vida.
Der Plan der Regionalregierung
Die balearische Regierung verweist auf ihr Investitionsprogramm: 288 Millionen Euro sollen in den Ausbau der Entsalzungsanlagen, die Modernisierung der Netze und die Verbesserung der Abwasseraufbereitung fließen. Weitere 4,4 Millionen Euro wurden für Projekte zur Wasserwiederverwendung bereitgestellt. Doch viele Bürger sehen die Maßnahmen als zu spät und fürchten eine Wiederholung vergangener Fehler, etwa die Übernutzung von Brunnen, die Grundwasserschichten für ein Jahrzehnt versalzte.
September: die Rückkehr des Problems
Das Muster wiederholt sich: Im Hochsommer bleibt die Dürre ein Tabuthema, während Millionen Touristen die Inseln bevölkern. Erst im September, wenn die Ströme abebben und die Zahlen nicht mehr zu leugnen sind, wird die Lage öffentlich. Und so sind die Balearen auch 2025 wieder die Ersten in Spanien, die den Ernstfall ausrufen müssen.
